Eine schöne Nacht

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Barthold Heinrich Brockes: Eine schöne Nacht (1743)

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In des sapphirnen Himmels Höhen
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Hab ich fast nie der Sternen Schaar
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So herrlich, heiter, hell und klar,
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Und in so reinem Glanz, gesehen,
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Als jüngst in einer Herbstes-Nacht.
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Ich wußte mich an ihrer Pracht
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Nicht satt zu seh’n. Des Mondes Funkeln
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Sucht ihren Silber-weissen Schein
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Umsonst zu schwächen, zu verdunkeln.
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Es war das Firmament so rein,
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Ein gelblich Licht hatt’ überall
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Des Himmels Tiefen angefüllet,
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Der Fluht sonst wallender Krystall,
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Nachdem ihr Wallen sich gestillet,
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Stellt ihren Schimmer hell und klar,
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Als wie in einem Spiegel, dar;
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Wodurch ihr Funkeln doppelt schön,
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Nicht minder unterwerts zu seh’n,
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Als oben an dem Himmel, war.

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In einer grünen Dunkelheit
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Der Bäume, die am Ufer stunden,
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Und sich im Wiederschein verbunden,
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Sah ich der Sternen Herrlichkeit,
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Und ihrer Lichter reines Glimmen
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Jm Wiederschein recht deutlich schwimmen.
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Zween Jupiters, ein Monden-Paar,
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Ward ich, recht im Quadrat, gewahr,

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Wovon zween unter mir, zween oben mir,
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In einer Linie zu sehen.
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Ich fing, in ihrer Pracht und Strahlen-reichen Zier,
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O Schöpfer und Erhalter, mich zu Dir,
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In Ehrfurcht an, mich zu erhöhen:

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Lauter Herrlichkeit und Güte
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Ueberstrahlet mein Gemühte,
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Wenn ich Deine Werke spühr.
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Alle Wunder, die sie weisen,
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Reizen mich, Dich, HErr! zu preisen,
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Alles stammet bloß von Dir.
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Formen, Schönheit, Licht und Leben,
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Aller Cörper Eigenschaft,
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Aller Elementen Kraft,
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Zeigen, preisen und erheben
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Deine Weisheit, Macht und Liebe,
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Die Dich, sie zu schaffen, triebe.
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Sollte denn der Mensch allein,
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Der sie nützt, undankbar seyn?

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Ich ging darauf, recht inniglich vergnügt,
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Auf den, durch manchen schönen Stamm,
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Bepflanzten angenehmen Damm,
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Der zwischen zween sehr breiten Graben liegt.
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Indem ich nun, zu Ende der Allee,
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Mich, linker Hand, zum neuen Wege dreh,

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Sah ich, in meinem sanften Wandern,
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Aufs flach-bethaute Feld, auf einer Seiten,
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Des hellen Mondes Licht sich überall verbreiten,
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Das helle Wasser auf der andern,
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Mit Mond- und Sternen-Bildern,
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Sich recht, als einen Himmel, schildern.
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Nie hatte mir des Nachts die Welt,
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Samt des sapphirnen Himmels Bühnen,
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So schön, so wunderschön geschienen.

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Das mit des Mondes Licht recht angefüllte Feld,
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Von einer fast nicht abzuseh’nden Weite,
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Des Grabens Himmels-Spiegel-Glas,
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Von einer ungemeinen Breite,
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Verbunden, in der schönen Nacht,
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Des Himmels und der Erden Pracht.

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Mein, von so vieler Herrlichkeit, ganz angefüllter Geist
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und Sinn
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Ward reg’, ein holdes Freuden-Feuer schien in mir selbst
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sich anzuzünden.
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Mein denkend Wesen suchte gleichsam sich von mir selber
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zu entbinden,
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Es eilt auf Flügeln der Bewundrung zur Urquell aller
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Schönheit hin;
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Doch war die schnelle Reise kurz. Das Ende war schon
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beym Beginn,
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Die Gottheit war so um, als bey mir, der Schöpfer überall
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zu finden.
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Ich spührt’, in Ehrfurcht, Seine Nähe. Durch die Be-
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trachtung Seines Lichts,
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Und Seiner Unermäßlichkeit, ward fast aus mir ein frohes
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Nichts,

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Die Seele schien zu ihrem Ursprung sich gleichsam näher hin
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zu lenken,
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Und sich, in fröhlicher Empfindung, in Seine Tiefe zu
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versenken.
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Ich wünscht’, in heisser Sehnsucht, Jhm ein Opfer, das
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Jhm lieb, zu schenken,
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Ich schenkt’ Jhm ein, ob Sein Geschöpf, erfreutes Herz,
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ein frohes Denken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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