Der Apfel-Baum

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Barthold Heinrich Brockes: Der Apfel-Baum (1743)

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Mein Geist, entschlage dich der Sorgen! gieb allhier
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Nur fröhlicher Betrachtung Raum!
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Beschaue diesen schönen Baum,
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Erwege seinen Bau, den Stamm, des Wipfels Zier!
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Komm, zähl’, in seiner Zweige Länge,
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Zu Ehren Dem, Der sie und alles macht,
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Der hohlen Ehren-Bögen Menge,
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Woran, mit lebenden Festonen ausgeschmückt,
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Man ein Rubienen-Roht, und fast smaragdne Pracht,
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An Frucht- und Blätter-Werk erblickt!
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Schau, wie sie rings herum, durch eigne Frucht gebogen,
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(als wären sie,
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In Regel-rechter Symmetrie,
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Recht in die Ründ’ herabgezogen,)
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Ein grün Gewölb im Cirkel-Schlag formieren!
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Schau, wie an ihm, mit Aepfeln ohne Zahl,
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Die wie Rubienen glüh’n, im Sonnen-Licht zumahl,
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Die Zweige mehr, als wie mit Laub, sich zieren!
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Schau bey der Röht’ annoch der Schale Glätt’ und Glanz,
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Die halb sich röhtet, halb vergüldet,
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Worauf die Sonne selbst, im kleinen Blick, sich ganz,
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Als wie in einem Spiegel, bildet!
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Wodurch der ganze Baum voll Kugeln von Rubien,
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An Röhte, Glätt’ und Schimmer, schien,
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Wobey man oberwerts, auch unten bey den Stielen,
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Woselbst die Frucht stets etwas eingedrückt,
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Wenn sie die Sonne trifft, bey vielen
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Ein glänzend Cirkelchen, recht Silber-weiß, erblickt.

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Unglaublich ist die mannigfache Weise,
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Wie, auf jedweden Apfels Kreise,
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Das bald sich ründende, bald rückwerts fall’nde Licht,
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Bald abwerts gleitend, sich bald senkt, bald bricht.
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Wie mannigfach die schnell dadurch erzeugten Schatten
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Sich, unsrer Augen Lust noch zu vermehren, gatten.
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Wie oft ein nettes Schatten-Blatt
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Auf einem Apfel sich formieret hat.
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Wie oft sich dunkle, grüne Stellen,
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Durchs schnelle Schlag-Licht, schnell erhellen.
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Durch welches bunte Licht- und bunte Schatten-Spiel
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Ein gleichsam bebendes annehmliches Gewühl
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Jm ganzen Baum entsteht, das lieblich, bunt und schön.
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Ein menschlich Auge kann sich matt, nicht satt, dran seh’n.

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Wie ich mich nun gar oft an seinem bunten Schein
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Vergnügt’, auch oft dabey gedacht:
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Gott Lob! Der diesen Baum gemacht!
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Gott Lob auch! daß er mein!
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Gott Lob! daß ich, wie er so schön,
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Kann mit gesunden Augen seh’n!
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Gott Lob! daß ich, durch ihn, an Den, Der seine Pracht,
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Sowohl für mich, als jedermann,
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Aus lauter Lieb’ hervorgebracht,
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Mit Andacht und mit Lust gedacht!
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Gott Lob! daß ich Jhm dank’, auch daß ich danken kann!

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Wie, sag’ ich, alles dieß oft bey dem Baum gescheh’n;
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Fragt’ einst mein Gärtner, ob ich wollte,
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Daß er, dieweil sie reif, die Aepfel schütteln sollte?
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Ich konnte mich dazu zu anfangs kaum versteh’n,
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Weil ich die Augen-Lust nicht gern verlohr;
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Doch aber kam es mir, wie ich so dachte, vor,

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Als wenn der Baum, beschwehrt von seiner Kinder Last,
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Mir, durch jedweden Zweig, durch jeden krummen Ast,
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Zu sagen schien:
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Ich trug die Bürde nun schon lange gnug für dich.
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Es wurden denn so gleich viel’ Körb’ herbeygebracht,
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Der Gärtner kletterte den Baum hinauf,
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Die Kinder stunden allzuhauf,
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Mit über sich gekehrtem Blick, bedacht,
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Den baldigen gehofften süssen Regen
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Mit vieler Emsigkeit zu sammlen, wie sie pflegen,
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Und oft die schönsten sich einander abzutauschen.

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Kaum hieß es nun:
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Jm Wipfel erst entstand,
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Und gleich fast auf einmahl
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Ein starker Apfel-Sturm von oben in den Sand
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Herab stürzt, deren grosse Zahl,
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Nach ihrer Schwehre Grad, ein starkes Prasseln machte,
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Die grossen trafen früh, die kleinen spät den Grund,
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Viel’ Blätter, die theils grün, theils bunt,
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So auch das Schütteln mit herunter brachte,
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Gelangten, weil sie leicht, am spätsten erst herab,
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Und cirkelten sich in der Luft umher,
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Vergrösserten dadurch die Lust um desto mehr,
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Weil es ein frohes Anseh’n gab,
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Durch ihr sich wirbelndes und sinkendes Bewegen,
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Von einem bunt-gefärbten Regen.

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Ich stand, und sahe dieß, mit Lust und Andacht, an,
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Und dachte, recht gerührt, als ich mich recht besann:
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“was erstlich dem Gesicht allein-
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„muß itzt ein holder Vorwurf seyn

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„auch vom Geschmack, auch vom Gehör;
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„vermehrt denn dieß mit Recht nicht unsers Schöpfers
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Ehr?
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„so laßt uns denn vergnügt dem Geber dankbar werden!
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„noch dacht’ ich ferner dieß, beym fröhlichen Getümmel:
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„jm Sommer kömmt, im Korn, der Segen aus der Erden,
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„jm Herbst kömmt er, im Obst, vom Himmel.
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„soll unser Schöpfer denn für Seine milde Gaben,
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„in unsrer Lust, nicht einst ein dankbar Herze haben?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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