Das vom Wiederschein geschmückte klare Wasser

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Barthold Heinrich Brockes: Das vom Wiederschein geschmückte klare Wasser (1743)

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Hier, wo helle Sittig- grüne mit viel dunkel- grünen
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Schatten,
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Zum Vergnügen unsrer Augen, im polierten Glanz sich
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gatten,
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Sieht man von den weissen Weyden, von dem Schilf und
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niedern Büschen
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Eine deutliche Verdopplung in den Wiederschein sich
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mischen,
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Daß ein es bemerkend Aug’, inniglich dadurch gerührt,
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In dem grünen klaren Glanz, in dem Wasser-Spiegel hie,
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Den so schöne Bilder füllen von der schwimmenden Copie,
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Bald ein ja so groß Vergnügen, als von ihrem Urbild,
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spührt.
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Aber, wenn man alle beyde, öfters wechsels-weis’, erblicket,
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Wird man durch die dopple Pracht doppelt auch dadurch
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erquicket.

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Oft, wenn man, in sanfter Stille, sich an beyder Pracht
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ergetzt,
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Wird man, durch ein schnell Geräusche, fast in kleine Furcht
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gesetzt,
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Wenn, aus grünen nassen Bäumen, Karpen hie und da sich
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heben,
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Und, mit klatschendem Gezisch, in begrünten Lüften
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schweben,
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Bald beschuppte blaue Rücken, bald die gelben Bäuche
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zeigen,

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Und, mit schwankender Bewegung, wieder schnell sich ab-
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werts neigen.
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Da sie denn, mit stärkerm Klatschen, und vergrössertem
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Bewegen,
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Tausend Silber-farbne Cirkel auf der grünen Fläch’ erregen.
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Hat sich nun die vor’ge Stille mählich wieder eingefunden,
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Siehet man die grüne Schönheit wieder, wie zuvor, ver-
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bunden.
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Tausend zierliche Figuren stellen in dem grünen Schein,
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Der so mannigfaltig grün, wie auf Glas gemahlt, sich ein.
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Wie ich eben dieses schrieb, und ich auf des Wassers
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Spiegel
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Einen nah dabey gelegnen Gras- und Kräuter-reichen
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Hügel,
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Auch ein auf ihm weidend Schaf sich im Wasser bilden
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sah;
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Machte mir, nebst andern Bildern, welche auf dem Was-
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ser liegen,
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Durch der Farb- und Formen Schmuck, dieses Bild auch
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ein Vergnügen.
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Aber höret, was geschah!
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Eben auf derselben Stelle, wo das Bild vom Schafe
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schwamm,
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Nah an einer Weiden Stamm,
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Warf von ungefehr ein Fisch aus der Fluht sich in die
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Höhe,
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Welches mich zum Lachen brachte,
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Weil ich bey dem Zufall dachte:
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Dieses dient’, ein gutes Rähtsel etwan folgends abzuge-
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ben:
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(mancher dürft’, es aufzulösen, sich vielleicht umsonst
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bestreben)

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„oerter wären in der Welt, wo es dann und wann geschähe,
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„daß, wenn Schaf’ in vollem Grase auf der fetten Weide
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gingen,
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„jhnen, eh’ man sichs versähe,
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„carpen aus den Rücken sprüngen.

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Diese Grille theilt ich
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Welcher, etwa ein paar Schritt
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Von mir, in dem weichen Grase
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Ein gelehrtes Büchlein lase.
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Der denn, da er diese Wahrheit von dem seltnen Zufall
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wußte,
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Ob er gleich sonst ziemlich ernsthaft, doch darüber lachen
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mußte.

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Darauf fuhr ich, wie vorhin, an dem angenehmen Ort,
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Mit den vorigen Gedanken von dem Schmuck des Wassers,
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fort.
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Oft wird des gefärbten Wassers, und der Bilder-vollen Pracht
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Lieblich- stille, sanfte, dunkle, angenehme, grüne Nacht
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Noch viel schöner unterbrochen, wenn bald die bestrahlte
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Gluht
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Einer Purpur-rohten Bluhme, die am Ufer steht, die Fluht
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Recht mit einem rohten Scheine, wo sie dunkel- grün
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gemahlet,
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Bald des Flieders weisse Blühte, wie ein weisses Licht,
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bestrahlet.
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Oefters sieht man schnelle Lichter auf dem dunklen Grund
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entsteh'n,
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Wenn von denen schnellen Schwalben, die, mit emsigem
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Vergnügen,
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Ueber dieser glatten Bahn, mit bestralten Schwingen, fliegen,
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Auch, im regen Wiederschein, ihre weisse Brust zu seh’n.

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Da denn, durch den regen Schatten, oft ein rauschendes
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Getümmel
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In der Fluht erreget wird, wo ein scheuches Fisch-Gewim-
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mel
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Auf des Wassers Fläche spielt, die, durch ein empfundnes
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Schrecken,
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Sich auf einmahl in die Tiefe wieder suchen zu verstecken.
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Selbst des Himmels schönes Blau scheint auf dieser Fluht
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zu schwimmen,
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Selbst der Sonnen Strahl auf ihr, wie ein güldnes Feur,
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zu glimmen.
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Kurz: es scheint, in einer Landschaft, auf der Fluht der
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Wiederschein,
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Unter allen, was so lieblich, fast das Lieblichste zu seyn.
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Tausendmahl hab’ ich mich hier in das kühle Gras gesetzet,
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Und mich bald am schönen Urbild, bald am Wiederschein,
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ergetzet.
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Da denn erst der Schein zum Urbild, dieß darauf zu Dem
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mich zog,
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Der es, uns zur Lust, erschaffen. Den die Lieb’ allein bewog,
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So viel schönes uns auf Erden, und dazu uns das Gesicht,
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Nebst dem alles zeigenden wunderreichen Sonnen-Licht,
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Bloß zu unserm Nutz und Besten, uns gewürdigt, uns zu
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schenken.
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Möchte man doch solche Güte, solche weise Macht bedenken,
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Und doch das, was gut, als gut, und doch das, was schön,
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als schön,
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Gott zum Ruhm, in unsrer Lust, uns bestreben anzusehn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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