So wie, erpicht auf Braten und Tockayer

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Joseph Franz Ratschky: So wie, erpicht auf Braten und Tockayer Titel entspricht 1. Vers(1783)

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So wie, erpicht auf Braten und Tockayer,
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Der feiste Mönch, der jede Kirchenfeyer
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Der Kirche halb, und halb der Küche weiht,
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Sich auf das Fest des Ordensstifters freut,
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Weil, während man am Hochaltare singet,
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Und feyerlich das blanke Rauchfass schwinget,
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Melodisch auch der Bratenwender schnarrt,
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Und blinkend schon die volle Flasche harrt,
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So sehnt' ich, Freund! mich nach dem Freudenmahle,
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Das gestern du in deinem Gartensaale
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Mir zugedacht: doch, Lieber! das Geschick
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Hielt schadenfroh mich in der Stadt zurück.
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Ich war bereit, mein Wort als Mann zu halten:
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Doch Klärchen zog die Stirn' in dunkle Falten,
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Und sprach voll Ernst: »Landstreicher, bleib zu Haus,
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Und gieb dein Geld nicht stäts für Kutschen aus!
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Ich wittre Sturm; denn mürrisch sitzt die Katze
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Im Winkel dort, und haschet mit der Tatze
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Nicht so, wie sonst, possierlich nach dem Schwanz.
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Mein hohler Zahn fieng gestern abends ganz
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Entsetzlich an zu wüthen, und die Düfte
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Des nahen Schlauchs durchwürzten rings die Lüfte.«

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Unschlüssig stand ich an der Pforte, so
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Wie Cäsar einst am Flusse Rubiko.
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Doch plötzlich ward's am Kahlenberge düster:
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Ein Wirbelwind erhob sich: längst dem Ister
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Versammelten die Wassernymphen sich,
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Ihr Leinenzeug zu retten: fürchterlich
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Balgt' in der Luft der Wind sich mit dem Staube,
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Und mancher Hut ward dem Orkan zum Raube.

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Dem Säufer gleich, der bey dem Trinkgelag
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Mehr Wein verschlingt, als er ertragen mag,
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Spie häufig nun die überfüllte Wolke
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Den Regen aus, und drohete dem Volke,
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Das im Bezirk der weiten Kaiserstadt
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Sich gütlich thut, ein zweytes Sündenbad.
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Manch schönes Kind floh itzt zur Krämerbude,
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Feilscht' allerhand, bot wie ein karger Jude
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Nur halben Preis, und kauft' am Ende nichts.
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Der Wiederkunft des holden Sonnenlichts
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Gewärtig, stand, wie ein verlornes Schäfchen,
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Mit leerem Sack manch armes wälsches Pfäffchen
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Am Kirchenthor, und that beschämt zum Schein,
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Als wollt' es gern nach einer Sänfte schreyn.
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Umsonst bestritt mit ihrem Regenschirme
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Frau Susens Hand des Wirbelwindes Stürme:
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Ihr Obdach fliegt zersplittert in den Koth,
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Und spottend lacht der Pöbel ihrer Noth,

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Welch einen Schwarm von mancherley Gelichter
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Paart' itzt der Sturm! ein auf den Putz erpichter
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Exjesuit, dem seines Kleids Ruin
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Viel näher lag, als Kirchendisciplin,
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Sprach friedlich hier mit einem Jansenisten,
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Und dort stand dicht bey Maurern, Atheisten
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So wie ein Schaaf sanft zwischen Böcken grast

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Wie schmiegte sich, als trommelnd Schloss' auf Schlosse
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Nun über ihm die Wölbung der Karosse
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Erschütterte, so mancher Seladon!
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So schmiegte sich, als einst Laokoon
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Mit frecher Hand dem hölzernen Wallachen
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Auf offnem Markt zu Troja in den Rachen
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Die Lanze stiess, in stäter Todsgefahr
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Im Bauch des Gauls der Griechen feige Schaar,
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Ein Lumpenvolk, das letztlich, gleich brutalen
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Kadetten, statt den Fuhrlohn zu bezahlen,
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Vom Leder zog, die Kutscher Schurken hiess,
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Und sie zum Dank wie Hunde niederstiess.

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Nun stand die Stadt, so weit mein Blick zu sehen
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Vermochte, rings im Wasser, und Trophäen
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Von mancher Art riss die ergrimmte Flut
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Wild mit sich fort. Hier kreutzt' ein alter Hut
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Im Golf herum: dort an der Rhede schifften
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Zwo Hauben hin: hier legten Merzens Schriften,
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Die, leider Gott! das Ketzervolk nicht liest,
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Aus Sympathie an einem Haufen Mist
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Vor Anker sich: dort segelten die Fetzen
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Von einem Hemd mit andern seltnen Schätzen
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Des Trödelmarkts: hier schwamm auf offnem Meer
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Ein armer Schuh, und kläglich hinterher
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Der ganze Kram von einem Hökerweibe.
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Beherzt sah ich durch meine Fensterscheibe,
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Und dachte froh: wie selig ist der Mann,
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Der trocken nun im Zimmer sitzen kann!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph Franz Ratschky
(17571810)

* 21.08.1757 in Wien, † 31.05.1810 in Wien

männlich, geb. Ratschky

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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