In einer Stadt (war's Stockholm, Wien

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Joseph Franz Ratschky: In einer Stadt (war's Stockholm, Wien Titel entspricht 1. Vers(1783)

1
In einer Stadt (war's Stockholm, Wien,
2
Fünfkirchen, Koppenhagen,
3
Konstantinopel oder Brün,
4
Das konnt' ich nicht erfragen).
5
Lebt' einstens Jungfer Klyzie,
6
Ein blühend Kind. Stäts blinzelte
7
Ein Heer verliebter Ritter
8
Nach ihrem Fenstergitter.

9
Doch Thetys, ihre Frau Mama,
10
Litt keinen Pflastertreter,
11
Und Ocean, der Herr Papa,
12
Rief: fort, ihr Schwerenöther!
13
Er war ein Seemann, der, ergieng
14
Ihm's nicht nach Wunsch, gleich jedes Ding
15
Bey seinem Namen nannte,
16
Und keinen Weltton kannte.

17
So ward die Kleine fromm und zahm
18
Erzogen nach dem Schnürchen:
19
Sie eilte, wenn ein Festtag kam,
20
In mehr als zwanzig Kirchen,
21
Und liebte Mess' und Rosenkranz
22
Mehr als Theater, Spiel und Tanz,
23
Bis Phöbus sie erblickte,
24
Und ihr den Kopf verrückte.

25
Mich wundert's nicht; Herr Phöbus war
26
Ein Mann, der durch Koncerte
27
Und Wunderkuren Jahr für Jahr
28
Sein Geldchen brav vermehrte.
29
Auch trugen seine Reimereyn
30
Ihm manchmal ein paar Groschen ein:
31
Er reimt', als ob er hexte.
32
Doch weiter nun im Texte!

33
Apoll wollt' eben heimwärts schon
34
Die Sonnenrosse führen,
35
Um noch mit Wielands Oberon
36
Ein Stündchen zu passiren:
37
Da sah er plötzlich Klyzien
38
In eines Gartens schattichten
39
Kastanienalleen
40
Nach einer Grotte gehen.

41
Flugs band der feurige Galan
42
Der Hengste goldne Zügel
43
Fest an des Steinbocks Hörner an,
44
Sprang über Ebne, Hügel,
45
Steinklippe, Berg und Gartenzaun,
46
Stiess sich die Nase blau und braun,
47
Und kam in vollem Trotte
48
Zum Mädchen in die Grotte.

49
Nett wie ein Klosterkandidat,
50
Und rings mit goldnen Tressen
51
Bebrämt, war Phöbus in der That
52
Ein Stutzerchen zum Fressen.
53
Er sprach:

54
Wen suchen Sie so hastig? ach!
55
Wer sind Sie? rief die Schöne.
56
Ich bin der Herr des Lichtes, sprach
57
Apoll, und
58
Auch Arzt, Poet und Musikus,
59
Und kam, weil ich's doch sagen muss,
60
Mit meinem Herzchen Ihnen,
61
Mein schönes Kind, zu dienen.

62
Viel Dank! sprach Klyzie, nicht wahr?
63
Glaubt' ich den süssen Lügen,
64
So könnt' ich in dem nächsten Jahr
65
Ein Jungferkindchen wiegen?
66
Nein, Engel, nein! schwur Phöbus ihr,
67
Man raube meine Gottheit mir,
68
Wenn ich, du liebe Kleine,
69
Wenn ich's nicht redlich meine!

70
Man reisse mich mit Stumpf und Stiel
71
Heraus aus dem Kalender,
72
Zerschmettre mir mein Saitenspiel,
73
Häng' einen Bratenwender
74
Mir statt des Köchers um den Leib,
75
Und meinen Lorber soll ein Weib
76
Zum Strohwisch sich verwandeln,
77
Sollt' ich nicht edel handeln!

78
Fest schlang er nun den Arm um sie,
79
Und prägt' ein feurig Mäulchen
80
Ihr auf den Mund. Die Schöne schrie,
81
Wie's Jungfern ziemt, ein Weilchen,
82
Scholt, und zerzauste wacker ihm
83
Die Locken: doch ihr Ungestüm
84
Ward mählich immer lauer;
85
Ihr Muth war nicht von Dauer.

86
Ermüdet musste sie zuletzt
87
Dem Feind den Wahlplatz lassen.
88
Potz Blitz! wie hurtig sah man jetzt
89
Apollen Posto fassen!
90
Sie wurde von des Feindes Hand
91
Recht ritterlich traktirt, und fand,
92
Dass ihre Niederlage
93
Ihr trefflich wohl behage.

94
Seit diesem kleinen Duodram
95
Gab's tägliche Visiten.
96
Die Ältern selbst, als Bräutigam
97
Ihn schon betrachtend, bieten
98
Herrn Phöbus alles an im Haus,
99
Und machen sich viel Ehre draus,
100
So einen feinen Knaben
101
Zum Schwiegersohn zu haben.

102
Denn vor den Ältern that Apoll
103
Gar ehrbar und bedachtsam,
104
Als wär' er noch so unschuldsvoll:
105
Er schwatzte traulich nachts am
106
Kamin dem alten Ocean
107
Ein Märchen vor vom Tamerlan,
108
Und gab der Mutter Pillen,
109
Die Gicht und Hundswuth stillen.

110
Dafür durft' er mit Klyzien
111
Auf dem beblümten Anger
112
Selbander sich erlustigen.
113
Wenn's dann zu kühl ward, sang er
114
Zu Haus ihr Weissens Lieder vor,
115
Und amüsirte drauf ihr Ohr
116
Mit Arien der beyden
117
Tonkünstler Gluck und Hayden.

118
Verführt von eitlem Selbstvertraun,
119
Begann nun Jungfer Klyzchen
120
Manch Schlösschen in die Luft zu baun.
121
Erhob ihr Nasenspitzchen
122
Von Tag zu Tage mehr, und liess
123
Schon deutschen Atlas von Paris
124
Nebst Schmuck und Zobelfellen
125
Zum Brautkleid sich bestellen.

126
Doch Klyzchens treuer Seladon
127
Ward plötzlich zum Verräther;
128
Denn unstät war Latonens Sohn
129
Gleich einem Thermometer.
130
Er schlich durch Schmeicheln unversehns
131
Sich in das Herz Leukothoens,
132
Und Klyziens Karessen
133
Begann er zu vergessen.

134
Entzückt von seiner neuen Wahl,
135
Hielt er sein Schelmenstückchen
136
Für löblich; denn Apolls Moral
137
War links und rechts voll Lückchen,
138
Und da an Reitz Leukothoe
139
Viel reicher war, als Klyzie,
140
So schien sein Fehltritt freylich
141
Noch halb und halb verzeihlich.

142
Indess zum drittenmale nun
143
Die Sonne meerwärts sinket,
144
Und bey dem Wassergott Neptun
145
Den Sauerbrunnen trinket,
146
Erfährt die Tochter Oceans
147
Den Meineid ihres Herrn Galans,
148
Und fängt, trotz Wäschernymphen,
149
Erbärmlich an zu schimpfen.

150
Voll Eifersucht und voll Verdruss,
151
Wie ein gereitzter Kater,
152
Trollt sie zum alten Orchamus,
153
Dem königlichen Vater
154
Leukothoens, sich hin, und spricht:
155
Herr Graubart, traut Apollen nicht!
156
Er schläft zur Zeit der Mette
157
In eurer Tochter Bette.

158
Der Teufel soll's dem Lumpenhund
159
Vergelten! sprach der Alte,
160
Und warf das Pfeifchen aus dem Mund:
161
Es drängte Falt' an Falte
162
Auf seinem Antlitz sich. Hatschier!
163
Lauft alsogleich, und holet mir
164
Die unverschämte Dirne!
165
Rief er mit finstrer Stirne.

166
Leukothchen kam. »Was that Apoll
167
»in deinem Schlafgemache?
168
»du läugnest? Ha! dein Heucheln soll
169
»dich reun, du falscher Drache!«
170
So schrie der grausame Papa,
171
Und liess
172
In einen Sarg sie stecken,
173
Und rings mit Erde decken.

174
Nach ein paar kurzen Nänien
175
Zu seines Liebchens Ruhme
176
Verwandelt Phöbus Klyzien
177
In eine Sonnenblume,
178
Die seit der Zeit noch, wie ihr wisst,
179
Der Eifersücht'gen Sinnbild ist,
180
Und wo Apoll sich zeiget,
181
Ihr Köpfchen zu ihm neiget.

182
Ihr Schönen, Klyzchens Strafe mag
183
Zur Toleranz euch leiten;
184
Denn Eifersucht taugt heut zu Tag
185
Noch minder, als vor Zeiten.
186
Die Dame, die zu leben weiss,
187
Giebt ihren Trauten willig preis,
188
Und lässt von muntern Gästen
189
Für den Verlust sich trösten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Joseph Franz Ratschky
(17571810)

* 21.08.1757 in Wien, † 31.05.1810 in Wien

männlich, geb. Ratschky

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.