Ihr Herren, die ihr euch, verführt von eitler Ehre

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Joseph Franz Ratschky: Ihr Herren, die ihr euch, verführt von eitler Ehre Titel entspricht 1. Vers(1783)

1
Ihr Herren, die ihr euch, verführt von eitler Ehre,
2
Den Namen starke Geister gebt,
3
Und bloss nach dem Gesetz, das die Natur gab, lebt,
4
Die ihr der frommen Vorwelt Lehre
5
Zum Ziel profanen Witzes macht,
6
Der Blindheit unsrer Ahnen lacht,
7
Euch lieblos des Verfalls der Bonzenherrschaft freuet,
8
Und Klausnerheiligkeit als Gleissnerey verschreyet,
9
Die ihr auf Bann und Interdikt
10
Mit stolzem Lächeln niederblickt,
11
Und sie als Gaukelspiel verachtet,
12
Ja selbst die Hölle wenig achtet,
13
Verwägne! spitzt die Ohren nur,
14
Und höret, was mir jüngst (noch klappern mir die Zähne
15
Bey der Erinnerung an diese Schreckenscene)
16
Zur Mitternachtzeit wiederfuhr!

17
Ich stand auf einmal an der Pforte
18
Zu jenem unterird'schen Orte,
19
Von dem manch Buch mit Recht so böse Ding' erzählt,
20
Und wo, von gleicher Pein gequält,
21
Der Erde stolze Potentaten
22
Mit armem Bettlervolk auf einem Roste braten.
23
Rings um die Mündung wallte hoch
24
Ein dicker Dampf empor, der schwefelähnlich roch:
25
Es herrschte weit und breit ein schaudervolles Schweigen,
26
Und da ich weder Mensch, noch Their
27
Entdeckte, wagt' ich es, gereitzt von Neubegier,
28
Den finstern Schacht hinabzusteigen.
29
Doch stellt euch mein Entsetzen vor!
30
Kaum war ich innerhalb der Schwelle,
31
So schloss mit wildem Knall sich hinter mir das Thor,
32
Und ach! ich armer Tropf befand mich in der Hölle.

33
Dem Wandrer, neben dem ein Blitz herabfährt, gleich,
34
Stand ich, bis in das Mark erschüttert, stumm und bleich,
35
Und streckte zitternd beyde Hände
36
Verzweiflungsvoll empor: doch eh' ich mir's versah,
37
War schon ein scheusslich Unthier da,
38
Das einem Teufel der Legende,
39
So wie ein Ey dem andern, glich.
40
Wen sucht er, brüllte fürchterlich
41
Der Unhold, hier bey uns? was führt ihn von der Erde
42
Zur Unterwelt herab? will er an Satans Herde
43
Sich wärmen? Nur herbey! ... Ein kalter Schauer lief
44
Bey diesem Antrag mir vom Kopf bis zu den Füssen
45
Durch jedes Glied. Nein, nein, ich bitte, rief
46
Ich zitternd, nur das Thor mir wieder aufzuschliessen.
47
Gemach! erwiedert' er, so ist es nicht gemeint:
48
Wer einmal hier ist, guter Freund!
49
Muss
50
In Ewigkeit bey uns fürlieb zu nehmen.
51
Drum denk' er ja an keine Wiederkehr!
52
Das Privilegium, von hier einst loszukommen,
53
Das Abbadona sich, so wie ich jüngst vernommen,
54
Erschlichen haben soll, erhält wohl keiner mehr.
55
Auf! folg' er mir, wohin ich ihn geleite!
56
Nur da hinaus zur linken Seite!

57
Mein Sträuben half hier nichts; drum gieng ich willig mit,
58
Wir wanderten ganz sachte, Schritt für Schritt,
59
(denn wo kein Scheiterhaufen glühet,
60
Bey dem man Sünder brät und brühet,
61
Ist's, wie sich leicht erachten lässt,
62
Nicht wenig finster in der Hölle)
63
Und kamen endlich an die Stelle,
64
Wo Seelen ohne Zahl, in Pfannen eingepresst,
65
Gebraten auf dem Rost, und aufgehenkt an Spiessen,
66
Für eines Stündchens Lüsternheit,
67
Die keinem Beichtiger zur österlichen Zeit
68
In's Ohr geflüstert ward, nun ewig schmachten müssen.
69
O Himmel, hilf! welch ungeheure Schaar
70
Verworfener von mancherley Gelichter
71
Bot rings umher sich meinen Blicken dar!
72
Hier schnitt ein Potentat erbärmliche Gesichter,
73
Und rief: ich Thor! warum gab ich des Volkes Schweiss,
74
Den öffentlichen Schatz nicht meinen Bonzen preis?
75
Ich wäre dann wohl fern von Satans Bratenwender,
76
Ja stünd' als Heiliger im römischen Kalender.
77
Dort riss ein Philosoph das Haar sich aus dem Kopf,
78
Und heulte laut: weh mir! ach! hätt' ich armer Tropf
79
Doch alles blind geglaubt, und meine dreiste Nase
80
In kein profanes Buch gesteckt,
81
So läg' ich nun nicht hier auf Kohlen hingestreckt,
82
Und wär' im Himmelreich bey meiner alten Base.

83
Dienstfertig und galant, wie jeder Franzmann ist,
84
Kam Meister Rabelais, mich freundlich zu empfangen,
85
Und als er mich wohl zwanzigmal geküsst,
86
Begann er mich auf mein Verlangen
87
Mit der verwägnen Frevlerzunft,
88
Die, was von Bändigung der menschlichen Vernunft
89
Die schwarzen Herrn von ihrem Dreyfuss sprachen,
90
Nicht achtete, bekannt zu machen.
91
Hier, sprach er, sehen Sie den Spötter Lucian,
92
Den Erbfeind frommer Scharlatane,
93
Der lächelnd dem verjährten Wahne
94
Die Spitze bot. O Freund! das ist ein Wundermann,
95
Der durch des Witzes Talisman
96
Nicht selten selbst dem bösen Feinde
97
Ein Lächeln abgewinnen kann.
98
Die ganze höllische Gemeinde
99
Ist ihm von Herzen zugethan.
100
Dort sitzt Professor Bayl', und sinnt auf neue Zweifel,
101
Wodurch er dann und wann die Existenz der Teufel
102
Auch hier trotz allem, was er sieht
103
Und höret, ungewiss zu machen sich bemüht,
104
Bis Lucifers Gefolg zu neuer Wuth erwachet,
105
Und ihn ein schwarzer Polyphem
106
Unwiderlegbar fühlen machet,
107
Des Teufels Wirklichkeit sey mehr als ein Problem.
108
In einer heissen Tonne sitzend,
109
Und, einem Braten gleich, am ganzen Leibe schwitzend,
110
Seufzt in dem Winkel dort der arme Dechant Swift,
111
Der einst des Spottes ätzend Gift
112
Hohnlächelnd auf Kalvin und auf den Papst zu triefen
113
Sich unterstand, und drum itzt in den Tiefen
114
Des Höllenschlunds, vermaledeit
115
Von zweyer Kirchen Theologen,
116
Die er durch seinen Kiel sich auf den Hals gezogen,
117
Sich hinterm Ohre kratzt, und, was er schrieb, bereut.
118
In jener Ecke harrt schon vorlängst auf Voltären
119
Nicht fern von Lucian ein unbesetzter Stuhl,
120
Falls Frankreichs Bonzen nicht, eh' ihn der Feuerpfuhl
121
Mit Haut und Haar verschlingt, den alten Gauch bekehren.

122
Noch zeigte Meister Rabelais
123
Im traulichen Gespräch mir manchen, dessen Schriften
124
Beym blinden Layenvolk so vieles Unheil stiften,
125
Und der dafür nun ewig Ach und Weh
126
Im Höllenabgrund ruft. So ist denn wirklich, dachte
127
Ich endlich bey mir selbst, so ist denn alles das,
128
Was ich von Satans Reich in Kochems Werken las,
129
Kein blosses Märchen? und erwachte.

130
O möchte doch diess grässliche Gesicht,
131
Ihr losen Spötter, euch zur ernsten Lehre dienen!
132
Möcht' euer frecher Mund der Hölle Strafgericht
133
Kein Pfaffenmärchen mehr zu schelten sich erkühnen!
134
Doch leider! hör' ich schon die Herren eures Schlags
135
Auch über diese Warnung spassen:
136
»mit Lucian und seinen Schülern mag's
137
»sich selbst im Höllenpfuhl nicht übel leben lassen.«
138
Ja, Freunde, dürfte man dort unten sich die Zeit
139
Durch munteres Gespräch und frohen Witz vertreiben,
140
So stünd' auch meine Hand bereit,
141
Durch Ketzereyn sich wund zu schreiben.
142
Allein beym mindsten Scherz, der euch entschlüpfet, giesst
143
Ein Teufel, der schon alt und wetterlaunisch ist,
144
Euch siedend Pech auf's Haupt: dann lasst ihr's gerne bleiben.
145
Drum, meine Herren, überdenkt
146
Die Sache reiflich, und beschränkt
147
Die leidige Vernunft um eures Heiles willen!
148
Bereuet, widerruft, wirkt Buss', und schreibt Postillen!
149
Denn wahrlich, wahrlich sag' ich euch:
150
Die Ewigkeit ist lang, zumal im Höllenreich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Joseph Franz Ratschky
(17571810)

* 21.08.1757 in Wien, † 31.05.1810 in Wien

männlich, geb. Ratschky

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.