Der Musengott war lange schon

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Joseph Franz Ratschky: Der Musengott war lange schon Titel entspricht 1. Vers(1783)

1
Der Musengott war lange schon
2
Auf seine Jünger böse,
3
Weil am geweihten Helikon
4
Beym stäten Mordgetöse
5
Der zügellosen Dichterschaar
6
Kein kluges Wort zu sprechen war.

7
Des Morgens Herold, Vater Hahn,
8
Entkroch dem stillen Bette
9
Der Henne kaum, so hörte man
10
Auch schon die tolle Mette,
11
Oft trieb der scythische Tumult
12
Apollen von dem Bücherpult.

13
Er liess sich von Thaliens Hand
14
Den Fliegenwedel reichen,
15
Und zwang die Herrn, bis an den Rand
16
Des Pindus zu entweichen:
17
Allein beym nächsten Morgenroth
18
Gerieth er in die alte Noth.

19
Einst ward dem Gott der Kopf so warm,
20
Dass er in's Weinhaus eilte,
21
Wo Bachus oft mit seinem Schwarm
22
Die halbe Nacht verweilte.
23
Silen! lang' einen Sessel her!

24
Sprich, Bruder Phöbus! was, beym Styx!
25
Bringst du für neue Zeitung?
26
Freund! sprach Apoll nach einem Knicks
27
Mit Mienen voll Bedeutung,
28
Ich hab' es hin und her bedacht,
29
Ich gebe den Parnass in Pacht.

30
Für hundert Stück Zechinen bist
31
Du heuer Herr der Dichter,
32
Und was für dich ein Hauptpunkt ist,
33
Du wirst durch neun Gesichter,
34
Die Momus selbst sich nicht erkühnt
35
Zu tadeln, Tag und Nacht bedient.

36
Ha! schrie der Traubenvater auf,
37
Der Handel lässt sich hören:
38
Ich gebe dir den Handschlag drauf.
39
Topp! ohne viel zu schwören!
40
Was gilt's? beym nächsten Festtagsschmaus
41
Sieht mir der Pindus anders aus.

42
Stracks rief er seiner Dienerschaft,
43
Den Satyrn und Mänaden,
44
Und gab Befehl, den Rebensaft
45
Hübsch hurtig aufzuladen,
46
Und Evoe! nun gieng's im Nu
47
Dem steilen Dichterhügel zu.

48
Der ganze Pindus lief, als man
49
Den Zug ersah, entgegen,
50
Wie, wenn dem Hafen Schiffe nahn,
51
Die Waarenträger pflegen.
52
Willkommen, Nektar! nur herab!
53
Rief man, und lud die Fässer ab.

54
Der Wein lag kaum im Keller fest,
55
So hatten auch, beym Plunder!
56
Die Herrn Poeten schon den Rest,
57
Und plötzlich stand, o Wunder!
58
Wo man sonst Lorberwälder sah,
59
Ein ganzer Hain von Reben da.

60
Nun war alltäglich Bachanal:
61
Man soff sich halb zu Tode.
62
Ein derber Rausch beym Abendmahl
63
Ward allgemach zur Mode.
64
Da schleuderte man Teller, Topf
65
Und Krug einander an den Kopf.

66
Oft sucht' ein trunkner Dichterling
67
Ein Küsschen zu erschleichen:
68
Allein die keusche Mus' empfieng
69
Den Faun mit Backenstreichen.
70
Wie hurtig schlich mit seinem Lohn
71
Das junge Herrchen sich davon!

72
Die Musen wollten anfangs noch
73
Vom Traubensaft nichts hören:
74
Bald aber liessen sie sich doch,
75
Bescheid zu thun, bethören.
76
Pfui, Mädchen, pfui! besorgt ihr nicht
77
Ein kupferfarbiges Gesicht?

78
Die rasche Pachtzeit strich vorbey,
79
Und Phöbus kam nun wieder:
80
Schon fern durchdrang ihm das Geschrey
81
Der Säufer Mark und Glieder.
82
Er trat, vor Ärger starr und stumm,
83
In sein entweihtes Heiligthum.

84
Seit dieser Zeit versucht' er zwar
85
Gelindigkeit und Strenge:
86
Allein noch tönen immerdar
87
Unbändige Gesänge
88
Von Nektarglut und Traubennass
89
Herab vom taumelnden Parnass.

90
Wem immer nur ein Reimchen glückt,
91
Prahlt in den schalsten Jamben,
92
Dass ihm der Wein den Kopf verrückt:
93
Es hagelt Dithyramben,
94
Und mangelt Wein, so stimmet man
95
Beym Wasserkrug ein Zechlied an.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Joseph Franz Ratschky
(17571810)

* 21.08.1757 in Wien, † 31.05.1810 in Wien

männlich, geb. Ratschky

österreichischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.