Fünfter Gesang

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Friedrich von Cronegk: Fünfter Gesang (1744)

1
Noch immer segn' ich euch, ihr schwermutsvollen Stunden!
2
In eurer Unruh' hat mein Geist die Ruh' gefunden.
3
Kein wahres Übel ist erhabner Seelen Schmerz;
4
Und edle Traurigkeit verbessert nur das Herz,
5
Noch immer segn' ich euch, empfindungsvolle Zähren!
6
Ihr fließt nur, um in mir die Tugend zu ernähren.
7
Ihr Menschen! die ihr euch um ird'sche Güter grämt,
8
Mitleiden Schwachheit nennt und euch zu fühlen schämt;
9
Die noch kein edler Schmerz zur Menschlichkeit geführet,
10
Die kein erhabner Zug der Zärtlichkeit gerühret,
11
Die aus Gewohnheit fromm, aus Trägheit tugendhaft,
12
Das Vorurteil erhöhn, das die Vernunft bestraft:
13
O seid ihr euch geneigt, so lernt an meiner Jugend,
14
Und glaubt, Fühllosigkeit ist keine wahre Tugend.
15
Oft seid ihr lasterhaft, wann ihr euch weise scheint:
16
Die Torheit lachet oft, wann wahre Tugend weint.
17
Glaubt nicht, daß Menschlichkeit, glaubt nicht, daß edle Zähren
18
Und reiner Liebe Trieb des Weisen Herz entehren.
19
Die Liebe fliehet ihr oft bloß aus Eitelkeit,
20
Weil ihr nicht glücklich g'nug, sie zu empfinden, seid;
21
Und weil der schwache Geist, mit Unverstand umhüllet,
22
Den mächt'gen Trieb nicht kennt, der edle Seelen füllet.
23
Der geiz'ge Claudius flieht der Verschwendung Reiz;
24
Und aus Verschwendung flieht ein Nometon den Geiz.
25
Sie schwärmen beide. Gut! wie soll ich diese nennen,
26
Die andre Triebe schmähn, weil sie sie noch nicht kennen
27
Und glauben, daß ihr Herz der strengen Tugend treu,
28
Und ihm der Himmel noch gar sehr verbunden sei;
29
Weil sie die Lüste fliehn, die sie nicht zu genießen
30
Und selbsten im Genuß nicht zu empfinden wissen?
31
Nein! Tugend nähret sich durch innerlichen Streit;
32
Der meisten Laster Quell ist die Fühllosigkeit.
33
Wann, schon vor Alter grau, Selencus, was er liebet,
34
Dem krank gewordnen Sohn mit spätem Mitleid gibet:
35
Soll dieses Tugend sein? Nein, hier vermiss' ich sie:
36
Gleichgültig, ist sie mir ein Anschein ohne Müh'.
37
Doch wenn ein Scipio, noch bei erhitzter Jugend,
38
Das, was er liebt, verliert, das nenn' ich Heldentugend.
39
Standhaftigkeit ist zwar des Weisen größte Zier:
40
Doch wo er standhaft bleibt, dort erst verzweifelt ihr.
41
Da, wo er menschlich weint, schämt ihr euch, mit zu weinen;
42
Ihr wollt nicht weise sein; ihr sucht es nur zu scheinen.
43
Ein Weiser bleibet groß, wann Erd' und Himmel bricht:
44
Ihn decken kann ihr Fall, doch ihn erschrecken nicht.
45
Er kennt der Lüste Wahn; sie reizen ihn vergebens:
46
Ganz still durchschleichet er den dunkeln Weg des Lebens.
47
Der Blitz, den andre scheun, erhellt nur seine Bahn:
48
Ihm dient sein furchtbar Licht, das ihn nicht schrecken kann.
49
Schnell irrt sein kühner Blick durch jene Ewigkeiten:
50
Welch ein vergnügter Blick! Er wird den Tod von weiten,
51
Doch auch der Seelen Trost, in jenem Schimmer sehn.
52
Die Stunden fliehn! er dankt, daß sie so früh vergehn.
53
Gelassen flieht er nun den Schwarm gedrohter Plagen.
54
Ein Cato weicht dem Glück; er kann sein Unglück tragen.
55
Kein aufgebrachter Stolz trotzt wütend dem Geschick.
56
Kein Aberglaube hält die kühne Faust zurück.
57
Sein Tod soll ihm nicht Schmach, doch auch nicht Ruhm erwerben:
58
Und mutig leiden ist noch mehr als mutig sterben.
59
Doch bei des Freundes Tod weint sein empfindend Herz:
60
Kein schlecht verstandner Stolz verbeißet seinen Schmerz.
61
Er will nur standhaft sein, jedoch nicht fühllos scheinen:
62
Er weinet, wie vielleicht die Engel selbsten weinen;
63
Und so, daß man dabei den Weisen nicht vermißt;
64
Er ist der Menschheit Ruhm, daß er noch menschlich ist.
65
Was ist es für ein Glück, daß Weise Menschen bleiben.
66
Ihr Herz nur wird gerührt, nichts kann den Sinn betäuben.
67
Von ihnen, Menschen, lernt, euch edler Tugend weihn:
68
Die größte Weisheit ist's, ein wahrer Mensch zu sein.
69
Ich seh' den Weisen nicht, wo mir der Mensch verschwindet:
70
Der kann nicht standhaft sein, der keinen Schmerz empfindet.
71
O Jüngling, wenn dein Herz sich echter Tugend weiht,
72
O so eröffn' es bald erhabner Zärtlichkeit!
73
Wer zärtlich denkt und fühlt, den quält zwar heft'ges Leiden:
74
Doch auch den Sterblichen sonst fast versagte Freuden
75
Erfüllen seine Brust und sind der Tugend Lohn:
76
Den Vorschmack fühlet er von sel'gen Freuden schon.
77
Wer zärtlich denkt und fühlt, den wird kein Hof verblenden;
78
Er wird auf beßres Glück die mut'gen Augen wenden;
79
Er sieht es, daß nur Lieb' und Freundschaft glücklich macht:
80
Und Lieb' und Freundschaft fliehn bei stolzer Fürsten Pracht.
81
Er wird nicht voller Wut nach falscher Ehre trachten,
82
Ihn weckt kein Feldgeschrei zu blutbegier'gen Schlachten.
83
Kennt ihn auch nicht die Welt: sie zu besitzen nicht,
84
Sie glücklich machen ist der wahren Tugend Pflicht.
85
Mausolens Grabmal trotzt den prächtigsten Palästen.
86
Dann, wann er zärtlich war, war Philipps Sohn am größten.
87
Es sucht kein edles Herz, von Zärtlichkeit gerührt,
88
Des Kaisers flücht'ge Gunst, die dich, Sejan! verführt.
89
Staatsstreiche nennet er sehr oft Verrätereien,
90
Und Falschheit wird er mehr als alles Unglück scheuen.
91
Wenn, Claudian! dein Geiz die arme Witwe drückt,
92
Die Flüche wider dich zum harten Himmel schickt;
93
Quält nach dem langen Tag die Sorge dich im Schlafe;
94
Fühlst du schon zum voraus die so verdiente Strafe.
95
O du, der Schätze häuft, o sieh dein Unglück ein,
96
Und lern der Zärtlichkeit ein edles Herze weihn!
97
Das Herz des Menschenfreunds wird Geiz und Wollust meiden:
98
Es fühlt sein Innerstes des Nebenmenschen Leiden.
99
Es weint, wenn jenes weint, und weinet unverstellt,
100
Und zeiget uns sein Herz, zu groß für unsre Welt,
101
Wann ein Apicius, von Wollust stets betäubet,
102
Dem Überfluß im Schoß, noch unzufrieden bleibet,
103
Und klagt, daß die Natur die Menschen eingeschränkt,
104
Und keine Lüste mehr abwechselnd uns geschenkt:
105
So lacht ein zärtlich Herz, nur fähig edler Triebe;
106
Es find't des Lebens Glück in einer reinen Liebe.
107
Zu niedrig ist für ihn der Lüste hitz'ger Brand,
108
Weil er ein besser Gut in Doris' Küssen fand.
109
Da wohnt die Wollust nur, wo reine Zärtlichkeiten
110
Ein jung unschuldig Paar zum keuschen Eh'bett leiten.
111
Ihm ist die Lust zu grob, die dich, Apitz, beseelt:
112
Nur das ist wahre Lust, die keine Reue quält.
113
Ein edles Herz kann nur von edlen Flammen brennen.
114
Und sollt' auch das Geschick ihn von der Liebsten trennen,
115
So folgt er dem Geschick, wenngleich sein Herze bricht:
116
Fühlt er gleich allen Schmerz; er schweigt und murret nicht.
117
Die Tugend liebt er mehr, die Liebste wie sein Leben.
118
Die Tugend nur allein kann sie ihm wiedergeben.
119
Die Seele bleibt nicht stets in der Gefangenschaft:
120
Er wird sie wiedersehn; drum lebt er tugendhaft;
121
Nicht tugendhaft aus Stolz, nicht tugendhaft aus Zwange.
122
Fehlt auch ein zärtlich Herz, so fehlt es doch nicht lange.
123
Es fühlt, daß Tugend nur uns recht vergnügen kann,
124
Und reuvoll kehrt er um nach der verlaßnen Bahn,
125
Zu stiller Tugendbahn, um noch mit edlen Tränen,
126
Verlöschend sein Versehn, die Weisheit zu versöhnen.
127
Die Zärtlichkeit hat erst zur Tugend mich geführt:
128
Durch sie ward meine Brust von deinem Reiz gerührt,
129
Zemire! sieht dich gleich mein traurigs Aug' nicht wieder,
130
Statt Tränen weih' ich dir empfindungsvolle Lieder.
131
Verschont sie ungefähr die strenge Flucht der Zeit,
132
So lebt dein Name noch und meine Zärtlichkeit.
133
So wird einst unser Ruhm im Munde künft'ger Schönen,
134
Vom Untergang befreit, bisweilen noch ertönen.
135
Ein Jüngling, der von der, die er geliebt, entfernt,
136
Den Schmerz der Zärtlichkeit gleich mir empfinden lernt;
137
Der tröstet sich vielleicht, wenn ich ihn klagend rühre,
138
Und preist die Zärtlichkeit und segnet dich, Zemire!
139
Vielleicht werd' ich alsdann aus unermeßnen Höh'n
140
Bei schauervoller Nacht mitleidend auf ihn sehn.
141
O Jüngling, tröste dich und trockne deine Zähren:
142
Dein Schmerz ist groß; jedoch er wird nicht ewig währen.
143
Der nur kann fühllos sein, den das Geschick bestraft;
144
Sei zärtlich, sei getrost und lebe tugendhaft!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Friedrich von Cronegk
(17311758)

* 02.09.1731 in Ansbach, † 01.01.1758 in Nürnberg

männlich

| Pocken

deutscher Dramatiker, Lyriker und Essayist (1731-1758)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.