Erster Gesang

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Johann Friedrich von Cronegk: Erster Gesang (1752)

1
Dir, schauervolle Nacht der heil'gen Einsamkeit,
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Dir, traur'ge Stille, sei mein zärtlich Lied geweiht!
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Die müde Seele sucht in deinen Dunkelheiten
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Die beim mühsamen Schwarm scheinbarer Eitelkeiten
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Von allen Sterblichen umsonst gesuchte Ruh':
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Ihr sing' ich, und der Hain hört mir stillschweigend zu.
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Es herrsche durch den Wald die heilig öde Stille!
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Hier, wo ich mich versenkt in meinen Schmerz verhülle,
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Verdopple sich die Nacht! Ein mächt'ger Schauer rauscht
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Durch das erschrockne Tal, in dem kein Waldgott lauscht.
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Die Nymphen dieses Walds entfliehen voller Schrecken.
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Zu klagen soll mein Lied den Widerhall erwecken;
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Ihr Büsche, schließet mich in heil'ge Schatten ein!
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Mein Schmerz durchdringe selbst den unbelebten Hain!
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Die Einsamkeit allein soll meine Klagen hören;
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Sie berge meine Wut und die erhitzten Zähren!
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Es wird vielleicht in ihr mein reger Schmerz gestillt.
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Die segn' ich, Einsamkeit; du bist des Grabes Bild.
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Die Seele lernt in dir sich selbsten erst empfinden,
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Und sie erstaunet oft, sich selbst so groß zu finden.
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O wann ich einst in euch mein Leben durchgedacht,
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Schließt sich mein nasses Aug' zu einer ew'gen Nacht:
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O dann verberget noch, ihr schauervollen Haine,
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Den überbliebnen Rest der modernden Gebeine!
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Laßt keinen kühnen Blick der Sterblichen dazu!
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O Seele, fliehe bald zu dieser tiefen Ruh'!
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Empfindungsvoller Freund! auch dich vielleicht umschließen
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Entfernte Haine nun mit heil'gen Finsternissen;
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Alcipp, empfang dies Lied und denk an deinen Freund,
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Der nun, von dir entfernt, der Jugend Rest durchweint.
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Vielleicht wann du den Schmerz, der mich verzehrt, erfährest
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Und auf die vor'ge Zeit den Blick zurückekehrest,
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Fließt eine Zähre dir mitleidend vom Gesicht.
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O Freund, o schäme dich der edlen Zähren nicht!
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Dein Herz wär' nicht so groß, wenn es nicht fühlend wäre.
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Dies ist das einzige, was ich von dir begehre.
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Wenn Fühlen Schwachheit heißt, so ist die Schwachheit schön:
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O könnt' ich sie doch nur, die edlen Tränen, sehn!
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Die Einsamkeit verbirgt noch unser beider Schmerzen;
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Die einz'gen Zeugen sind nur unsre eignen Herzen.
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Schutzgeister, die vielleicht mitleidend um uns stehn,
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Nur diese können noch die stillen Tränen sehn.
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Ihr, die ihr um mich schwebt, und wie soll ich euch nennen?
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Ihr weinet selbst vielleicht, wenn Geister weinen können;
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Und ist mein traurig Lied hierzu nicht allzu schwach,
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So weint uns noch vielleicht die Nachwelt fühlend nach.
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Doch was soll Nachwelt sein? kann uns ihr Beifall rühren?
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Und wenn sie mich nicht kennt, was werd' ich wohl verlieren?
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Nein! wenn sein eignes Herz ihm nur den Beifall gibt,
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Das ist genug für den, der wahre Tugend liebt.
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Was ist die Nachwelt wohl, von unsrer Welt geboren?
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So, wie die itz'ge Welt, besteht sie meist aus Toren.
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Ihr, die ihr nach uns lebt, erblickt ihr dies Gedicht,
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Verzeiht! ihr sagt vielleicht: der Dichter irrte nicht.
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Alcipp! Nein, dies ist nicht der Ruhm, wornach wir streben:
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Wir sind uns eine Welt; wir können uns erheben.
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Gesetze flößt uns nur Vernunft und Tugend ein:
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Nur unser eigen Herz kann unser Richter sein.
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So wenig Freuden auch das Glück uns sonsten schenket:
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Alcipp, der ist beglückt, der so erhaben denket.
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Ist ein empfindend Herz der Ursprung unsrer Pein:
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Er muß der Ursprung auch von unsrer Größe sein,
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Und eben dies Gefühl und eben diese Schmerzen,
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Erhöhen unsern Geist zugleich mit unsern Herzen.
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Die ihr euch glücklich denkt, wann euch die Welt betäubt,
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O wie bedaur' ich euch, wenn ihr im Schlummer bleibt!
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Stolz auf Unsterblichkeit, erhöhn sich edle Seelen;
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Der bessern Welt gewiß, kann sie kein Unfall quälen.
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Geschick! Oh! bring mich bald zu dieser bessern Welt!
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In dieser ist nicht mehr, das mich zurückehält.
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Du, du kannst mir allein die Welt erträglich machen,
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Ich sah die Blumen blühn, den Himmel heiter lachen.
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Sobald ich dich erblickt, fühlt' ich der Menschheit Glück,
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Zemire! Doch uns trennt ein trauriges Geschick.
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Zemire, erster Wunsch der unbefleckten Seele?
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Du warst mein erster Wunsch; du wirst der letzte sein.
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Die Welt ist ohne dich ein Aufenthalt der Pein.
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Was hilfst du mir itzund, umsonst geliebte Tugend?
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Was hilfst du mir itzund, umsonst verblühte Jugend?
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Zu grausam war das Glück, zu streng war unsre Pflicht.
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Ja, Himmel, es ist hart! Doch nein! ich klage nicht.
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Nicht klag' ich! Ein'ge Zeit genoß ich doch mein Leben.
83
Alcippen hast du mir zum wahren Freund gegeben;
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Du hast Zemiren mir auf kurze Zeit gegönnt.
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Sie war für mich gemacht; und ach! sind wir getrennt?
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Von allen beiden fern, soll noch mein zärtlich Klagen,
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Wann sich mein Auge schließt, die Namen stammlend sagen.
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Alcipp, du bist noch dort, in jenem Aufenthalt,
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Aus dem das Glück mich riß; noch grünt für dich der Wald,
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Noch lächeln dir vergnügt die blumenreichen Heiden:
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Es schweben dort um dich die jugendlichen Freuden
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Mit leichten Flügeln noch, die zu verschwinden drohn:
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Sobald man sie recht sieht, so sind sie schon entflohn.
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Du fühlest noch die Welt und ihre prächt'gen Freuden:
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Des Lebens Sonne kann dein heitres Aug' noch weiden.
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Doch ich seh' schwermutsvoll, mit zärtlich nassem Blick,
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In eine nur für mich betrübte Welt zurück,
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Die ihren ganzen Reiz für mich allein verloren,
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Wo jegliches Geschöpf zur Freude sonst geboren.
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Ach! es war eine Zeit, in der ich sie genoß,
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Wo bei Zemiren mir die Stunde sanft verfloß.
102
Damalen blühte noch der Frühling meinem Blicke,
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Und in den Tränen selbst fand ich ein stilles Glücke.
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Ließ mein erhitzter Sinn der Zärtlichkeit den Lauf:
105
So trocknete mein Freund die traur'gen Zähren auf.
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Oh! Himmel! und ich sah – O Zeit! du bist vergangen!
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Auch eine Zähre sah ich auf Zemirens Wangen,
108
Von Zärtlichkeit erregt; zum Lohn für meinen Schmerz
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Erfrischte dieser Blick mein zärtlich schmachtend Herz.
110
Mein Schmerz selbst wurde Lust, geteilt mit meiner Schönen.
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O lang beseufztes Gut! o unvergeßne Tränen!
112
O Seele, denke du! denn sagen kann ich's nicht;
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Denk nur an jenes Glück, das noch dies Herz durchbricht.
114
Wie, Seele, war dir da, als mir Zemire sagte,
115
Sie fühle das für mich, was ich ihr seufzend klagte?
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Wie fühltest du nicht da der Wollust Überfluß,
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Als du mir fast entgingst, versenkt in einen Kuß?
118
So bist du denn vorbei, o Zeit voll Seligkeiten?
119
Umsonst nur ruf' ich dir und seh' dich noch von weitem.
120
Doch stürme nur, Geschick, weil du so grausam bist;
121
Betrübe mich noch mehr, wenn es dir möglich ist!
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Die Lust ist schon genug, die du mir einst gegeben:
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Ein solcher Augenblick ist mehr als sonst ein Leben.
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Ein solcher Augenblick ist aller Schmerzen wert,
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Mit denen mich dein Zorn, von ihr entfernt, beschwert.
126
Alcipp, genieße du der Jugend Fröhlichkeiten:
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Doch mitten im Genuß denk an die künft'gen Zeiten.
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Bedenk, daß das Geschick, das über mich ergrimmt,
129
Auch dich, o Freund, vielleicht zu gleichem Schmerz bestimmt.
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Auch du wirst einst vielleicht in Einsamkeiten weinen;
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Auch dir wird einst die Welt betrübt und öde scheinen;
132
Dann fühlst du meine Pein; dann klagt dein bittrer Schmerz
133
Die ganze Welt sonst an, nur nicht dein eignes Herz.
134
Und dieses ist genug, um alles auszustehen.
135
Dann kannst du auf die Welt, gleich mir, zurückesehen:
136
Es sieht ein stiller Geist, der von der Welt entfloh,
137
Den liebgewesenen, nun öden Körper so.
138
Als ich noch glücklich war, als die vergnügten Tage
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Sanft schleichend mir entflohn, war ich nicht ohne Klage.
140
Die kleinste Hindernis, der mindeste Verzug
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Trieb mich zum Ungestüm, war mir zur Qual genug,
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Wann eitler Hitze voll mir Tränen oft entrollten,
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Die dazumalen nur aus Freuden fließen sollten.
144
Mich quälte zum voraus der Zukunft drohnde Not;
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Nun hat das Glück erfüllt, was es mir dort gedroht.
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Ich bin von ihr entfernt; nichts hab' ich mehr zu scheuen;
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Ich konnte meine Pein zum voraus prophezeien.
148
Itzt, da es wirklich ist, was ich sonst nie so nah
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Und zitternd und voll Wut betrübt von ferne sah,
150
Itzt, mitten in dem Schmerz, itzt fühl' ich in der Stille,
151
Daß auch die größte Pein versteckten Trost verhülle,
152
Und daß ich, geb' ich gleich mein ganzes Glücke hin,
153
Zwar hoffnungslos und doch nicht ganz unglücklich bin.
154
Ein Herz, das schon gewohnt, erhaben zu empfinden.
155
Ist zwar zu groß dazu, sein Glücke hier zu finden.
156
Der Vorschmack künft'ger Lust und einer bessern Welt
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Ist, was den Aufenthalt der Sterblichen vergällt.
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Doch eben dieser Geist ist hier auf unsrer Erden
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Zugleich zu groß dazu, ganz unbeglückt zu werden.
160
Seltsamer Widerspruch! Gemisch von Lust und Schmerz!
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Alcipp, wer kennt ihn wohl? Doch fühlet ihn das Herz,
162
Du warst schon schwermutsvoll im Schoße heitrer Freuden;
163
Nun lerne fröhlich sein, auch mitten in dem Leiden.
164
Schmeichl' ich mir wohl zu viel? Nein, Freund; Zemire, nein!
165
Wer euch verliert und lebt, muß wirklich standhaft sein.
166
Wie? sag' ich standhaft? ich, der nun, verzehrt vom Kummer,
167
Sonst keine Ruhe kennt als nur im öden Schlummer?
168
Das heißt Fühllosigkeit, das heißt nicht standhaft sein.
169
Die Klagen schlafen mir mit der Empfindung ein.
170
Doch ach! mein Trieb erwacht, mich heftiger zu quälen!
171
Die Einsamkeit allein kann ich zur Zuflucht wählen.
172
Der Wälder heil'ger Ernst und schauervolle Nacht
173
Ist jener Stille gleich, die mich nun fühllos macht.
174
Hier scheinet überall selbst die Natur zu trauren;
175
Und jegliches Geschöpf scheint hier mich zu bedauren,
176
Und jedes sieht erstaunt, daß ich noch traurig bin:
177
Dann tönen unvermerkt der Schwermut Klagen hin.
178
Ach! nun erst hör' ich es, daß du nur Klagen singest,
179
Wann du, o Nachtigall, mein lauschend Ohr durchdringest.
180
Ich glaubte sonst, dein Lied sei, Liebe, dir geweiht:
181
Nun aber hör' ich erst, du singst aus Traurigkeit.
182
Der Büsche traurig Grün scheint Leid um mich zu tragen:
183
Der Weste Lispeln seufzt, die Bäche murmeln Klagen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Friedrich von Cronegk
(17311758)

* 02.09.1731 in Ansbach, † 01.01.1758 in Nürnberg

männlich

| Pocken

deutscher Dramatiker, Lyriker und Essayist (1731-1758)

(Aus: Wikidata.org)

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