Das dritte Fenster

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Barthold Heinrich Brockes: Das dritte Fenster (1743)

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Nun komm’ ich an den Mittelpunct von meinen Fenstern,
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welcher mir
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Der Landschaft ungemeine Schönheit, fast in der allergrößten
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Zier,
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Annoch vor allen andern zeigt. Hier treff’ ich eine grosse
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Menge
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Von schönen Gegenwürfen an. In einem wirklichen Ge-
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pränge
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Zeigt hier sich Wasser, Luft und Land. Um nun der Ordnung
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nachzugeh'n,
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Laßt uns, wie in den andern beyden, auch dieser Tafel Vor-
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grund seh'n,
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Da denn, wenn wir, mit frohen Blicken, gemach von unten
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aufwerts steigen,
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Sich immer neue Lieblichkeiten den fast erstaunten Augen
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zeigen.
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In einer halben Ründe lieget ein Stein-Platz, den der
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Wall verschränkt,
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Der sich bis zu der Mauer Fuß, von allen beyden Seiten,
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lenkt.
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Hier stellt, in Regel- rechter Höhe, ein neu- gewölbtes stei-
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nern Thor,
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Das noch zu meiner Zeit gebauet, sich zierlich unsern Augen
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vor.
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Auf diesem ist ein grüner Platz, fast viereckt, auf dem Wall
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zu seh'n.
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Der Wall formiert hier einen Winkel, und läßt uns in die
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Senkung geh'n
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Der neu- gemachten
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Gebäude,
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Das blau- glasürte Ziegel-Decken, macht eine neue Augen-
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weide.
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Dieß dienet, bey der Garnison von diesem Schloß, dem Of-
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ficier,
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Nachdem es eben neu erbauet, zu einem zierlichen Quar-
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tier.
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Hierauf erblicket man nun ferner den mit so manchem Jpern-
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Stamm,
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Und vielen Weiden wohl besetzten, geraden, langen, grünen
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Damm,
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Der beyde breite Graben theilt, des äussern Grabens glatte
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Fluht,
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Die hier in grün- beblühmten Ufern, von Winden ungestöret,
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ruht,
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Zeigt, als in einem rein- polierten, durch Wiederschein
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bestrahlten Spiegel,
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Der kleinen schon erwehnten Gärten beblühmt- und sanft-
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erhabne Hügel,
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Worauf man selbst ihr Urbild sieht, mit Bäumen hin und her
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besetzt,
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Wovon uns die Verschiedenheit noch mehr den frohen Blick
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ergetzt.
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Die Gärten reichen an die Gasse, an welcher art’ge Häuser
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steh'n,
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Von welchen hier, aus diesem Fenster, vier der ansehnlichsten
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zu seh'n,
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An welchen hinten andre schiessen. Fast in der Mitten öffnet
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sich
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Die lange, grosse Flecken-Gasse, in einem fast geraden
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Strich,
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Worinn sich, als im Perspectiv, indem die Blicke sich ver-
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schränken,
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Die Augen zwischen vielen Häusern, in eine lange Ferne,
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senken.
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Die Gasse führt uns zu der Schleuse, nachhero nach dem
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Haven hin,
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Von dessen sonderbaren Lag’ ich sonst zu schreiben willens
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bin.
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Noch über den erwehnten Häusern erblicket man, nicht
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sonder Freude,
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Ein wenig rechter Hand, ein Stück der sogenannten Herren-
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Weide,
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Die sich mit Bluhmen, Klee und Gras, mit Pferden, Küh’
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und Schafen deckt,
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Und sich bis an den grünen Elb-Deich, den starken Damm
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fürs Wasser, streckt.
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Ein wenig Seit- werts, linker Hand, sind, auf dazu gemach-
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ten Höhen,
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Das Tonnen-Haus und Arsenal, der Handelschaft zum
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Nutz, zu sehen.
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Dann tritt, als eine Pyramide, der Schiffer Pol, des Stran-
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des Zier,
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Als wär’ es recht zum Aug-Punct da, der Thurm der grossen
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Bak herfür.
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Zur Linken sieht man einen Quer-Deich, und einige Gebäude
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steh'n,
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Worinn der Loots-Inspector wohnt. Hierauf nun sieht
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man, wunderschön,
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Als eine grosse Wasser-Welt, die Elbe, Strand- und Gren-
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zen- los,
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Die Last der Fluhten Meer-werts welzen, und aus desselben
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tiefen Schos
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Beständig wieder rückwerts wallen. Auf dem gewaltigen
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Gewässer,
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Das öfters blau, wie ein Sapphir, erblickt man hoher Was-
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ser-Schlösser
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Geschwollne roht- und weisse Seegel, so die beschäumten
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Wellen theilen,
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Und öfters mit demselben Winde theils Westen- und theils
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Ost-werts eilen.
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Dieß ist das herrlichste Spectakel, so man fast auf der Welt
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erblickt,
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Wenn wir auf einmahl Land und Wasser, so wunderwürdig
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ausgeschmückt,
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Vom güldnen Sonnen-Licht bestrahlt, in einer grünen hier,
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dort blauen,
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Und fast nicht abzuseh’nden Weite, voll Heerden und voll
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Schiffe schauen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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