Das Thürmchen zu Ritzebüttel

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Barthold Heinrich Brockes: Das Thürmchen zu Ritzebüttel (1743)

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Der Sitz, wodurch ich, abgesondert von Menschen,
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einsam und allein
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In ungestörter Ruhe sitze, wo mich des falschen Neides
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Stein,
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Da ich so weit von ihm entfernt, und ihm nicht sichtbar bin,
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nicht trifft,
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Wo weder bittrer Haß noch Zank, noch der Verleumdung
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falsches Gift
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Mich, weil man mein vergißt, nicht quälet. Mein Thürm-
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chen, wo ich, ungestört,
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Die schöne Welt, als GOttes Werk, und als des grossen
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Schöpfers Bau,
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Von Erde, Luft und Fluht verbunden, und wunderbar
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gefügt, beschau,
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Ist einer eigenen Beschreibung, zur stetigen Erinn’rung,
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wehrt.

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Wie ich zuerst herunter kam, um die Gelegenheit zu
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seh'n
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Des Amts und Schlosses
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Thürmchen sah,
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Das damahls ungebrauchet stand, so wußt’ ich kaum, wie
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mir geschah.

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Mir war, als wenn er zu mir spräch’: Komm, laß mich
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dir zu Dienste steh'n,
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Du kannst an keinem andern Ort, wie Erde, Luft und
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Fluht so schön,
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Mit größrer Deutlichkeit betrachten. Hier kannst du
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ruhig ganz allein,
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Von aller Hinderniß befreyt, vom Welt-Geräusch
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entfernet seyn.

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Die Rede drückte sich so gleich so tief in meine Sin-
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nen ein,
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Daß ich, nur bald her ab zu kommen, den Zug in mir verstärket
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fühlte,
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Und von der Zeit mit meinem Denken auf nichts, als Ritze
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büttel, zielte.
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Jtzt, da ich, nach verschiednen Fällen, GOtt Lob! nunmehro
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hergekommen,
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Und die so lang’ erseufzte Stelle bereits schon in Besitz
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genommen,
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Hab’ ich zuvörderst GOtt gedankt, und dank’ Jhm noch, nebst
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innerm Fleh'n,
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Daß die Gewohnheit, wie gewöhnlich, mir Hören, Riechen,
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Fühlen, Seh'n,
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Und, in den Sinnen, Lust und Dank nicht rauben möge!
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Daß ich nimmer,
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Ohn’ innre Freud’ an GOttes Werken, und mir geschenktem
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Guht, dieß Zimmer
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Betreten noch gebrauchen möge! Um meine Lust oft zu
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ermessen,
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Und dieses Thürmchens Lage, Reiz und Anmuht nimmer zu
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vergessen,

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Soll itzt, so deutlich als ich kann, dasselbe, nebst dem Theil
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der Erden,
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So man aus ihm mit Anmuht sieht, betrachtet und beschrie-
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ben werden:

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Ein Regel- rechtes Acht-Eck theilt des Thürmchens
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Ründe richtig ein,
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Wovon fünf Fächer nichts als Fenster, aus welchen, wegen
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seiner Höhe,
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Ich, über alle Häus- und Felder, das Grenzen- lose Wasser
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sehe,
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So allesammt die schönsten Vorwürf’, in einer schönen Land-
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schaft, seyn.

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Weil nun die Lage dieses Thürmchens Nord-Ost-werts;
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trifft der Sonnen-Schein,
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Nur bloß des Morgens, meinen Sitz, und bin ich, wenn der
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Mittag blitzet,
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Durch des erhabnen Schlosses Mauer, die Süd-werts
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lieget, so beschützet,
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Daß ich, in einem kühlen Schatten, an diesem Ort, den ganzen
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Tag,
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Die überall bestrahlte Vorwürf’, auf Land und Fluht,
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zu seh'n vermag.

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Von dem von hier zu sehenden, so weiten Kreise des Ge-
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sichts,
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Von den so vielen Gegenwürfen von Wiesen, Feldern, auf
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dem Lande,
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Von den nicht wenigern im Wasser, auf dem Betrachtens-
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wehrten Strande,
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Und überall uns, durch den Glanz des all’s erhell’nden Son-
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nen-Lichts,

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So hell- gezeigten Gegenwürfen, hab’ ich, zwar im Zusam-
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menhange,
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Bereits vorhin schon was geschrieben; doch war dasselbe
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lange, lange
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Nicht alles, wie auch dieses hier, nicht alle Vorwürf’ unsren
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Augen,
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Die hier mein hoher Sitz uns zeiget, nach Würden zu
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erschöpfen taugen,
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Weil Meng’ und Schönheit gar zu groß. Damit der Vor-
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würf' Ueberfluß
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Nun durch die Vielheit uns nicht blenden, und am betrach-
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tenden Genuß
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Uns nicht mehr hindern mög’, als nützen; so theil’ ich alles,
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was ich sehe
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In der nicht abzuseh’nden Landschaft, so in der Weit’, als in
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der Nähe,
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Durch der fünf Fenster Oeffnungen, in fünf gevierte Fächer
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ein,
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Die denn fünf prächt’gen Schildereyen, durch solche Thei-
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lung, ähnlich seyn.
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Ach, möcht’ hierinn des Urbilds Schönheit, dieß schöne Theil
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von unsrer Erden,
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In meiner mühsamen Copie, nicht gar zu sehr verstellet
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werden!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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