Anmuht der Einsamkeit auf dem Lande

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Barthold Heinrich Brockes: Anmuht der Einsamkeit auf dem Lande (1743)

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In dieser angenehmen Einöd', in diesen Schatten-reichen
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Büschen
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Beschäftigt sich mein stiller Geist, sich zu vergnügen, zu erfri-
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schen.
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Hier labet mich, in sanfter Unschuld, die ruhige Zufrieden-
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heit,
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Befreyt vom Hof- und Stadt-Getümmel, entfernt von
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Scheelsucht, Zank und Streit.

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Mit dem verhaßten Lerm der Welt, dem ich mich hier
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nunmehr entzogen,
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Sind auch zugleich die schwarzen Sorgen von mir gewichen,
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weggeflogen.
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Hier, abgesondert von dem Vorwurf, aus welchem ihre
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Plagen quillen,
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Fühl’ ich, nur sanfte Regungen mein ruhiges Gemüht
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erfüllen.
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Jm Schooß von einem tiefen Frieden, und sanfter Stille,
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stellt sich mir
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Des stolzen Hofes schimmernd Elend entdeckt, und sonder
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Schminke, für.
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Ich seh’ das Bild der eitlen Welt, ich seh’ der Götzen unsrer
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Zeit,
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Des Glücks, des Reichthums und der Ehre, zerbrechliche
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Beschaffenheit,
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Und finde, wenn auch, im Besitz, sie unsern heissen Wunsch
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erfüllen,
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Daß sie uns dennoch nicht vergnügen, und nimmer die
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Begierden stillen.

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Hier, wenn ich durch die Wiesen wandre, folgt oft mein
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Blick dem schnellen Bach
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In seinem ungehemmten, ew’gen und immer regen Laufe
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nach.
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Sein stets ununterbrochnes Rennen scheint mir von meinem
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regen Leben
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Ein recht natürlich lebhaft Bild und wahres Gleichniß
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abzugeben.
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Wie so viel Millionen Wellen auf seiner äussern Fläch’
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entstanden,
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Von welchen, da sie nicht mehr da, nicht die geringste Spuhr
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vorhanden;
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So sieht man alle Menschen auch entstehen, leben, bald
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verdrungen,
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Und in dem Meer der Ewigkeit unwiederbringlich einge-
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schlungen.

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Die Stille, die hier überall so Feld als Wald bedeckt und
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füllt,
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Vergleichet sich mit jener Stille, und scheint ein sanftes
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Ebenbild
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Von jener ewig- sel’gen Ruh, die, wenn man auf den
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Schöpfer denket,
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Die ewige selbständ’ge Lieb’, uns hier bereits der Glaube
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schenket.
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Ist denn der Lerm in dieser Welt, ja der Besitz von allen
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Reichen,
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Mit diesem Bilde jener Stille, die künftig ist, wohl zu ver-
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gleichen?
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Nur in der Stille kann die Seele ihr eigentliches Wesen
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finden,
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Nur in der Stille kann sie das, was in und ausser ihr,
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ergründen,

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Nur in der Stille (durch die Vorwürf’, die sie zerstreuen,
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ungestöhrt)
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Wird sie zur Andacht mehr geschickt, und GOtt am würdig-
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sten geehrt.

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Ach, möchte denn die sanfte Stille, die wir im kühlen Walde
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spühren,
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Uns kräftiger, als wie bisher, die ungerührte Seele rühren,
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Uns den geheimen Zug entdecken, der wirklich in der Seelen
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steckt,
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Da oftermahls ein tiefer Wald ein süsses Schaudern ihr
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erweckt!
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Ach, möchten uns, wenn wir allein, der holden Stille
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Süßigkeiten,
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Zu jener ewig- sel’gen Stille, schon hier auf Erden, vorbe-
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reiten!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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