Lieblichkeit des Grases

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Barthold Heinrich Brockes: Lieblichkeit des Grases (1743)

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In einem angenehmen Wäldchen, im Schatten einer
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dichten Linden,
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Worunter ich zum öftern Ruh, in stiller Anmuht, pflag zu
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finden,
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Setzt’ ich mich auf ein grünes Plätzchen in junges, dicht- und
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frisches Gras,
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Woselbst ich anfangs zwar ein Buch, mit innigem Vergnü-
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gen, las;
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Allein, es rief das grüne Prangen des Grases, das den
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schönsten Sammt,
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Wie Diamant das Glas beschämet, zumahl, wenn oft bald
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hier bald dort
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Der Sonnen Strahl, durch dunkle Schatten der Zweige,
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brach, an manchem Ort,
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Auf tausendfach gefärbte Stellen, in unterschiednen Lichtern
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flammt,
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Mich aus dem Buch auf seinen Schmuck. Es schien mich
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zu sich hin zu winken.
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Dem Wink konnt’ ich nicht widersteh’n,
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Ich ließ das Buch gemählig sinken,
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Um seine Schönheit zu beseh’n.

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Mein GOtt! wie vielerley Figuren! welch’ eine Form-
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und Farben-Menge
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Brach aus den Kräutern, Gras und Klee, allein im grünen
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Schmuck, hervor!
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Es huben die gefärbten Häupter, in einem wirklichen Ge-
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dränge,
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Nebst ihnen auch viel tausend Bluhmen, recht gleichsam in
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die Wett' empor.

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Es schien, ob sucht’ in Kraut und Bluhmen, im grünen und
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im bunten Schein,
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Bald das vor diesen, dieses bald vor das, zuerst gesehn zu
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seyn.
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Ich sah’ zuerst den holden Klee in seiner dichten Lieblichkeit,
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Da, vor der Menge, kaum ein Blatt sich aus einander breiten
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kann.
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Dieß zeigte mir, von ihrer Zeichnung, unzählige Verschie-
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denheit,
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Da sie bald Seiten-werts gedrängt, bald offen, bald gefaltet
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sitzen.
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Durch ihre lieblich- runden Blätter sieht man sich öfters
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kleine Spitzen,
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Von zart- und feinem Grase, stechen, das denn im Gegensatz
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die Pracht,
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Die allen Schmelz weit übergeht, um desto angenehmer
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macht.
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Zumahl, wenn zwischen ihrem Schmuck die liebliche Vergiß
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mein nicht,
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In ihrem Himmel-blauen Glanz, mit Gold geziert, als wie
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ein Licht,
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Von einem spielenden Sapphir, durch schimmernde Sma-
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ragden bricht.

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Es scheint, man wird von unsrer Mutter, der Erd’, in dieser
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holden Pracht,
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Annoch vor vielen andern Orten, auf solchen Stellen ange-
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lacht.
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Ich sah’, von Farben und Figur ganz unterschieden, noch
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bey ihnen,
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Auf ungezählte Art geformt, viel ungezählte Kräuter
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grünen,

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Und in derselben schönen Schooß so hell- gefärbte Bluhmen
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blüh'n,
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Daß sie in ihrem bunten Glanz, wie Feur, fast minder blüh’n
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als glüh'n.
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Es nahm der Bluhmen bunter Schimmer, und aller Kräuter
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grüner Schein,
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Wie ich sie öfters übersahe, mit einem solchen Reiz mich ein,
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Daß ich aufs menschliche Betragen, da wir oft blind vor ihrer
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Pracht,
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Sie nicht bewundern, ja kaum sehen, mit Recht verdrüßlich,
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aufgebracht,
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Und, durch die Unaufmerksamkeit, mit Recht gerührt, wie
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folget, dacht':

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Jhr schätzet hoch, ihr preis’t, ihr rühmt
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Geschnitt’nen Sammt, der schön geblühmt,
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Und ihr habt Recht, die Kunst zu preisen;
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Allein, den noch viel schönern Sammt,
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(der im smaragdnen Glanze flammt,
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Den euch die schönen Wiesen weisen,
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Auf welchen, tausend mahl so schön,
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Lebendige Figuren steh’n,
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Von Blättern, Kräutern und von Ranken,
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Worauf bepurpert und vergüldet,
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Von Fingern der Natur gebildet,
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Der Bluhmen Urbild selbst zu seh’n,)
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Den würdigt ihr nicht der Gedanken.
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Wie schön sonst immer die Copie,
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So wird dennoch weit mehr, als sie,
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Ein schönes Urbild stets geschätzet.

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Wie, daß ihr Menschen euch denn nie
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Am Urbild der Natur ergetzet,
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Da ihr doch selber müßt gesteh’n,
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Jhr herrliches Original
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Sey tausend, tausend, tausend mahl
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So nett, so zierlich, und so schön.
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Sind etwan eure Künste grösser?
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Ist etwan die Natur nicht wehrt,
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Da doch ihr Werk unstreitig besser,
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Daß ihr selbst GOtt in ihr verehrt?
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Es ist wahrhaftig wahr, wenn ihr
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Der Bluhmen und des Grases Zier
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Mit Lust und Andacht nicht betrachtet,
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Daß ihr des Schöpfers Werk verachtet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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