Gesang der Vögel

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Barthold Heinrich Brockes: Gesang der Vögel (1743)

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Ich sah, auf einem schwanken Ast, fast auf desselben äussern
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Spitzen,
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Ein kleines buntes Vögelein, bequem und recht geruhig,
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sitzen;
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Es regt’ an seinem ganzen Cörper sich nichts, sein kleiner
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Kopf allein
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Schien des beblühmten Frühlings Pracht, zumahl der
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Sonnen hellen Schein,
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Durch stetes Drehen, zu bewundern. Bald bog er es zu
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beyden Seiten,
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Bald wendet er es in die Ründe, entzückt ob allen Lieblich-
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keiten.
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Jtzt kehrt sein Blick sich Himmel- werts, itzt wieder auf die
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Welt hernieder,
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Und gurgelt, in so muntrer Wendung, aus Lieb’ und Lob
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erzeugte Lieder.

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Man konnt’ aus seiner regen Kehle, bey nimmer unter-
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brochnem Drehn,
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Die klingenden Gesänge dringen und Töne gleichsam quillen
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sehn.
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Ich setzte mich, von einem Busch bedeckt, bedachtsam zuzu-
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hören,
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Und, in den tausendfachen Liedern, so mich als andre zu beleh-
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ren:
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Wie in des Schöpfers Creaturen die nicht bemerkten
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Kleinigkeiten
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Der Menschen Achtsamkeit verdienen, und alle zur
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Bewundrung leiten;

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Ja wie, da alle grossen Werke aus Kleinigkeiten bloß
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besteh'n,
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Wir, in Betrachtungen der Kleinheit, fast Gott am
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würdigsten erhöh'n.

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Was alle Künstler der Music mit allen ihren Instru-
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menten,
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Zu des Gehörs Belustigung, bisher für uns erfinden könnten,
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Reicht an die reine Süßigkeit, die aus der Vögel Schnäbeln
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bricht,
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An Zärtlichkeit, an scharfer Schönheit, Veränderung und
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Liebreiz, nicht.
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Es wirbeld oft ein klingend
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Singen,
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Ein flötend Schmatzen wissen sie vereint zugleich hervorzu-
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bringen.
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Sie können, bey gesenkten, hohlen und tiefen Tönen, helle
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pfeifen.
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Sie sind geschickt, fast unbegreiflich, in runden abgesetzten
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Läufen,
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Die rollende geschwinde Töne zugleich zu dehnen und zu
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schleifen.
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Es locket, zwitschert, schlägt und gurgelt, bald steigend, bald
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im holden Fall,
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Mit tausendfältigen Manieren, der tausendfach formierte
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Schall.
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Wenn wir demnach, wie Menschen, denken, und unsre Pflicht
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erfüllen wollen;
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So müssen wir vernünftig hören, uns an dem süssen Klang
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vergnügen,
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Zu unsrer Lust das Danken fügen,
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Und für die Anmuht des Gehörs dem Geber unsre Freude
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zollen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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