Psalm LXVI. 6.

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Barthold Heinrich Brockes: Psalm LXVI. 6. (1743)

1
Ein' Insel, die oft keine Insel, ein fest- und doch kein festes
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Land,
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Das bald ein Bett der tiefen Fluhten, und bald ein aufge-
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deckter Sand.
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Das Neue-Werk, so man nicht unrecht ein Wunder der Natur
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wird nennen,
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Und Fremden etwas, das kaum glaublich, von seiner Lag’
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erzehlen können,
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Soll meiner Lieder Vorwurf seyn. Ach gieb, HErr! daß, zu
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Deiner Ehr',
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In der Betrachtung, die Bewundrung, und darinn sich Dein
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Lob vermehr'.
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Es liegt nicht weit vom Mund der Elbe, wo selbe sich ins
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Meer ergiesset,
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Jedoch nicht immer, sondern öfters, zum Wunder, wieder
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rückwerts fliesset,
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Recht mitten in den blauen Fluhten ein Land, worauf ver-
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schiedne Höh'n,
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Ob es gleich an sich selber flach, durch Menschen-Hand
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erbaut, zu seh'n.
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Wenn die bisher geschwollne Fluht von Osten wieder rück-
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werts dringet,
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Und, durch die sogenannte Ebbe, das Meer sie wieder in sich
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schlinget,
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Entdecket sich der tiefe Grund. Der Boden, der verborgen lag,
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Tritt, aus der wilden Wellen Reich und dunklem Zustand,
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an den Tag.

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Wo, etwa noch vor eine Stunde, geschwollne Segel auf
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und nieder,
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Wo tief beladner Wasser-Schlösser erhabne Masten hin und
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wieder,
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Von tiefer Fluht getragen, schwebten; daselbst erblickt man
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dürren Sand,
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Daselbst erblickt man, mit Erstaunen, auf einem öd- und
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trocknen Strand,
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Anstatt der Schiff’ und stolzer Segel, im schnellen Traben,
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Pferd' und Wagen
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Oft auf dem aufgedeckten Boden des Meeres hin und wieder
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jagen.
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Hier sieht man nichts, als Sand und Himmel. Kein Gras,
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kein Strauch, kein Stein, noch Baum
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Ist hier zu sehen. Hin und wieder liegt etwas hinterlaßner
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Schaum,
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Von Schnecken-Häusern sind hier Bänke, von Muscheln
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hin und wieder Haufen,
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Die krachen, wenn man sie zerfährt. Hier sieht man öfters
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hin und her,
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Mit einem seltsam krummen Gang, itzt in die Läng’, itzt in die
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Quer,
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Die wunderbar geformte Formen der runden Taschen-Krebse
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laufen,
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Und zu den niedern Stellen eilen, wo, voll von länglichen
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Karnat,
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Oft noch ein kleiner Rest vom Wasser in Tiefen sich gesammlet
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hat.
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Der Boden ist von sondrer Art, von oben sieht er wirblich
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kraus,
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Bald Schlangen gleich, bald Schuppen ähnlich, und oft
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als kleine Wellen aus,

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Die aufangs zwar den Wagen-Rädern, durch ihre kleine
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runde Höhen,
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Wenn man im Trab darüber fährt, bemühet sind zu wider-
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stehen,
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So, daß man, weil man auf dem Wagen, dadurch ein Schüt-
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tern fühlt und hört,
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Es auf dem
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Pflaster fährt,
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Da doch der Grund so feucht und weich, daß, wo man nur ein
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wenig stehet,
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Und nicht beständig in Bewegung darüber reitet, fährt und
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gehet,
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Man durch und in den Trieb-Sand sinkt, so daß, wie sehr
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sie sich bemüh'n,
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Die Pferde den gesunknen Wagen nicht mächtig sind hervor
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zu zieh'n,
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Weswegen man, so viel es möglich, hier immer in Bewegung
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bleibet.
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Wann auch verschiedne tiefe Rillen, woraus nicht alles
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Wasser treibet,
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Wodurch man fahren muß, vorhanden, und diese sehr verän-
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derlich,
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Und oftermahl viel tiefer werden, und schlammigter; versieht
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man sich
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Mit einem sogenannten Lootsen, dem auf dem wandelbaren
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Sand,
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Der öfters sicht- und oft nicht sichtbar, so Weg’, als Tiefen
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wohl bekannt.
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An welcher letztern noch am meisten auf dieser fremden Fahrt
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gelegen;
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Denn mancher ist hier umgekommen um einer viertel Stunde
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wegen,

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Die er entweder gar zu früh, wie oder etwan auch zu spat,
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Sich auf den fremden Weg gemacht, wie oder auch verzögert
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hat.
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Indem die wiederkehr’nde Fluhten, mit grosser Eile, rückwerts
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dringen,
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Und zwar von Osten und von Westen, was ihnen widersteht,
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verschlingen,
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So daß (absonderlich im Nebel) aus diesem Umstand
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offenbar,
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Neptunus Reich sey zu betreten, auch, wenn es leer, nicht ohn’
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Gefahr.
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Erhöheten sich hier, wie dort bey Mose, die verlaufnen
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Wellen,
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So diente dieß, ein Ebenbild von jenem Durchgang vorzu-
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stellen.

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Wenn dieser Weg nun überbracht, so meistens in fünf
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viertel Stunde
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Bequemlich zu geschehen pflegt’, und man nunmehr am festen
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Grunde
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Der Insel selber angelangt; pflegt’ man sich fröhlich umzu-
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seh'n,
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Und zum erhabnen Thurm zu eilen, um, von desselben steilen
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Höh'n,
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Die, ausser dem erhabnen Dach, auf neunzig Füsse sich
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erstrecken,
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Die fremde Wunder der Natur, auch Land und Wasser zu
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entdecken.
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Hier wird man nun, nicht ohn’ Erstaunen, zumahl wenn
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Luft und Wetter klar,
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Ein ja so groß, als schön Theater, vom Luft-Kreis und der
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Fluht, gewahr.

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Der durch die runde Fern und Weite der Fluht und Luft
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verschlungne Blick
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Eilt, sonder Grenzen, immer fort, und muß doch, sonder Ziel,
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zurück.
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Hier sieht man durch ein Perspectiv, wenns Wetter klar ist,
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mit Vergnügen,
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Den auf neun Meil entfernten Felsen von
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Wellen liegen.
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Die ungewisse blaue Höhe scheint in den Wolken fast zu
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stehn,
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Man kann es hier (so wie mans nennet) sich in die Höhe
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tundern sehn.

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Nun ist der Grund von dieser Insel besonders eben, platt
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und flach,
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Und strecket sich, fast unvermerkt, bis an das Wasser all-
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gemach,
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So hier von einer solchen Breite, daß auch die allerschärfsten
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Augen
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Kein’ andre Schranken hier zu finden, und keinen Strand zu
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sehen taugen.
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Es läßt, als ob die blaue Luft auf der noch dunkler blauen
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Fluht,
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In einem ungemeßnen Cirkel, der sonder Grenzen, liegt und
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ruht.
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Die grosse Breite des Gewässers scheint hier sich gleichsam
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zu erhöhen,
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Und der zuletzt gesehne Strich vom Wasser aufwerts mehr
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zu stehen,
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Als der, so unserm Strande nah. Es scheint daher das
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Wasser-Reich,
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Zumahl bey klarer Luft, allhier natürlich einem Berge gleich,

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Der dunkel-blau, wie ein Sapphir. Wenn man, von dieser
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Höhe, denket,
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Daß sie aus Wasser bloß bestehe, so faßt man kaum, wie es
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geschicht,
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Daß sich dieß wäßrigte Gebirge nicht augenblicklich abwerts
159
senket,
160
Den nicht so hoch erhabnen Strand (so wie es scheinet) nicht
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ertränket,
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Und daß sie Baken, Thurm und Blüse, zusammt der ganzen
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Insel, nicht
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Verschlinget, und nicht überschwemmet, zumahl, wenn die
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erzürnte Wellen,
166
Von Aeols rasendem Gesinde gepeitscht und fortgestossen,
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schwellen.
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Wahrhaftig, es verdient Bewundrung, daß ein so leicht- und
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flacher Sand
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Der wilden Fluht zum Riegel dient, und gnugsam starken
171
Widerstand,
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Des Wassers ungeheure Last durch seine eigne Last verdäm-
173
met.

174
Wenn wir nun auf der blauen Höhe bald weiß- bald rohte
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Segel seh'n,
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Die von der Sonnen hell bestrahlt, und, durch den dunkel-
177
blauen Grund,
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Noch desto mehr annoch erhoben, den Augen oft recht feurig
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bunt,
180
Und fast illuminiret scheinen, bald sich entfernen, bald sich
181
nah'n,
182
Bald in die Läng’ und aus dem Meer,
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Bald oberwerts von Hamburg her,
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Bald anderweitig in die Quer,

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Auf der nicht abzusehnden Breite,
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Bald groß und deutlich, wenn sie nah, bald klein und
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dunkel in die Weite;
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Vermögte sich an dem Spectakel des Reichs der Wellen, das
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so schön,
190
Der Blick, bald durch ein Perspectiv, bald unbewehrt, nicht
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satt zu seh'n.

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Es schien, ob wollte fast darüber der Geist sich von den
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Blicken trennen,
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Er faßte nicht, wie Schiff’ auf Bergen, die so erhaben, fahren
195
können.
196
Am allerunbegreiflichsten ist, daß, wenn man von oben sieht,
197
Sich der sapphirnen Fluhten Cirkel rings um die ganze
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Insel zieht.
199
Man sucht umsonst so Pfad als Weg, worauf man in dieß
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Land gekommen,
201
Zur Abfahrt scheinet ebenfalls so Pfad als Weg uns aufge-
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nommen.
203
Wo, noch vor kurzem, Wagen rollten, wo manches Pferd
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beritten liefe,
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Sieht man sich itzo Wellen rollen, rauscht überall die blaue
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Tiefe.
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Die Aecker, die in ebner Länge, zusammt dem fast smaragdnen
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Grünen
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Der bunten Bluhmen-reichen Wiesen, illuminirte Carten
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schienen,
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Sind, von des Thurms erhabnen Höhe, bey jenem fast
212
sapphirnen Blauen
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Des ungemeßnen Wasser-Reichs, um desto schöner noch zu
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schauen.

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Ob nun, zumahl bey gutem Wetter, das Land in steter
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Trockne ruht,
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So füllen sich doch alle Graben bis an den Teich bey jeder
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Fluht.
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Man sieht in dieser kleinen Insel noch ferner, und nicht
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sonder Freuden,
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Sowohl besonders fette Kühe, als Wollen- reiche Schafe
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weiden.
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Wird diesen nun auf ihren Weiden ihr Futter und das meiste
224
Gras,
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Durch das hier salze See-Gewässer, oft überflossen, feucht
226
und naß;
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So essen sie es dennoch gerne, und schläget ihnen trefflich zu.
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Die Kühe halten oftermahl im Wasser ihre Mittags-Ruh,
229
Worinn sie auf den ebnen
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Fluht sich kühlen,
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Zumahl, wenn sie sich von dem Schwarm der Fliegen ange-
232
fochten fühlen.

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Es steht auf dieser flachen Insel bald nassem und bald
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trocknem Raum
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Kein Strauchwerk, kein Gebüsch, noch Staud’, ja nicht ein-
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mahl ein einz'ger Baum.
237
Es muß daher bey schlechtem Wetter und Sturm, zumahl
238
zur Winters-Zeit,
239
Wenn die vom Nebel, Frost und Schnee geschwärzte Lüfte
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heulend sausen,
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Wenn die mit Schollen, Strudeln, Wirbeln erfüllte Fluhten
242
schäumend brausen,
243
Und alles zu verschlingen drohen, kein angenehmer Wohn-
244
platz seyn,
245
Und dennoch sind die Leute dort,
246
Mit dem so seltsam-öden Ort,

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Den ihnen die Natur zur Wohnung hier beschieden,
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Von Menschen oft ganz abgesondert, durch die Gewohnheit,
249
wohl zufrieden.
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Ein Lehr-Bild, daß, wie die Gewohnheit im Guten uns oft
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unvergnügt
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Und unglückselig machen kann, sie uns den schlechten Stand
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erträglich,
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Ja, wie uns Grön- und Lapland zeiget, denselben öfters
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gar behäglich
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Und angenehm zu machen fähig. Nun laßt uns ferner noch
257
beseh'n,
258
Was für unglaublich grosse Kosten, dem Handel hier zum
259
Nutz, geschehn:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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