Göckingk an Bürger

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Gottfried August Bürger: Göckingk an Bürger (1775)

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Verdammte Versemacherei!
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Was hast du angerichtet?
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Uns unsers Lebens einz'gen Mai
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Zum Kuckuck hingedichtet?

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Gevatter
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Sind wir nicht brave Thoren,
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Daß wir, durch selbgemachte Qual,
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Den schönen Mai verloren?

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Was hat man von dem Dichten? Hum!
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Vielleicht das bißchen Ehre:
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Gekannt zu sein von Publikum? –
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Ich dachte, was mir wäre!

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Mag sein, daß man bei Tafel spricht,
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Wann den durchlauchten Bäuchen
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Die Zeit lang währt: Ist Bürger nicht
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Amtmann zu Altengleichen?

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Ein Fräulein thut dir wohl sogar
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Die Gnad' und fragt nicht minder:
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Trägt denn der Bürger eignes Haar?
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Hat er schon Frau und Kinder?

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Ein Amtsauditor geht, bepackt
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Mit deinem Buch, zu Schönen
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Und lieset, daß der Balken knackt
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Und alle Fenster dröhnen.

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Das hört denn ein Student und schreit:
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»und wohnt' er bei den Sternen!
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Ich muß – ist Altengleichen weit? –
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Muß Bürgern kennen lernen.«

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Und eh' Herr Bürger sich's versieht
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Kömmt mein Signor geritten,
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Und Bürger, für sein herrlich Lied,
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Muß ihn zum Essen bitten.

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Da schlingt er nun den Truthahn ein,
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Den du mir aufbewahrtest,
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Und trinkt, – hol' ihn der Fuchs! – den Wein,
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Den du für mich erspartest.

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Er rühmt dir baß sein gutes Herz,
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Will Freundschaft mit dir treiben,
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Und droht sogar – o Höllenschmerz! –
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Recht oft an dich zu schreiben.

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Das macht: Manch ehrliches Journal
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Ließ laut dein Lob erschallen;
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Allein, wann las denn wohl einmal
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Herr Bürger Eins von allen?

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Und ließ' ich dich in Kupfer, schier
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Von
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Hilft dir es etwas, wenn von dir
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Die Leut' ein Weilchen sprechen?

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Was hast du von dem allen? Sklav!
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Wenn ich's zusammenpresse,
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Was ist es, als: Despotenschlaf
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Und Inquisiten-Blässe?

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Hör' auf! Ich gab mein Herz dir hin,
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Eh' du ein Blatt geschrieben;
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Hör' auf! Und die Frau Amtmannin
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Wird dich noch lieber lieben.

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Hör' auf! Als Dichter kennt man dich,
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Als Mensch lebst du verborgen;
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Kein Christenkind bekümmert sich
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Um alle deine Sorgen.

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Ja! solltest du auch den Homer
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In Jamben übersetzen,
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Drob werden dich kein Haarbreit mehr
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Die Herrn Minister schätzen.

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Du würdest dennoch nach wie vor
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Amtmann zu Gleichen bleiben;
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Drum, trauter Bürger, sei kein Thor,
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Und trinke, statt zu schreiben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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