Graf Walter

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Gottfried August Bürger: Graf Walter (1770)

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Graf Walter rief am Marstallsthor:
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»knapp, schwemm' und kämm' mein Roß!«
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Da trat ihn an die schönste Maid,
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Die je ein Graf genoß.

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»gott grüße dich, Graf Walter, schön!
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Sieh her, sieh meinen Schurz!
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Mein goldner Gurt war sonst so lang,
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Nun ist er mir zu kurz.

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Mein Leib trägt deiner Liebe Frucht.
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Sie pocht, sie will nicht ruhn.
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Mein seidnes Röckchen, sonst so weit,
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Zu eng' ist mir es nun.« –

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»o Maid, gehört mir, wie du sagst,
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Gehört das Kindlein mein,
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So soll all all mein rotes Gold
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Dafür dein eigen sein.

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O Maid, gehört mir, wie du schwörst,
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Gehört das Kindlein mein,
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So soll mein Land und Leut' und Burg
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Dein und des Kindleins sein.« –

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»o Graf, was ist für Lieb' und Treu
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All all dein rotes Gold?
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All all dein Land und Leut' und Burg
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Ist mir ein schnöder Sold.

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Ein Liebesblick aus deinem Aug',
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So himmelblau und hold,
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Gilt mir, und wär' es noch so viel,
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Für all dein rotes Gold.

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Ein Liebeskuß von deinem Mund,
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So purpurrot und süß,
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Gilt mir für Land und Leut' und Burg,
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Und wär's ein Paradies.« –

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»o Maid, früh morgen trab' ich weit
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Zu Gast nach Weißenstein,
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Und mit mir muß die schönste Maid,
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Wohl auf, wohl ab am Rhein.« –

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»trabst du zu Gast nach Weißenstein,
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So weit schon morgen früh;
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So laß, o Graf, mich mit dir gehn,
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Es ist mir kleine Müh.

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Bin ich schon nicht die schönste Maid,
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Wohl auf, wohl ab am Rhein;
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So kleid' ich mich in Bubentracht,
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Dein Leibbursch dort zu sein.« –

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»o Maid, willst du mein Leibbursch sein,
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Und heißen Er statt Sie;
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So kürz' dein seidnes Röcklein dir
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Halb zollbreit überm Knie.

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So kürz' dein goldnes Härlein dir
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Halb zollbreit überm Aug!
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Dann magst du wohl mein Leibbursch sein;
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Denn also ist es Brauch.« –

53
Beiher lief sie den ganzen Tag,
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Beiher im Sonnenstrahl;
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Doch sprach er nie so hold ein Wort:
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Nun, Liebchen, reit' ein mal!

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Sie lief durch Heid- und Pfriemenkraut,
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Lief barfuß neben an;
59
Doch sprach er nie so hold ein Wort:
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O Liebchen, schuh dich an! –

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»gemach, gemach, du trauter Graf!
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Was jagst du so geschwind?
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Ach, meinen armen armen Leib
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Zersprengt mir sonst dein Kind.« –

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»ho, Maid, siehst du das Wasser dort,
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Dem Brück' und Steg gebricht?« –
67
»o Gott, Graf Walter, schone mein!
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Denn schwimmen kann ich nicht.« –

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Er kam zum Strand, er setzt' hinein,
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Hinein bis an das Kinn. –
71
»nun steh' mir Gott im Himmel bei!
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Sonst ist dein Kind dahin.« –

73
Sie rudert wohl mit Arm und Bein,
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Hält hoch empor ihr Kinn.
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Graf Waltern pochte hoch das Herz;
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Doch folgt' er seinem Sinn.

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Und als er überm Wasser war,
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Rief er sie an sein Knie:
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»komm her, o Maid, und sieh, was dort,
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Was fern dort funkelt, sieh!

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Siehst du wohl funkeln dort ein Schloß,
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Im Abendstrahl wie Gold?
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Zwölf schöne Jungfraun spielen dort.
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Die Schönste ist mir hold.

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Siehst du wohl funkeln dort das Schloß,
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Aus weißem Stein erbaut?
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Zwölf schöne Jungfraun tanzen dort.
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Die Schönst' ist meine Braut.« –

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»wohl funkeln seh ich dort ein Schloß,
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Im Abendstrahl wie Gold.
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Gott segne, Gott behüte dich,
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Sammt deinem Liebchen hold!

93
Wohl funkeln seh' ich dort das Schloß,
94
Aus weißem Stein erbaut.
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Gott segne, Gott behüte dich,
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Sammt deiner schönen Braut!« –

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Sie kamen wohl zum blanken Schloß,
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Wie Gold im Abendstrahl,
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Zum Schloß, erbaut aus weißem Stein,
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Mit stattlichem Portal.

101
Sie sahn wohl die zwölf Jungfraun schön;
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Sie spielten lustig Ball.
103
Die zwölfmal schöner war, als sie,
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Zog still ihr Roß zu Stall.

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Sie sahn wohl die zwölf Jungfraun schön;
106
Sie tanzten froh ums Schloß.
107
Die zwölfmal schöner war, als sie,
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Zog still zur Weid' ihr Roß.

109
Des Grafen Schwester wundersvoll,
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Gar wundersvoll sprach sie:
111
»ha, welch ein Leibbursch! Nein, so schön
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War nie ein Leibbursch! Nie!

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Ha, schöner als ein Leibbursch je
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Des höchsten Herrn gepflegt!
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Nur daß sein Leib, zu voll und rund,
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So hoch den Gürtel trägt!

117
Mir däucht, wie meiner Mutter Kind,
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Lieb' ich ihn zart und rein.
119
Dürft' ich, so räumt' ich wohl zu Nacht
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Gemach und Bett ihm ein.« –

121
»dem Bürschchen, rief Herr Walter stolz,
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Das lief durch Kot und Moor,
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Ziemt nicht der Herrin Schlafgemach,
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Ihr Bett nicht von Drapd'or.

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Ein Bürschchen, das den ganzen Tag
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Durch Kot lief und durch Moor,
127
Speist wohl sein Nachtbrot von der Faust,
128
Und sinkt am Herd' aufs Ohr.« –

129
Nach Vespermahl und Gratias
130
Ging Jedermann zur Ruh.
131
Da rief Graf Walter: »Hier, mein Bursch!
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Was ich dir sag', das thu!

133
Hinab, geh flugs hinab zur Stadt,
134
Geh alle Gassen durch!
135
Die schönste Maid, die du ersiehst,
136
Bescheide flugs zur Burg!

137
Die schönste Maid, die du ersiehst,
138
All säuberlich und nett,
139
Von Fuß zu Haupt, von Haupt zu Fuß,
140
Die wirb mir für mein Bett!« –

141
Uns flugs ging sie hinab zur Stadt,
142
Ging alle Gassen durch.
143
Die schönste Maid, die sie ersah,
144
Beschied sie flugs zur Burg.

145
Die schönste Maid, die sie ersah,
146
All säuberlich und nett,
147
Von Fuß zu Haupt, von Haupt zu Fuß,
148
Die warb sie ihm fürs Bett. –

149
»nun laß, o Graf, am Bettfuß nur
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Mich ruhn bis an den Tag!
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Im ganzen Schloß ist sonst kein Platz,
152
Woselbst ich rasten mag.« –

153
Auf seinen Wink am Bettfuß sank
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Die schönste Maid dahin,
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Und ruhte bis zum Morgengrau
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Mit stillem frommen Sinn. –

157
»hallo! Hallo! Es tönet bald
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Des Hirten Dorfschallmei.
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Auf, fauler Leibbursch! Gib dem Roß,
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Gib Haber ihm und Heu!

161
Bursch, goldnen Haber gib dem Roß,
162
Und frisches grünes Heu!
163
Damit es rasch und wohlgemut
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Mich heimzutragen sei.« –

165
Die sank wohl an die Kripp' im Stall;
166
Ihr Leib war ihr so schwer.
167
Sie krümmte sich auf rauhem Stroh
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Und wimmert', o wie sehr!

169
Da fuhr die alte Gräfin auf,
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Erweckt vom Klageschall;
171
»auf, auf, Sohn Walter, auf und sieh!
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Was ächzt in deinem Stall?

173
In deinem Stalle haust ein Geist
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Und stöhnt in Nacht und Wind.
175
Es stöhnet, als gebäre dort
176
Ein Weiblein jetzt ihr Kind.« –

177
Hui sprang Graf Walter auf und griff
178
Zum Hacken an der Wand.
179
Und warf um seinen weißen Leib
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Das seidne Nachtgewand.

181
Und als er vor die Stallthür trat,
182
Lauscht' er gar still davor.
183
Das Ach und Weh der schönsten Maid
184
Schlug kläglich an sein Ohr.

185
Sie sang: »Susu, lullull mein Kind!
186
Mich jammert deine Not.
187
Susu, lullull, susu, lieb lieb!
188
O weine dich nicht tot!

189
Sammt deinem Vater schreibe Gott
190
Dich in sein Segensbuch!
191
Werd' ihm und dir ein Purpurkleid,
192
Und mir ein Leichentuch!« –

193
»o nun, o nun, süß süße Maid,
194
Süß süße Maid, halt ein!
195
Mein Busen ist ja nicht von Eis
196
Und nicht von Marmelstein.

197
O nun, o nun, süß süße Maid,
198
Süß süße Maid, halt ein!
199
Es soll ja Tauf' und Hochzeit nun
200
In einer Stunde sein.« –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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