Des Pfarrers Tochter von Taubenhain

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Gottfried August Bürger: Des Pfarrers Tochter von Taubenhain (1781)

1
Im Garten des Pfarrers von Taubenhain
2
Geht's irre bei Nacht in der Laube.
3
Da flüstert und stöhnt's so änstiglich;
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Da rasselt, da flattert und sträubet es sich,
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Wie gegen den Falken die Taube.

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Es schleicht ein Flämmchen am Unkenteich,
7
Das flimmert und flammert so traurig.
8
Da ist ein Plätzchen, da wächst kein Gras;
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Das wird vom Tau und vom Regen nicht naß;
10
Da wehen die Lüftchen so schaurig. –

11
Des Pfarrers Tochter von Taubenhain
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War schuldlos, wie ein Täubchen.
13
Das Mädel war jung, war lieblich und fein,
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Viel ritten der Freier nach Taubenhain,
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Und wünschten Rosetten zum Weibchen. –

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Von drüben herüber, von drüben herab,
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Dort jenseits des Baches vom Hügel,
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Blinkt stattlich ein Schloß auf das Dörfchen im Thal,
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Die Mauern wie Silber, die Dächer wie Stahl,
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Die Fenster wie brennende Spiegel.

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Da trieb es der Junker von Falkenstein,
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In Hüll' und in Füll' und in Freude.
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Dem Jüngferchen lacht' in die Augen das Schloß,
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Ihm lacht' in daß Herzchen der Junker zu Roß,
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Im funkelnden Jägergeschmeide. –

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Er schrieb ihr ein Briefchen auf Seidenpapier,
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Umrändelt mit goldenen Kanten.
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Er schickt' ihr sein Bildnis, so lachend und hold,
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Versteckt in ein Herzchen von Perlen und Gold;
30
Dabei war ein Ring mit Demanten. –

31
»laß du sie nur reiten, und fahren und gehn!
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Laß du sie sich werben zu Schanden!
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Rosettchen, dir ist wohl was Bessers beschert.
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Ich achte des stattlichsten Ritters dich wert,
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Beliehen mit Leuten und Landen.

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Ich hab' ein gut Wörtchen zu kosen mit dir;
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Das muß ich dir heimlich vertrauen.
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D'rauf hätt' ich gern heimlich erwünschten Bescheid.
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Lieb Mädel, um Mitternacht bin ich nicht weit;
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Sei wacker und laß dir nicht grauen!

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Heut mitternacht horch auf den Wachtelgesang,
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Im Weizenfeld' hinter dem Garten.
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Ein Nachtigallmännchen wird locken die Braut,
44
Mit lieblichem tief aufflötenden Laut;
45
Sei wacker und laß mich nicht warten!« –

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Er kam in Mantel und Kappe vermummt,
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Er kam um die Mitternachtstunde.
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Er schlich, umgürtet mit Waffen und Wehr,
49
So leise so lose, wie Nebel, einher,
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Und stillte mit Brocken die Hunde.

51
Er schlug der Wachtel hellgellenden Schlag,
52
Im Weizenfeld' hinter dem Garten.
53
Dann lockte das Nachtigallmännchen die Braut,
54
Mit lieblichem tief aufflötenden Laut;
55
Und Röschen, ach! – ließ ihn nicht warten. –

56
Er wußte sein Wörtchen so traulich und süß
57
In Ohr und Herz ihr zu girren! –
58
Ach, Liebender Glauben ist willig und zahm!
59
Er sparte kein Locken, die schüchterne Scham
60
Zu seinem Gelüste zu kirren.

61
Er schwur sich bei allem, was heilig und hehr,
62
Auf ewig zu ihrem Getreuen.
63
Und als sie sich sträubte, und als er sie zog,
64
Vermaß er sich teuer, vermaß er sich hoch:
65
»lieb Mädel, es soll dich nicht reuen!«

66
Er zog sie zur Laube, so düster und still,
67
Von blühenden Bohnen umdüftet.
68
Da pocht' ihr das Herzchen; da schwoll ihr die Brust;
69
Da wurde vom glühenden Hauche der Lust
70
Die Unschuld zu Tode vergiftet. – – –

71
Bald, als auf duftendem Bohnenbeet
72
Die rötlichen Blumen verblühten,
73
Da wurde dem Mädel so übel und weh;
74
Da bleichten die rosichten Wangen zu Schnee;
75
Die funkelnden Augen verglühten.

76
Und als die Schote nun allgemach
77
Sich dehnt' in die Breit' und Länge;
78
Als Erdbeer' und Kirsche sich rötet' und schwoll;
79
Da wurde dem Mädel das Brüstchen zu voll,
80
Das seidene Röckchen zu enge.

81
Und als die Sichel zu Felde ging,
82
Hub's an sich zu regen und strecken.
83
Und als der Herbstwind über die Flur,
84
Und über die Stoppel des Habers fuhr,
85
Da konnte sie's nicht mehr verstecken.

86
Der Vater, ein harter und zorniger Mann,
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Schalt laut die arme Rosette:
88
»hast du dir erbuhlt für die Wiege das Kind,
89
So hebe dich mir aus den Augen geschwind
90
Und schaff' auch den Mann dir ins Bette!«

91
Er schlang ihr fliegendes Haar um die Faust;
92
Er hieb sie mit knotigen Riemen.
93
Er hieb, das schallte so schrecklich und laut!
94
Er hieb ihr die sammtene Lilienhaut
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Voll schnellender blutiger Striemen.

96
Er stieß sie hinaus in der finstersten Nacht
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Bei eisigem Regen und Winden.
98
Sie klimmt' am dornigen Felsen empor,
99
Und tappte sich fort, bis an Falkensteins Thor,
100
Dem Liebsten ihr Leid zu verkünden. –

101
»o weh mir daß du mich zur Mutter gemacht,
102
Bevor du mich machtest zum Weibe!
103
Sieh her! Sieh her! Mit Jammer und Hohn
104
Trag' ich dafür nun den schmerzlichen Lohn,
105
An meinem zerschlagenen Leibe!«

106
Sie warf sich ihm bitterlich schluchzend ans Herz;
107
Sie bat, sie beschwur ihn mit Zähren:
108
»o mach' es nun gut, was du übel gemacht!
109
Bist du es, der so mich in Schande gebracht,
110
So bring' auch mich wieder zu Ehren!« –

111
»arm Närrchen, versetzt' er, daß thut mir ja leid!
112
Wir wollens am Alten schon rächen.
113
Erst gib dich zufrieden und harre bei mir!
114
Ich will dich schon hegen und pflegen allhier.
115
Dann wollen wir's ferner besprechen.« –

116
»ach, hier ist kein Säumen, kein Pflegen, noch Ruh'n!
117
Das bringt mich nicht wieder zu Ehren.
118
Hast du einst treulich geschworen der Braut,
119
So laß auch an Gottes Altare nun laut
120
Vor Priester und Zeugen es hören!« –

121
»ho, Närrchen, so hab' ich es nimmer gemeint!
122
Wie kann ich zum Weibe dich nehmen?
123
Ich bin ja entsprossen aus adligem Blut.
124
Nur Gleiches zu Gleichem gesellet sich gut;
125
Sonst müßte mein Stamm sich ja schämen.

126
Lieb Närrchen, ich halte dir's, wie ich's gemeint:
127
Mein Liebchen sollst immerdar bleiben.
128
Und wenn dir mein wackerer Jäger gefällt,
129
So lass' ich's mir kosten ein gutes Stück Geld.
130
Dann können wir's ferner noch treiben.« –

131
»daß Gott dich! – du schändlicher, bübischer Mann! –
132
Daß Gott dich zur Hölle verdamme! –
133
Entehr' ich als Gattin dein adliges Blut,
134
Warum denn, o Bösewicht, war ich einst gut,
135
Für deine unehrliche Flamme? –

136
So geh dann und nimm dir ein adliges Weib! –
137
Das Blättchen soll schrecklich sich wenden!
138
Gott siehet und höret und richtet uns recht.
139
So müsse dereinst dein niedrigster Knecht
140
Das adlige Bette dir schänden! –

141
Dann fühle, Verräter, dann fühle wie's thut,
142
An Ehr' und an Glück zu verzweifeln!
143
Dann stoß' an die Mauer die schändliche Stirn,
144
Und jag' eine Kugel dir fluchend durch's Hirn!
145
Dann, Teufel, dann fahre zu Teufeln!« –

146
Sie riß sich zusammen, sie raffte sich auf,
147
Sie rannte verzweifelnd von hinnen,
148
Mit blutigen Füßen, durch Distel und Dorn,
149
Durch Moor und Geröhricht, vor Jammer und Zorn
150
Zerrüttet an allen fünf Sinnen.

151
»wohin nun, wohin, o barmherziger Gott,
152
Wohin nun auf Erden mich wenden?« –
153
Sie rannte, verzweifelnd an Ehr' und an Glück,
154
Und kam in den Garten der Heimat zurück,
155
Ihr klägliches Leben zu enden.

156
Sie taumelt', an Händen und Füßen verklomt,
157
Sie kroch zur unseligen Laube;
158
Und jach durchzuckte sie Weh auf Weh,
159
Auf ärmlichem Lager, bestreuet mit Schnee,
160
Von Reisicht und rasselndem Laube.

161
Es wand ihr ein Knäbchen sich weinend vom Schoß,
162
Bei wildem unsäglichen Schmerze.
163
Und als das Knäbchen geboren war,
164
Da riß sie die silberne Nadel vom Haar,
165
Und stieß sie dem Knaben ins Herze.

166
Erst, als sie vollendet die blutige That,
167
Mußt' ach! ihr Wahnsinn sich enden.
168
Kalt wehten Entsetzen und Grausen sie an. –
169
»o Jesu, mein Heiland, was hab' ich gethan?«
170
Sie wand sich das Bast von den Händen.

171
Sie kratzte mit blutigen Nägeln ein Grab,
172
Am schilfigen Unkengestade.
173
»da ruh du, mein Armes, da ruh nun in Gott,
174
Geborgen auf immer vor Elend und Spott! –
175
Mich hacken die Raben vom Rade!« – –

176
Das ist das Flämmchen am Unkenteich;
177
Das flimmert und flammert so traurig.
178
Das ist das Plätzchen, da wächst kein Gras;
179
Das wird vom Tau und vom Regen nicht naß;
180
Da wehen die Lüftchen so schaurig!

181
Hoch hinter dem Garten von Rabenstein,
182
Hoch über dem Steine vom Rade
183
Blickt, hohl und düster, ein Schädel herab,
184
Daß ist ihr Schädel, der blicket aufs Grab,
185
Drei Spannen lang an dem Gestade.

186
Allnächtlich herunter vom Rabenstein,
187
Allnächtlich herunter von Rade
188
Huscht bleich und molkicht ein Schattengesicht,
189
Will löschen das Flämmchen, und kann es doch nicht,
190
Und wimmert am Unkengestade.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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