Der wilde Jäger

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Gottfried August Bürger: Der wilde Jäger (1776)

1
Der Wild- und Rheingraf stieß ins Horn:
2
»hallo, Hallo zu Fuß und Roß!«
3
Sein Hengst erhob sich wiehernd vorn;
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Laut rasselnd stürzt' ihm nach der Troß;
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Laut klifft' und klafft' es, frei von Koppel,
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Durch Korn und Dorn, durch Heid' und Stoppel.

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Vom Strahl der Sonntagsfrühe war
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Des hohen Domes Kuppel blank.
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Zum Hochamt rufte dumpf und klar
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Der Glocken ernster Feierklang.
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Fern tönten lieblich die Gesänge
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Der andachtsvollen Christenmenge.

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Rischrasch quer übern Kreuzweg ging's,
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Mit Horrido und Hussasa.
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Sieh da! Sieh da, kam rechts und links
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Ein Reiter hier, ein Reiter da!
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Des Rechten Roß war Silbersblinken,
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Ein Feuerfarbner trug den Linken.

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Wer waren Reiter links und rechts?
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Ich ahnd' es wohl, doch weiß ichs nicht.
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Lichthehr erschien der Reiter rechts,
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Mit mildem Frühlingsangesicht.
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Graß, dunkelgelb der linke Ritter
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Schoß Blitz vom Aug', wie Ungewitter.

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»willkommen hier, zu rechter Frist,
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Willkommen zu der edlen Jagd!
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Auf Erden und im Himmel ist
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Kein Spiel, das lieblicher behagt.« –
29
Er rief's, schlug laut sich an die Hüfte,
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Und schwang den Hut doch in die Lüfte.

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»schlecht stimmet deines Hornes Klang,
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Sprach der zur Rechten, sanftes Muts,
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Zu Feierglock' und Chorgesang.
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Kehr um! Erjagst dir heut nichts Guts.
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Laß dich den guten Engel warnen,
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Und nicht vom Bösen dich umgarnen!« –

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»jagt zu, jagt zu, mein edler Herr!
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Fiel rasch der linke Ritter d'rein.
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Was Glockenklang? Was Chorgeplärr?
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Die Jagdlust mag euch baß erfreun!
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Laßt mich, was fürstlich ist, euch lehren
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Und euch von Jenem nicht bethören!« –

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»ja! Wohlgesprochen, linker Mann!
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Du bist ein Held nach meinem Sinn.
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Wer nicht des Weidwerks pflegen kann,
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Der scher' ans Paternoster hin!
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Mag's, frommer Narr, dich baß verdrießen,
48
So will ich meine Lust doch büßen!« –

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Und hurre hurre vorwärts ging's,
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Feld ein und aus, Berg ab und an.
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Stets ritten Reiter rechts und links
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Zu beiden Seiten neben an.
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Auf sprang ein weißer Hirsch von ferne,
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Mit sechzehnzackigem Gehörne.

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Und lauter stieß der Graf ins Horn;
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Und rascher flog's zu Fuß und Roß;
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Und sieh! bald hinten und bald vorn
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Stürzt' Einer tot dahin vom Troß.
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»laß stürzen! Laß zur Hölle stürzen!
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Das darf nicht Fürstenlust verwürzen.«

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Das Wild duckt sich ins Ährenfeld
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Und hofft da sichern Aufenthalt.
63
Sieh da! Ein armer Landmann stellt
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Sich dar in kläglicher Gestalt.
65
»erbarmen, lieber Herr, Erbarmen!
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Verschont den sauern Schweiß des Armen!«

67
Der rechte Ritter sprengt heran,
68
Und warnt den Grafen sanft und gut.
69
Doch baß hetzt ihn der linke Mann
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Zu schadenfrohem Frevelmut.
71
Der Graf verschmäht des Rechten Warnen
72
Und läßt vom Linken sich umgarnen.

73
»hinweg, du Hund! schnaubt fürchterlich
74
Der Graf den armen Pflüger an.
75
Sonst hetz' ich selbst, beim Teufel! dich.
76
Hallo, Gesellen, drauf und dran!
77
Zum Zeichen, daß ich wahr geschworen,
78
Knallt ihm die Peitschen um die Ohren!«

79
Gesagt, gethan! Der Wildgraf schwang
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Sich übern Hagen rasch voran,
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Und hinterher, bei Knall und Klang,
82
Der Troß mit Hund und Roß und Mann;
83
Und Hund und Mann und Roß zerstampfte
84
Die Halmen, daß der Acker dampfte.

85
Vom nahen Lärm emporgescheucht,
86
Feld ein und aus, Berg ab und an
87
Gesprengt, verfolgt, doch unerreicht,
88
Ereilt das Wild des Angers Plan;
89
Und mischt sich, da verschont zu werden,
90
Schlau mitten zwischen zahme Herden.

91
Doch hin und her, durch Flur und Wald
92
Und her und hin, durch Wald und Flur,
93
Verfolgen und erwittern bald
94
Die raschen Hunde seine Spur.
95
Der Hirt, voll Angst für seine Herde,
96
Wirft vor dem Grafen sich zur Erde.

97
»erbarmen, Herr, Erbarmen! Laßt
98
Mein armes stilles Vieh in Ruh!
99
Bedenket, lieber Herr, hier gras't
100
So mancher armen Witwe Kuh.
101
Ihr Eins und Alles spart der Armen!
102
Erbarmen, lieber Herr, Erbarmen!«

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Der rechte Ritter sprengt heran,
104
Und warnt den Grafen sanft und gut.
105
Doch baß hetzt ihn der linke Mann
106
Zu schadenfrohem Frevelmut.
107
Der Graf verschmäht des Rechten Warnen
108
Und läßt vom Linken sich umgarnen.

109
»verwegner Hund, der du mir wehrst!
110
Ha, daß du deiner besten Kuh
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Selbst um und angewachsen wärst,
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Und jede Vettel noch dazu!
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So sollt' es baß mein Herz ergötzen,
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Euch stracks ins Himmelreich zu hetzen.

115
Hallo, Gesellen, drauf und dran!
116
Jo! Doho! Hussasa!« –
117
Und jeder Hund fiel wütend an,
118
Was er zunächst vor sich ersah.
119
Bluttriefend sank der Hirt zur Erde,
120
Bluttriefend Stück für Stück die Herde.

121
Dem Mordgewühl entrafft sich kaum
122
Das Wild mit immer schwächerm Lauf.
123
Mit Blut besprengt, bedeckt mit Schaum
124
Nimmt jetzt des Waldes Nacht es auf.
125
Tief birgt sich's in des Waldes Mitte,
126
In eines Kläusners Gotteshütte.

127
Risch ohne Rast mit Peitschenknall,
128
Mit Horrido und Hussasa,
129
Und Kliff und Klaff und Hörnerschall,
130
Verfolgt's der wilde Schwarm auch da.
131
Entgegen tritt mit sanfter Bitte
132
Der fromme Kläusner vor die Hütte.

133
»laß ab, laß ab von dieser Spur!
134
Entweihe Gottes Freistatt nicht!
135
Zum Himmel ächzt die Kreatur
136
Und heischt von Gott dein Strafgericht.
137
Zum letzten male laß dich warnen,
138
Sonst wird Verderben dich umgarnen!«

139
Der Rechte sprengt besorgt heran
140
Und warnt den Grafen sanft und gut.
141
Doch baß hetzt ihn der linke Mann
142
Zu schadenfrohem Frevelmut.
143
Und wehe! trotz des Rechten Warnen,
144
Läßt er vom Linken sich umgarnen!

145
»verderben hin, Verderben her!
146
Das, ruft er, macht mir wenig Graus.
147
Und wenn's im dritten Himmel wär,
148
So acht' ichs keine Fledermaus.
149
Mag's Gott und dich, du Narr, verdrießen;
150
So will ich meine Lust doch büßen!«

151
Er schwingt die Peitsche, stößt ins Horn:
152
»hallo, Gesellen, drauf und dran!«
153
Hui, schwinden Mann und Hütte vorn,
154
Und hinten schwinden Roß und Mann;
155
Und Knall und Schall und Jagdgebrülle
156
Verschlingt auf einmal Totenstille.

157
Erschrocken blickt der Graf umher;
158
Er stößt ins Horn, es tönet nicht;
159
Er ruft und hört sich selbst nicht mehr;
160
Der Schwung der Peitsche sauset nicht;
161
Er spornt sein Roß in beide Seiten
162
Und kann nicht vor nicht rückwärts reiten.

163
D'rauf wird es düster um ihn her,
164
Und immer düstrer, wie ein Grab.
165
Dumpf rauscht es, wie ein fernes Meer.
166
Hoch über seinem Haupt herab
167
Ruft furchtbar, mit Gewittergrimme,
168
Dies Urtel eine Donnerstimme:

169
»du Wütrich, teuflischer Natur,
170
Frech gegen Gott und Mensch und Tier!
171
Das Ach und Weh der Kreatur,
172
Und deine Missethat an ihr
173
Hat laut dich vor Gericht gefodert,
174
Wo hoch der Rache Fackel lodert.

175
Fleuch, Unhold, fleuch, und werde jetzt,
176
Von nun an bis in Ewigkeit,
177
Von Höll' und Teufel selbst gehetzt!
178
Zum Schreck der Fürsten jeder Zeit,
179
Die, um verruchter Lust zu fronen,
180
Nicht Schöpfer noch Geschöpf verschonen!« –

181
Ein schwefelgelber Wetterschein
182
Umzieht hierauf des Waldes Laub.
183
Angst rieselt ihm durch Mark und Bein;
184
Ihm wird so schwül, so dumpf und taub!
185
Entgegen weht' ihm kaltes Grausen,
186
Dem Nacken folgt Gewittersausen.

187
Das Grausen weht, das Wetter saust,
188
Und aus der Erd' empor huhu!
189
Fährt eine schwarze Riesenfaust;
190
Sie spannt sich auf, sie krallt sich zu;
191
Hui! will sie ihn beim Wirbel packen;
192
Hui! steht sein Angesicht im Nacken.

193
Es flimmt und flammt rund um ihn her,
194
Mit grüner, blauer, roter Glut;
195
Es wallt um ihn ein Feuermeer;
196
Darinnen wimmelt Höllenbrut.
197
Jach fahren tausend Höllenhunde,
198
Laut angehetzt, empor vom Schlunde.

199
Er rafft sich auf durch Wald und Feld,
200
Und flieht lautheulend Weh und Ach;
201
Doch durch die ganze weite Welt
202
Rauscht bellend ihm die Hölle nach,
203
Bei Tag tief durch der Erde Klüfte,
204
Um Mitternacht hoch durch die Lüfte.

205
Im Nacken bleibt sein Antlitz stehn,
206
So rasch die Flucht ihn vorwärts reißt.
207
Er muß die Ungeheuer sehn,
208
Laut angehetzt vom bösen Geist,
209
Muß sehn das Knirrschen und das Jappen
210
Der Rachen, welche nach ihm schnappen. –

211
Das ist des wilden Heeres Jagd,
212
Die bis zum jüngsten Tage währt,
213
Und oft dem Wüstling noch bei Nacht
214
Zu Schreck und Graus vorüberfährt.
215
Das könnte, müßt' er sonst nicht schweigen,
216
Wohl manches Jägers Mund bezeugen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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