Die Entführung, oder Ritter Karl von Eichenhorst und Fräulein Gertrude von Hochburg

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Gottfried August Bürger: Die Entführung, oder Ritter Karl von Eichenhorst und Fräulein Gertrude von Hochburg (1778)

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»knapp', satt'le mir mein Dänenroß,
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Daß ich mir Ruh' erreite!
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Es wird mir hier zu eng' im Schloß;
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Ich will und muß ins Weite!« –
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So rief der Ritter Karl in Hast,
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Voll Angst und Ahndung, sonder Rast.
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Es schien ihn fast zu plagen,
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Als hätt' er Wen erschlagen.

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Er sprengte, daß es Funken stob,
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Hinunter von dem Hofe;
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Und als er kaum den Blick erhob,
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Sieh da! Gertrudens Zofe!
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Zusammenschrak der Rittersmann;
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Es packt' ihn, wie mit Krallen an,
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Und schüttelt' ihn, wie Fieber,
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Hinüber und herüber.

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»gott grüß' Euch, edler junger Herr!
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Gott geb' Euch Heil und Frieden!
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Mein armes Fräulein hat mich her
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Zum letztenmal beschieden.
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Verloren ist Euch Trudchens Hand!
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Dem Junker Plump von Pommerland
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Hat sie, vor aller Ohren,
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Ihr Vater zugeschworen.

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›mord! – flucht er laut, bei Schwert und Spieß, –
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Wo Karl dir noch gelüstet,
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So sollst du tief ins Burgverließ,
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Wo Molch und Unke nistet.
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Nicht rasten will ich Tag und Nacht,
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Bis daß ich nieder ihn gemacht,
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Das Herz ihm ausgerissen,
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Und das dir nachgeschmissen.‹

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Jetzt in der Kammer zagt die Braut,
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Und zuckt vor Herzenswehen,
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Und ächzet tief, und weinet laut,
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Und wünschet zu vergehen.
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Ach! Gott der Herr muß ihrer Pein,
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Bald muß und wird er gnädig sein.
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Hört ihr zur Trauer läuten,
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So wißt ihr's auszudeuten. –

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›geh, meld' ihm, daß ich sterben muß –
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Rief sie mit tausend Zähren –
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Geh, bring ihm ach! den letzten Gruß,
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Den er von mir wird hören!
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Geh, unter Gottes Schutz, und bring'
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Von mir ihm diesen goldnen Ring
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Und dieses Wehrgehenke,
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Wobei er mein gedenke!‹« –

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Zu Ohren braust' ihm, wie ein Meer,
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Die Schreckenspost der Dirne.
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Die Berge wankten um ihn her.
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Es flirrt' ihm vor der Stirne.
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Doch jach, wie Windeswirbel fährt,
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Und rührig Laub und Staub empört,
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Ward seiner Lebensgeister
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Verzweiflungsmut nun Meister.

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»gottslohn! Gottslohn! du treue Magd,
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Kann ich's dir nicht bezahlen.
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Gottslohn! daß du mir's angesagt,
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Zu hunderttausendmalen.
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Biß wohlgemut und tummle dich!
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Flugs tummle dich zurück und sprich:
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Wär's auch aus tausend Ketten,
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So wollt' ich sie erretten!

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Biß wohlgemut und tummle dich!
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Flugs tummle dich von hinnen!
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Ha! Riesen, gegen Hieb und Stich,
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Wollt' ich sie abgewinnen.
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Sprich: Mitternachts, bei Sternenschein,
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Wollt' ich vor ihrem Fenster sein,
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Mir geh' es, wie es gehe!
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Wohl, oder ewig wehe!

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Risch auf und fort!« – Wie Sporen trieb
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Des Ritters Wort die Dirne.
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Tief holt' er wieder Luft und rieb
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Sich's klar vor Aug und Stirne.
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Dann schwenkt' er hin und her sein Roß,
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Daß ihm der Schweiß vom Buge floß,
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Bis er sich Rat ersonnen
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Und den Entschluß gewonnen.

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D'rauf ließ er heim sein Silberhorn
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Von Dach und Zinnen schallen.
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Herangesprengt, durch Korn und Dorn,
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Kam stracks ein Heer Vasallen.
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D'raus zog er Mann bei Mann hervor,
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Und raunt' ihm heimlich Ding ins Ohr: –
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»wohlauf! Wohlan! Seid fertig,
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Und meines Horns gewärtig!« –

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Als nun die Nacht Gebirg' und Thal
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Vermummt in Rabenschatten,
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Und Hochburgs Lampen überall
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Schon ausgeflimmert hatten,
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Und alles tief entschlafen war;
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Doch nur das Fräulein immerdar,
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Voll Fieberangst, noch wachte,
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Und seinen Ritter dachte:

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Da horch! Ein süßer Liebeston
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Kam leis' empor geflogen.
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»ho, Trudchen, ho! Da bin ich schon!
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Risch auf! Dich angezogen!
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Ich, ich, dein Ritter, rufe dir;
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Geschwind, geschwind herab zu mir!
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Schon wartet dein die Leiter.
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Mein Klepper bringt dich weiter.« –

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»ach nein, du Herzens-Karl, ach nein!
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Still, daß ich nichts mehr höre!
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Entränn' ich ach! mit dir allein,
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Dann wehe meiner Ehre!
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Nur noch ein letzter Liebeskuß
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Sei, Liebster, dein und mein Genuß,
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Eh ich im Totentkleide
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Auf ewig von dir scheide.« –

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»ha Kind! Auf meine Rittertreu
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Kannst du die Erde bauen.
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Du kannst, beim Himmel! froh und frei
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Mir Ehr' und Leib vertrauen.
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Risch geht's nach meiner Mutter fort.
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Das Sakrament vereint uns dort.
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Komm, komm! Du bist geborgen.
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Laß Gott und mich nur sorgen!« –

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»mein Vater! – – Ach! ein Reichsbaron! – – –
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So stolz von Ehrenstamme! – – –
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Laß ab! Laß ab! Wie beb' ich schon,
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Vor seines Zornes Flamme!
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Nicht rasten wird er Tag und Nacht,
126
Bis daß er nieder dich gemacht,
127
Das Herz dir ausgerissen
128
Und das mir vorgeschmissen.« –

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»ha, Kind! Sei nur erst sattelfest,
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So ist mir nicht mehr bange. –
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Dann steht uns offen Ost und West. –
132
O zaudre nicht zu lange!
133
Horch, Liebchen, horch! – Was rührte sich? –
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Um Gotteswillen! tummle dich!
135
Komm, komm! Die Nacht hat Ohren;
136
Sonst sind wir ganz verloren.« –

137
Das Fräulein zagte – stand – und stand –
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Es graust' ihr durch die Glieder. –
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Da griff er nach der Schwanenhand,
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Und zog sie flink hernieder.
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Ach! Was ein Herzen, Mund und Brust,
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Mit Rang und Drang, voll Angst und Lust,
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Belauschten jetzt die Sterne,
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Aus hoher Himmelsferne! –

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Er nahm sein Lieb, mit einem Schwung,
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Und schwang's auf den Polacken.
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Hui! saß er selber auf und schlung
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Sein Heerhorn um den Nacken.
149
Der Ritter hinten, Trudchen vorn.
150
Den Dänen trieb des Ritters Sporn;
151
Die Peitsche den Polacken;
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Und Hochburg blieb im Nacken. –

153
Ach! leise hört die Mitternacht!
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Kein Wörtchen ging verloren.
155
Im nächsten Bett' war aufgewacht
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Ein Paar Verräterohren.
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Des Fräuleins Sittenmeisterin,
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Voll Gier nach schnödem Goldgewinn,
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Sprang hurtig auf, die Thaten
160
Dem Alten zu verraten.

161
»hallo! hallo! Herr Reichsbaron! –
162
Hervor aus Bett' und Kammer! –
163
Eu'r Fräulein Trudchen ist entflohn,
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Entflohn zu Schand' und Jammer!
165
Schon reitet Karl von Eichenhorst,
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Und jagt mit ihr durch Feld und Forst.
167
Geschwind! Ihr dürft nicht weilen,
168
Wollt ihr sie noch ereilen.«

169
Hui auf der Freiherr, hui heraus,
170
Bewehrte sich zum Streite,
171
Und donnerte durch Hof und Haus
172
Und weckte seine Leute. –
173
»heraus, mein Sohn von Pommerland!
174
Sitz' auf! Nimm Lanz' und Schwert zur Hand!
175
Die Braut ist dir gestohlen;
176
Fort, Fort! sie einzuholen!« –

177
Rasch ritt das Paar im Zwielicht schon,
178
Da horch! – ein dumpfes Rufen –
179
Und horch! – erscholl ein Donnerton,
180
Von Hochburgs Pferdehufen;
181
Und wild kam Plump, den Zaum verhängt,
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Weit weit voran, dahergesprengt,
183
Und ließ, zu Trudchens Grausen,
184
Vorbei die Lanze sausen. –

185
»halt an! halt an! du Ehrendieb!
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Mit deiner losen Beute.
187
Herbei vor meinen Klingenhieb!
188
Dann raube wieder Bräute!
189
Halt an, verlaufne Buhlerin,
190
Daß neben deinen Schurken hin
191
Dich meine Rache strecke,
192
Und Schimpf und Schand' euch decke!« –

193
»das leugst du, Plump von Pommerland,
194
Bei Gott und Ritterehre!
195
Herab! Herab! daß Schwert und Hand
196
Dich andre Sitte lehre. –
197
Halt, Trudchen, halt den Dänen an! –
198
Herunter, Junker Grobian,
199
Herunter von der Mähre,
200
Daß ich dich Sitte lehre!« –

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Ach! Trudchen, wie voll Angst und Not!
202
Sah hoch die Säbel schwingen.
203
Hell funkelten im Morgenrot
204
Die Damascener Klingen.
205
Von Kling und Klang, von Ach und Krach,
206
Ward rund umher das Echo wach.
207
Von ihrer Fersen Stampfen
208
Begann der Grund zu dampfen.

209
Wie Wetter schlug des Liebsten Schwert
210
Den Ungeschliffnen nieder.
211
Gertrudens Held blieb unversehrt,
212
Und Plump erstand nicht wieder. –
213
Nun weh, o weh! Erbarm' es Gott!
214
Kam fürchterlich, Galopp und Trott,
215
Als Karl kaum ausgestritten,
216
Der Nachtrab angeritten. –

217
Trara! Trara! durch Flur und Wald
218
Ließ Karl sein Horn nun schallen.
219
Sieh da! Hervor vom Hinterhalt,
220
Hop hop! sein Heer Vasallen. –
221
»nun halt, Baron, und hör' ein Wort!
222
Schau auf! Erblickst du Jene dort?
223
Die sind zum Schlagen fertig,
224
Und meines Winks gewärtig.

225
Halt an! Halt an! Und hör' ein Wort,
226
Damit dich nichts gereue!
227
Dein Kind gab längst mir Treu und Wort,
228
Und ich ihm Wort und Treue.
229
Willst du zerreißen Herz und Herz?
230
Soll dich ihr Blut, soll dich ihr Schmerz
231
Vor Gott und Welt verklagen?
232
Wohlan! so laß uns schlagen!

233
Noch halt! Bei Gott beschwör' ich dich!
234
Bevor's dein Herz gereuet.
235
In Ehr' und Züchten hab' ich mich
236
Dem Fräulein stets geweihet.
237
Gib – – Vater! – – gib mir Trudchens Hand! –
238
Der Himmel gab mir Gold und Land.
239
Mein Ritterruhm und Adel,
240
Gottlob! trotzt jedem Tadel.« –

241
Ach! Trudchen, wie voll Angst und Not!
242
Verblüht' in Todesblässe.
243
Vor Zorn der Freiherr heiß und rot,
244
Glich einer Feueresse. –
245
Und Trudchen warf sich auf den Grund;
246
Sie rang die schönen Hände wund,
247
Und suchte baß, mit Thränen,
248
Den Eifrer zu versöhnen.

249
»o Vater, habt Barmherzigkeit,
250
Mit euerm armen Kinde!
251
Verzeih' euch, wie ihr uns verzeiht,
252
Der Himmel auch die Sünde!
253
Glaubt, bester Vater, diese Flucht,
254
Ich hätte nimmer sie versucht,
255
Wenn vor des Junkers Bette
256
Mich nicht geekelt hätte. –

257
Wie oft habt ihr, auf Knie und Hand,
258
Gewiegt mich und getragen!
259
Wie oft: du Herzenskind! genannt!
260
Du Trost in alten Tagen!
261
O Vater, Vater! denkt zurück!
262
Ermordet nicht mein ganzes Glück!
263
Ihr tötet sonst daneben
264
Auch euers Kindes Leben.« –

265
Der Freiherr warf sein Haupt herum,
266
Und wies den krausen Nacken.
267
Der Freiherr rieb, wie taub und stumm,
268
Die dunkelrauhen Backen. –
269
Vor Wehmut brach ihm Herz und Blick;
270
Doch schlang er stolz den Strom zurück,
271
Um nicht durch Vaterthränen
272
Den Rittersinn zu höhnen. –

273
Bald sanken Zorn und Ungestüm.
274
Das Vaterherz wuchs über.
275
Von hellen Zähren strömten ihm
276
Die stolzen Augen über. –
277
Er hob sein Kind vom Boden auf,
278
Er ließ der Herzensflut den Lauf,
279
Und wollte schier vergehen,
280
Vor wundersüßen Wehen. –

281
»nun wohl! Verzeih' mir Gott die Schuld,
282
So wie ich dir verzeihe!
283
Empfange meine Vaterhuld,
284
Empfange sie auf's neue!
285
In Gottes Namen, sei es d'rum! –
286
Hier wandt' er sich zum Ritter um, –
287
Da! Nimm sie meinetwegen,
288
Und meinen ganzen Segen!

289
Komm, nimm sie hin, und sei mein Sohn,
290
Wie ich dein Vater werde!
291
Vergeben und vergessen schon
292
Ist jegliche Beschwerde.
293
Dein Vater, einst mein Ehrenfeind,
294
Der's nimmer hold mit mir gemeint,
295
That vieles mir zu Hohne.
296
Ihn haßt' ich noch im Sohne.

297
Mach's wieder gut! Mach's gut, mein Sohn,
298
An mir und meinem Kinde!
299
Auf daß ich meiner Güte Lohn
300
In deiner Güte finde.
301
So segne dann, der auf uns sieht,
302
Euch segne Gott, von Glied zu Glied!
303
Auf! Wechselt Ring' und Hände!
304
Und hiermit Lied am Ende!« –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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