Das Lied vom braven Manne

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Gottfried August Bürger: Das Lied vom braven Manne (1776)

1
Hoch klingt das Lied vom braven Mann,
2
Wie Orgelton und Glockenklang.
3
Wer hohes Muts sich rühmen kann,
4
Den lohnt nicht Gold, den lohnt Gesang.
5
Gottlob! daß ich singen und preisen kann:
6
Zu singen und preisen den braven Mann.

7
Der Tauwind kam vom Mittagsmeer,
8
Und schnob durch Welschland trüb' und feucht.
9
Die Wolken flogen vor ihm her,
10
Wie wann der Wolf die Herde scheucht.
11
Er fegte die Felder; zerbrach den Forst;
12
Auf Seen und Strömen das Grundeis borst.

13
Am Hochgebirge schmolz der Schnee,
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Der Sturz von tausend Wassern scholl;
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Das Wiesenthal begrub ein See;
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Des Landes Heerstrom wuchs und schwoll;
17
Hoch rollten die Wogen, entlang ihr Gleis,
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Und rollten gewaltige Felsen Eis.

19
Auf Pfeilern und auf Bogen schwer,
20
Aus Quaderstein von unten auf,
21
Lag eine Brücke d'rüber her;
22
Und mitten stand ein Häuschen d'rauf.
23
Hier wohnte der Zöllner, mit Weib und Kind. –
24
»o Zöllner! o Zöllner! Entfleuch geschwind!«

25
Es dröhnt' und dröhnte dumpf heran,
26
Laut heulten Sturm und Wog' um's Haus.
27
Der Zöllner sprang zum Dach hinan,
28
Und blickt' in den Tumult hinaus. –
29
»barmherziger Himmel! Erbarme dich!
30
Verloren! Verloren! Wer rettet mich?« –

31
Die Schollen rollten, Schuß auf Schuß,
32
Von beiden Ufern, hier und dort,
33
Von beiden Ufern riß der Fluß
34
Die Pfeiler sammt den Bogen fort.
35
Der bebende Zöllner, mit Weib und Kind,
36
Er heulte noch lauter, als Strom und Wind.

37
Die Schollen rollen, Stoß auf Stoß,
38
An beiden Enden, hier und dort,
39
Zerborsten und zertrümmert, schoß,
40
Ein Pfeiler nach dem andern fort.
41
Bald nahte der Mitte der Umsturz sich. –
42
»barmherziger Himmel! Erbarme dich!« –

43
Hoch auf dem fernen Ufer stand
44
Ein Schwarm von Gaffern, groß und klein;
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Und Jeder schrie und rang die Hand,
46
Doch mochte Niemand Retter sein.
47
Der bebende Zöllner, mit Weib und Kind,
48
Durchheulte nach Rettung den Strom und Wind. –

49
Wann klingst du, Lied vom braven Mann,
50
Wie Orgelton und Glockenklang?
51
Wohlan! So nenn' ihn, nenn' ihn dann!
52
Wann nennst du ihn, mein schönster Sang?
53
Bald nahet der Mitte der Umsturz sich.
54
O braver Mann! braver Mann! zeige dich!

55
Rasch galoppiert' ein Graf hervor,
56
Auf hohem Roß ein edler Graf.
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Was hielt des Grafen Hand empor?
58
Ein Beutel war es, voll und straff. –
59
»zweihundert Pistolen sind zugesagt
60
Dem, welcher die Rettung der Armen wagt.«

61
Wer ist der Brave? Ist's der Graf?
62
Sag an, mein braver Sang, sag an! –
63
Der Graf, beim höchsten Gott! war brav!
64
Doch weiß ich einen bravern Mann. –
65
O braver Mann! braver Mann! Zeige dich!
66
Schon naht das Verderben sich fürchterlich. –

67
Und immer höher schwoll die Flut;
68
Und immer lauter schnob der Wind;
69
Und immer tiefer sank der Mut. –
70
O Retter! Retter! Komm geschwind! –
71
Stets Pfeiler bei Pfeiler zerborst und brach.
72
Laut krachten und stürzten die Bogen nach.

73
»hallo! Hallo! Frisch aufgewagt!«
74
Hoch hielt der Graf den Preis empor.
75
Ein Jeder hört's doch Jeder zagt,
76
Aus Tausenden tritt Keiner vor.
77
Vergebens durchheulte, mit Weib und Kind,
78
Der Zöllner nach Rettung den Strom und Wind. –

79
Sieh, schlecht und recht, ein Bauersmann
80
Am Wanderstabe schritt daher,
81
Mit grobem Kittel angethan,
82
An Wuchs und Antlitz hoch und hehr.
83
Er hörte den Grafen; vernahm sein Wort;
84
Und schaute das nahe Verderben dort.

85
Und kühn in Gottes Namen, sprang
86
Er in den nächsten Fischerkahn;
87
Trotz Wirbel, Sturm, und Wogendrang,
88
Kam der Erretter glücklich an:
89
Doch wehe! der Nachen war allzuklein,
90
Der Retter von Allen zugleich zu sein.

91
Und dreimal zwang er seinen Kahn,
92
Trotz Wirbel, Sturm, und Wogendrang;
93
Und dreimal kam er glücklich an,
94
Bis ihm die Rettung ganz gelang.
95
Kaum kamen die Letzten in sichern Port;
96
So rollte das letzte Getrümmer fort. –

97
Wer ist, wer ist der brave Mann?
98
Sag an, sag an, mein braver Sang!
99
Der Bauer wagt' ein Leben dran:
100
Doch that er's wohl um Goldesklang?
101
Denn spendete nimmer der Graf sein Gut;
102
So wagte der Bauer vielleicht kein Blut. –

103
»hier, rief der Graf, mein wackrer Freund!
104
Hier ist dein Preis! Komm her! Nimm hin!« –
105
Sag an, war das nicht brav gemeint? –
106
Bei Gott! der Graf trug hohen Sinn. –
107
Doch höher und himmlischer, wahrlich! schlug
108
Das Herz, das der Bauer im Kittel trug.

109
»mein Leben ist für Gold nicht feil.
110
Arm bin ich zwar, doch ess' ich satt.
111
Dem Zöllner werd' eur Gold zu teil,
112
Der Hab' und Gut verloren hat!«
113
So rief er, mit herzlichem Biederton,
114
Und wandte den Rücken und ging davon. –

115
Hoch klingst du, Lied vom braven Mann,
116
Wie Orgelton und Glockenklang!
117
Wer solches Muts sich rühmen kann,
118
Den lohnt kein Gold, den lohnt Gesang.
119
Gottlob! daß ich singen und preisen kann,
120
Unsterblich zu preisen den braven Mann.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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