Lenardo und Blandine

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Gottfried August Bürger: Lenardo und Blandine (1776)

1
Blandine sah her, Lenardo sah hin,
2
Mit Augen, erleuchtet vom zärtlichsten Sinn:
3
Blandine, die schönste Prinzessin der Welt,
4
Lenardo, der Schönsten zum Diener bestellt.

5
Zu Land und zu Wasser, von nah und von fern,
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Erschienen viel Fürsten und Grafen und Herrn,
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Mit Perlen, Gold, Ringen und Edelgestein,
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Die schönste der schönen Prinzessen zu frei'n.

9
Allein die Prinzessin war Perlen und Gold,
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War Ringen mit blankem Gestein nicht so hold,
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Als oft sie ein würziges Blümlein entzückt,
12
Vom Finger des schönsten der Diener gepflückt.

13
Der schönste der Diener trug hohes Gemüt,
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Obschon nicht entsprossen aus hohem Geblüt.
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Gott schuf ja aus Erden den Ritter und Knecht.
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Ein hoher Sinn adelt auch niedres Geschlecht.

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Und als sie 'mal draußen in fröhlicher Schar,
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Von Schranzen umlagert, am Apfelbaum war,
19
Und alle genossen der lieblichen Frucht,
20
Die ämsig der flinke Lenardo gesucht:

21
Da bot die Prinzessin ein Äpfelchen rar
22
Aus ihrem hellsilbernen Körbchen ihm dar,
23
Ein Äpfelchen, rosicht und gülden und rund,
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Dazu sprach ihr holdseliger Mund:

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»nimm hin für die Mühe! der Apfel sei dein!
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Das Leckere wuchs nicht für Prinzen allein.
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Er ist ja so lieblich von außen zu sehn;
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Will wünschen, was d'rin ist, sei zehnmal so schön.«

29
Und als sich der Liebling gestohlen nach Haus,
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Da zog er, o Wunder! ein Blättchen heraus.
31
Das Blättchen im Apfel saß heimlich und tief;
32
D'rauf stand gar traulich geschrieben ein Brief:

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»du Schönster der Schönsten, von nah und von fern,
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Du Schönster, vor Fürsten und Grafen und Herrn,
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Der du trägst züchtiger höher Gemüt,
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Als Fürsten und Grafen aus hohem Geblüt!

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Dich hab' ich vor allen zum Liebsten erwählt;
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Dich trag' ich im Herzen, das sehnend sich quält.
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Mich labet nicht Ruhe, mich labet nicht Rast,
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Bevor du gestillet dies Sehnen mir hast.

41
Zur Mitternachtstunde laß Schlummer und Traum,
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Laß Bette, laß Kammer und suche den Baum,
43
Den Baum, der den Apfel der Liebe dir trug!
44
Dein harret was Liebes; nun weißt du genug.« –

45
Das däuchte dem Diener so wohl und so bang'!
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So bang' und so wohl! Er zweifelte lang';
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Viel zweifelt' er her, viel zweifelt' er hin;
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Von Hoffen und Ahnden war trunken sein Sinn.

49
Doch als es nun tief um Mitternacht war,
50
Und still herab blinkte der Sternlein Schar;
51
Da sprang er vom Lager, ließ Schlummer und Traum,
52
Und eilt' in den Garten und suchte den Baum.

53
Und, als er stillharrend am Liebesbaum saß,
54
Da säuselt' im Laube, da schlich es durch's Gras,
55
Und eh' er sich wandte, umschlang ihn ein Arm,
56
Da weht' ihn ein Odem an, lieblich und warm.

57
Und, als er die Lippen eröffnet zum Gruß,
58
Verschlang ihm die Rebe manch durstiger Kuß,
59
Und eh' es ihm zugeflüstert ein Wort,
60
Da zog es mit sammtenem Händchen ihn fort.

61
Es führt ihn allmählich mit heimlichem Tritt:
62
»komm süßer, komm lieblicher Junge, komm mit!
63
Kalt wehen die Lüftchen; kein Dach und kein Fach
64
Beschirmet uns; komm in mein stilles Gemach!«

65
Und führt' ihn, durch Dornen und Nessel und Stein,
66
In einen zertrümmerten Keller hinein.
67
Hier flimmert' ein Lämpchen; es zog ihn entlang,
68
Beim Schimmer des Lämpchens, den heimlichen Gang. –

69
In Schlummer gehüllet war jedes Gesicht;
70
Doch ach! das Verräteraug' schlummerte nicht.
71
Lenardo! Lenardo! wie wird dir's ergehn,
72
Noch ehe die Hähne das Morgenlied krähn? –

73
Weit her, von Hispaniens reichster Provinz,
74
War kommen ein hochstolzierender Prinz,
75
Mit Perlen, Gold, Ringen und Edelgestein,
76
Die schönste der schönen Prinzessen zu frei'n.

77
Ihm brannte der Busen, ihm lechte der Mund;
78
Doch hofft' er, doch harrt' er umsonst in Burgund;
79
Er warb wohl, und warb doch vergebens manch Jahr
80
Und wollte nicht weichen noch wanken von dar.

81
D'rob hatte der hochstolzierende Gast,
82
Bei Nacht und bei Tage nicht Ruhe noch Rast;
83
Und hatte zur selbigen Stunde der Nacht,
84
Sich auf und hinaus in den Garten gemacht;

85
Und hatt' es vernommen, und hatt' es gesehn,
86
Was jetzt kaum drei Schritte weit von ihm geschehn.
87
Er knirrschte die Zähne, biß blutig den Mund:
88
»zur Stunde soll's wissen der Fürst von Burgund!«

89
Und eilte zur selbigen Stunde der Nacht;
90
Ihm wehrte vergebens die fürstliche Wacht:
91
»jetzt will ich, jetzt muß ich zum König hinein!
92
Weil Hochverrat ihn und Aufruhr bedräu'n.« –

93
»hallo! Wach auf! du Fürst von Burgund!
94
Dein Königsgeschmeide besudelt ein Hund;
95
Blandinen, dein gleißendes Töchterlein, schwächt,
96
Zur Stunde jetzt schwächt sie ein schändlicher Knecht.«

97
Das krachte dem Alten ins dumpfe Gehör:
98
Er liebte die einzige Tochter so sehr;
99
Er schätzte sie höher, als Zepter und Kron',
100
Und höher als seinen hellstrahlenden Thron.

101
Wild raffte der Fürst von Burgund sich empor:
102
»das leugst du, Verräter, das leugst du mir vor!
103
Dein Blut mir's entgelte! das trinke Burgund!
104
Wofern mich belogen dein giftiger Mund.« –

105
»hier stell' ich, o Alter, zum Pfande mich dar.
106
Auf! eile! so findet's dein Auge noch wahr.
107
Mein Blut dir's entgelte! das trinke Burgund!
108
Wofern dich belogen mein redlicher Mund.«

109
Da rannte der Alte mit blinkendem Dolch.
110
Ihm nach kroch der verrätrische Molch,
111
Und wies ihn, durch Dornen und Nessel und Stein,
112
Stracks in den zertrümmerten Keller hinein.

113
Hier prangte vor Zeiten ein lustiges Schloß,
114
Daß längst schon in Schutt und in Trümmer zerschoß.
115
Noch wölbten sich Keller und Halle. Von vorn
116
Verbargen die Nessel und Distel und Dorn.

117
Die Halle war wenigen Augen bekannt;
118
Doch wer der Halle war kundig, der fand
119
Den Weg, durch eine verborgene Thür,
120
Wohl in der Prinzessin ihr Sommerlosier. –

121
Noch sendete durch den heimlichen Gang
122
Das Lämpchen der Liebe den Schimmer entlang.
123
Sie atmeten leise, sie schlichen gemach
124
Dem Schimmer des Lämpchens der Liebe sich nach;

125
Und kamen bald vor die verborgene Thür,
126
Und standen und harrten und lauschten allhier:
127
»horch König! da flüstert's – horch König! da spricht's. –
128
Da! glaubest du noch nicht, so glaubest du nichts.«

129
Und als sich der Alte zum Horchen geneigt,
130
Erkannt' er der Liebenden Stimme gar leicht.
131
Sie trieben, bei Küssen und tändelndem Spiel,
132
Des süßen Geschwätzes der Liebe gar viel:

133
»o Lieber! mein Lieber! was zaget dein Sinn,
134
Vor mir, die ich ewig dein eigen nun bin?
135
Prinzessin am Tage nur; aber bei Nacht
136
Magst du mir gebieten als eigener Magd!« –

137
»o schönste Prinzessin! o wärest du nur
138
Das dürftigste Mädchen auf dürftiger Flur!
139
Wie wollt' ich dann schmecken der Freuden so viel!
140
Nun setzet dein Lieben mir Kummer ans Ziel.« –

141
» O Lieber! mein Lieber! laß fahren den Wahn!
142
Bin keine Prinzessin! D'rauf sieh mich nur an!
143
Statt Vaters Gewalt, Reich, Zepter und Kron',
144
Erkies' ich den Schoß mir der Liebe zum Thron.« –

145
»o Schönste der Schönsten! dies zärtliche Wort,
146
Das kannst du, das wirst du nicht halten hinfort.
147
Durch werben, und werben, von nah und von fern,
148
Erwirbt dich noch Einer der stattlichen Herrn.

149
Wohl schwellen die Wasser, wohl hebet sich Wind;
150
Doch Winde verwehen, doch Wasser verrinnt.
151
Wie Wind und wie Wasser ist weiblicher Sinn:
152
So wehet, so rinnet dein Lieben dahin.« –

153
»laß werben und werben, von nah und von fern!
154
Erwirbt mich doch keiner der stattlichen Herrn.
155
O Süßer! o Lieber! mein zärtliches Wort
156
Das kann ich, das werd' ich dir halten hinfort.

157
Wie Wasser und Wind ist mein liebender Sinn:
158
Wohl wehen die Winde, wohl Wasser rinnt hin;
159
Doch alle verwehn und verrinnen ja nicht:
160
So ewig mein quellendes Lieben auch nicht.« –

161
»o süße Prinzessin, noch zag' ich so sehr!
162
Mir ahndet's im Herzen, mir ahndet's, wie schwer!
163
Die Bande zerreißen; der Treuring zerbricht,
164
Worüber der Himmel den Segen nicht spricht.

165
Und wenn es der König, oh! wenn er's erfährt,
166
So triefet mein Leben am blutigen Schwert;
167
So mußt du dein Leben, verriegelt allein,
168
Tief unter dem Turm im Gewölbe verschrei'n.« –

169
»ach Lieber! der Himmel zerreißet ja nicht,
170
Die Knoten, so treue, so Liebe sich flicht.
171
Der seligen Wonne, bei nächtlicher Ruh,
172
Der höret, der sieht kein Verräter ja zu.

173
Komm her, o komm her nun, mein trauter Gemahl
174
Und küss' mir den Kuß der Verlobung einmal!« – –
175
Da kam er und küßt' ihr den rosichten Mund,
176
D'rob alle sein Zagen im Herzen verschwund.

177
Sie trieben, bei Küssen und tändelndem Spiel,
178
Des süßen Geschwätzes der Liebe noch viel.
179
Da knirrschte der König, da wollt' er hinein:
180
Doch ließen ihn Schlösser und Riegel nicht ein.

181
Nun harrt' er und harrte mit schäumendem Mund',
182
Wie vor der Höhle des Wildes ein Hund.
183
Den Liebenden d'rin, nach gepflogener Lust,
184
Ward enger und bänger von Ahndung die Brust. –

185
»wach auf, Prinzessin! Der Hahn hat gekräht!
186
Nun laß mich, bevor sich der Morgen erhöht!« –
187
»ach, Lieber, ach bleib noch! Es kündet der Hahn
188
Die erste der nächtlichen Wachen nur an.« –

189
»schau auf, Prinzessin! Der Morgen schon graut!
190
Nun laß mich, bevor uns der Morgen erschaut!« –
191
»ach, Trauter, ach bleib noch! der Sternlein Licht,
192
Verrät ja die Gänge der Liebenden nicht.« –

193
»horch auf, Prinzessin! Da wirbelt ein Ton,
194
Da wirbelt die Schwalbe das Morgenlied schon'« –
195
»ach Süßer! Ach bleib noch! Es ist ja der Schall
196
Der liebeflötenden Nachtigall.« – – –

197
»nein! Laß mich! Der Hahn hat zum Morgen gekräht;
198
Schon leuchtet der Morgen; die Morgenluft weht;
199
Schon wirbelt die Schwalbe den Morgengesang,
200
Oh! Laß mich! Wie wird mir um's Herze so bang'!« – –

201
»ach Süßer! – – Leb wohl dann! – – Nein bleib noch! Ade! – –
202
O weh mir! Wie thut's mir im Busen so weh! – –
203
Weis her mir dein Herzchen! – – Ach! pocht ja so sehr! – –
204
Hab' lieb mich, du Herzchen! Auf morgen nacht mehr!« –

205
»schlaf süß! Schlaf wohl!« Da schlüpft' er hinaus;
206
Ihm fuhren durch's Leben Entsetzen und Graus;
207
Es roch ihm wie Leichen; er stolpert' entlang,
208
Beim Schimmer des traurigen Lämpchens, den Gang.

209
Hui! sprangen die Beiden vom Winkel herbei,
210
Und bohrten ihn nieder mit dumpfem Geschrei:
211
»da! Hast du gefrei't um den Thron von Burgund,
212
Da hast du die Mitgift! da hast du sie, Hund!« –

213
»o Jesu Maria! Erbarme dich mein!« –
214
D'rauf hüllte sein brechendes Auge sich ein.
215
Ohne Beicht', ohne Nachtmahl, ohn' Absolution,
216
Flog seine verzagende Seele davon.

217
Der Prinz von Hispania, schäumend vor Wut,
218
Zerhieb ihm den Busen mit knirrschendem Mut:
219
»weis her mir dein Herzchen! Ach! pocht ja so sehr! –
220
Hast lieb gehabt, Herzchen? Hab's morgen nacht mehr!« –

221
Und riß ihm vom Busen das zuckende Herz,
222
Und kühlte sein Mütchen mit gräßlichem Scherz:
223
»da hab' ich dich, Herzchen! Ach pochst ja so sehr!
224
Hab' lieb nun du Herzchen! Hab's morgen nacht mehr!« –

225
Indes die Prinzessin ach! zagte so sehr!
226
Zerwarf sich im Schlummer und träumte, wie schwer!
227
Von blutigen Perlen in blutigem Kranz',
228
Von blutigem Gastmahl und höllischem Tanz.

229
Sie warf sich im Bette, so müde, so krank!
230
Den kommenden Morgen und Tag entlang:
231
»o wenn's doch erst wieder tief mitternacht wär'!
232
Komm, Mitternacht, führe mein Labsal mir her!«

233
Und als es nun wieder tief mitternacht war,
234
Und still herab blinkte der Sternlein Schar:
235
»o weh mir! Mein Busen! was ahndet wohl dir?«
236
Horch! horch! da knarrte die heimliche Thür.

237
Ein Junker, in Flor und in Trauergewand,
238
Trug Fackel und Leichengedeck in der Hand,
239
Trug einen zerbrochenen blutigen Ring,
240
Und legt' es danieder stillschweigend und ging.

241
Ihm folgt' ein Junker in Purpurgewand,
242
Der trug ein goldnes Geschirr in der Hand,
243
Versehen mit Henkel und Deckel und Knauf,
244
Und oben ein königlich Siegel darauf.

245
Ihm folgt' ein Junker in Silbergewand,
246
Mit einem versiegelten Brief' in der Hand,
247
Er gab der erstarrten Prinzessin den Brief,
248
Und ging und neigte sich schweigend und tief.

249
Und als die erstarrte Prinzessin den Brief
250
Erbrach, und mit rollenden Augen durchlief,
251
Umflirrt' es ihr Antlitz, wie Nebel und Duft;
252
Sie stürzte zusammen und schnappte nach Luft. –

253
Und als sie, mit zuckender strebender Kraft,
254
Sich wieder ermannt und dem Boden entrafft:
255
»juchheisa! da sprang sie, juchheisa! Tralla!
256
Auf lustig, ihr Fiedler, mein Brauttag ist da!

257
Juchheisa! Ihr Fiedler, zum lustigen Tanz!
258
Mir schweben die Füße, mir flattert der Kranz!
259
Nun tanzet ihr Prinzen, von nah und von fern!
260
Auf lustig, ihr Damen! Auf lustig, ihr Herrn!

261
Ha! seht ihr nicht meinen Herzliebsten sich drehn?
262
Im Silbergewande, wie herrlich, wie schön!
263
Ihn zieret am Busen ein purpurner Stern.
264
Juchheisa, ihr Damen! Juchheisa, ihr Herrn!

265
Auf! lustig zum Tanze! Was steht ihr so fern?
266
Was rümpft ihr die Nasen, ihr Damen und Herrn?
267
Mein Bräutigam ist er! Ich heiße die Braut!
268
Uns haben die Engel im Himmel getraut.

269
Zu Tanze, zu Tanze! Was grinzet ihr fern?
270
Das rümpft ihr die Nasen, ihr Damen und Herrn? –
271
Weg, Edelgesindel! Pfui! stinkest mir an!
272
Du stinkest nach stinkender Hoffart mir an.

273
Wer schuf wohl aus Erden den Ritter und Knecht?
274
Ein hoher Sinn adelt auch niedres Geschlecht.
275
Mein Schönster trägt hohen und züchtigen Mut,
276
Und speiet in euer hochadliges Blut.

277
Juchheisa! Ihr Fiedler, zum lustigen Tanz!
278
Mir schweben die Füße, mir flattert der Kranz!
279
Juchheisa! Trallala! Juchheisa! Tralla!
280
Auf lustig, ihr Fiedler, mein Brauttag ist da!«

281
So sang sie zum Sprunge, so sprang sie zum Sang',
282
Biß aus der Stirn ihr der Todestau drang.
283
Der Todestau troff ihr die Wangen herab;
284
Sie taumelt' und keuchte zu Boden hinab.

285
Und, als sich ihr Leben zum letzten ermannt,
286
Da streckte sie nach dem Gefäße die Hand,
287
Und schlang's in die Arme und hielt es im Schoß,
288
Und deckte, was d'rinnen verborgen war, bloß.

289
Da rauchte, da pocht' ihr entgegen sein Herz,
290
Als fühlt' es noch Leben, als fühlt' es noch Schmerz.
291
Jetzt that sich ihr blutiger Thränenquell auf,
292
Und strömte, wie Regen vom Dache, darauf.

293
»o Jammer! Nun gleichest du Wasser und Wind:
294
Wohl Winde verwehen, wohl Wasser verrinnt:
295
Doch alle verwehn und verrinnen ja nie! –
296
So du, o blutiger Jammer, auch nie!«

297
D'rauf sank sie, mit hohlem gebrochenen Blick,
298
In dumpfen Todestaumel zurück,
299
Und drückte noch fest, mit zermalmendem Schmerz,
300
Das Blutgefäß an ihr liebendes Herz.

301
»dir lebt' ich, o Herzchen, dir sterb' ich mit Lust! –
302
O weh mir! O weh! – Du zerdrückst mir die Brust! –
303
Herab! – Herab! – Den zerquetschenden Stein! –
304
Oh! – Jesu Maria! – Erbarme dich mein!« –

305
D'rauf schloß sie die Augen, d'rauf schloß sie den Mund.
306
Nun rannten die Boten; dem König ward's kund;
307
Laut scholl durch die Säle das Zetergeschrei:
308
»prinzessin ist hin! Auf König, herbei!«

309
Das krachte dem Alten ins dumpfe Gehör.
310
Er liebte die einzige Tochter so sehr.
311
Er schätzte sie höher, als Zepter und Kron',
312
Und höher, als seinen hellstrahlenden Thron. –

313
Und als auch herbei der Verräter mit sprang,
314
Ergrimmte der Alte: »Das hab' ich dir Dank! –
315
Dein Blut mir's entgelte! das trinke Burgund!
316
Weil das mir geraten dein giftiger Mund.

317
Ihr Herzblut verklagt dich vor Gottes Gericht,
318
Das dir dein blutiges Urtel schon spricht.«
319
Rasch zuckte der Alte den blinkenden Dolch,
320
Und bohrte danieder den spanischen Molch.

321
»lenardo, du Armer! Blandine, mein Kind! –
322
O heiliger Himmel! Verzeih' mir die Sünd'!
323
Verklaget nicht mich auch vor Gottes Gericht!
324
Ich bin ja – bin Vater! – Verklaget mich nicht!« –

325
So weinte der König, so reut' ihn zu spat,
326
Schwer reut' ihn die himmelanschreiende That.
327
D'rauf wurde bereitet ein silberner Sarg,
328
Worein er die Leichen der Liebenden barg.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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