Vorgefühl der Gesundheit

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Gottfried August Bürger: Vorgefühl der Gesundheit (1770)

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Täuschet ihr mit euerm Wechseltanze,
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Du, o Wunsch, und du, o Hoffnung, mich?
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Oder naht im Purpurnelkenkranze
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Frohen Trittes die Gesundheit sich?
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Will sie von dem Dämon mich erlösen,
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Welcher meine Kraft gefangen nahm?
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Soll ich wiederum zu Dem genesen,
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Der ich der Natur vom Busen kam?

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Laß mich dir mein Vorgefühl verkünden,
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Boie, alter, trauter Herzensfreund!
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Wonniglich wirst du es mit empfinden,
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Wann der Dulder fessellos erscheint;
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Wann er mit der angebornen Stärke
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Jugendlich Apollons Bogen spannt,
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Oder rüstig zu Athenens Werke
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Unter der Ägide sich ermannt.

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Ha, dein Freund, einst mehr als halb verloren,
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Keck verhöhnt von schnödem Übermut,
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War zum lahmen Schwächling nicht geboren;
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Ihn durchfloß kein träges feiges Blut.
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Das bezeugen ihm des Pindus Würden,
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Die er in der Ohnmacht noch erwarb,
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Und die Kraft, die unter allen Bürden
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Nicht in zwanzig Jahren ganz erstarb.

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Heil ihm! Leichter fühlt er schon die Glieder;
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Und der Genius, der in ihm strebt,
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Schüttelt freier, stärker das Gefieder,
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Das dem schweren Nebel ihn enthebt.
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Erde, dich mit allen deinen Bergen,
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Allem lastenden Metall darin,
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Allen Riesen drauf und allen Zwergen,
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Haucht er bald, wie Flaum, vor sich dahin.

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Edle Rache beut er dann der Schande,
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Die er über sein Verschulden trug,
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Seit der Hypochonder dumpfe Bande
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Um die rein gestimmten Nerven schlug,
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Wann es heller um der Wahrheit Seher,
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Wärmer um der Schönheit Pfleger tagt,
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Und er glorreich eines Hauptes höher
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Als zehntausend Alltagsmenschen ragt.

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Mag es Riese dann und Drache wagen,
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Gegen ihn zum Kampf heran zu gehn!
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Mag das Glück ihn auf den Armen tragen,
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Oder Er auf eignen Füßen stehn!
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Neu gerüstet mit den Götterwaffen,
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Die er mit gestähltem Arme führt,
47
Wird er sich nach Heldenrecht verschaffen,
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Was sein Wunsch bedarf und ihm gebührt. –

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Herr des Lebens, willst du mich erhalten,
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O so gib nur Eins, – Gesundheit mir!
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Dankend will ich dir die Hände falten,
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Aber bitten weiter nichts von dir.
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Kühn durch Klippen, Strudel, Ungeheuer
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Lenk' ich, allgenugsam mir, alsdann
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Auf des Lebens Ozean mein Steuer.
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Selbst sein Gott ist ein gesunder Mann.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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