Daß Blümchen Wunderhold

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Gottfried August Bürger: Daß Blümchen Wunderhold (1770)

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Es blüht ein Blümchen irgend wo
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In einem stillen Thal.
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Das schmeichelt Aug' und Herz so froh,
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Wie Abendsonnenstrahl.
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Das ist viel köstlicher, als Gold,
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Als Perl' und Diamant.
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Drum wird es »Blümchen Wunderhold«
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Mit gutem Fug genannt.

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Wohl sänge sich ein langes Lied
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Von meines Blümchens Kraft:
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Wie es am Leib' und am Gemüt
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So hohe Wunder schafft.
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Was kein geheimes Elixir
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Dir sonst gewähren kann,
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Das leistet traun! mein Blümchen dir.
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Man säh' es ihm nicht an.

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Wer Wunderhold im Busen hegt,
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Wird wie ein Engel schön.
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Das hab' ich, inniglich bewegt,
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An Mann und Weib gesehn.
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An Mann und Weib, alt oder jung,
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Zieht's, wie ein Talisman,
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Der schönsten Seelen Huldigung
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Unwiderstehlich an.

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Auf steifem Hals ein Strotzerhaupt,
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Des Wangen hoch sich bläh'n,
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Des Nase nur nach Äther schnaubt,
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Läßt doch gewiß nicht schön.
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Wenn irgend nun ein Rang, wenn Gold
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Zu steif den Hals dir gab,
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So schmeidigt ihn mein Wunderhold
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Und biegt dein Haupt herab.

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Es webet über dein Gesicht
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Der Anmut Rosenflor;
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Und zieht des Auges grellem Licht
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Die Wimper mildernd vor.
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Es teilt der Flöte weichen Klang
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Des Schreiers Kehle mit,
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Und wandelt in Zephyrengang
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Des Stürmers Poltertritt.

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Der Laute gleicht des Menschen Herz,
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Zu Sang und Klang gebaut,
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Doch spielen sie oft Lust und Schmerz
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Zu stürmisch und zu laut:
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Der Schmerz, wann Ehre, Macht und Gold
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Vor deinen Wünschen fliehn,
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Und Luft, wann sie in deinen Sold
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Mit Siegeskränzen ziehn.

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O wie dann Wunderhold das Herz
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So mild und lieblich stimmt!
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Wie allgefällig Ernst und Scherz
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In seinem Zauber schwimmt!
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Wie man alsdann nichts thut und spricht,
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Drob Jemand zürnen kann!
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Das macht, man trotzt und strotzet nicht
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Und drängt sich nicht voran.

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O wie man dann so wohlgemut,
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So friedlich lebt und webt!
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Wie um das Lager, wo man ruht,
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Der Schlaf so segnend schwebt!
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Denn Wunderhold hält alles fern,
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Was giftig beißt und sticht;
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Und stäch' ein Molch auch noch so gern,
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So kann und kann er nicht.

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Ich sing', o Lieder, glaub' es mir
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Nichts aus der Fabelwelt,
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Wenn gleich ein solches Wunder dir
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Fast hart zu glauben fällt.
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Mein Lied ist nur ein Wiederschein
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Der Himmelslieblichkeit,
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Die Wunderhold auf Groß und Klein
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In Thun und Wesen streut.

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Ach! hättest du nur die gekannt,
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Die einst mein Kleinod war –
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Der Tod entriß sie meiner Hand
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Hart hinterm Traualtar –
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Dann würdest du es ganz verstehn,
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Was Wunderhold vermag,
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Und in das Licht der Wahrheit sehn,
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Wie in den hellen Tag.

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Wohl hundertmal verdankt' ich ihr
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Des Blümchens Segensflor.
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Sanft schob sie's in den Busen mir
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Zurück, wann ichs verlor.
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Jetzt rafft ein Geist der Ungeduld
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Es oft mir aus der Brust.
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Erst, wann ich büße meine Schuld,
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Bereu' ich den Verlust.

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O was des Blümchens Wunderkraft
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Am Leib' und am Gemüt
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Ihr, meiner Holdin, einst verschafft,
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Faßt nicht das längste Lied! –
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Weil's mehr, als Seide, Perl' und Gold
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Der Schönheit Zier verleiht,
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So nenn' ichs »Blümchen Wunderhold«
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Sonst heißt's – Bescheidenheit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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