Gedanken bey den Krieges- Trublen

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Barthold Heinrich Brockes: Gedanken bey den Krieges- Trublen (1743)

1
Mein GOtt! welch eine Donner-Wolke,
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Von Unglück schwehr und fürchterlich,
3
Bedroht, sammt allem meinen Volke,
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Und allen Meinigen, auch mich,
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Mit Strahl und Schutt uns zu bedecken!
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So rief ich, starr von schnellem Schrecken,
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Als neulich ich, aus Hamburg her,
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Durch Dich, getreuer ‒ ‒ ‒
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Ein unvermuhtet Blatt empfing,
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Und, ohn’ auf meiner Kinder Fragen:
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Was gutes Neues? was zu sagen,
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In mein geheimes Thürmchen ging,
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Voll Schwermuht mich ins Fenster legte,
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Mit auf dem Arm gestütztem Haupt,
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Und die so grause Folg’ erwegte
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Der Nachricht, die mir alles raubt’.
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Ich las’ das treue Warnungs-Schreiben
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Noch einmahl über, und ich fand,
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Daß dieß darinn geschrieben stand:
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“wir haben, was sonst kaum zu gläuben,
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„die sichre Nachricht eingenommen:
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„daß dorten, leider! eh’ ihrs meynt,
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„mit Schiff und Völkern, unser Feind,
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„euch anzufallen, werde kommen.

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Wie, wenn ein Messer umgeglitten,
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Und man sich tief ins Fleisch geschnitten,

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Das Blut erst stocket, eh’ es fleußt,
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Dann aber sich mit Macht ergeußt;
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So stutzt’ ich erst, bis nach und nach,
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Zumahl, als ich die Landschaft sahe,
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Die mir mit ihrem Schmuck so nahe,
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Aus meiner Brust die Klage brach:

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Es war mein Hoffen und mein Wille,
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Fern von der Welt, in Einsamkeit,
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Und einer GOtt- ergebnen Stille,
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Hier einen Theil von meiner Zeit,
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In ruhiger Gelassenheit,
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Von Neid und Scheelsuchts-Gift befreyt,
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In Ruh, vergessen, zuzubringen,
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Und GOttes Wunder zu besingen.
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Nun soll ich alles dieses lassen!
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So seh’ ich diese Gegend hier,
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Wovon die Schönheit, Pracht und Zier
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Nicht zu beschreiben, nicht zu fassen,
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Und alle Vorwürf’ ohne Zahl,
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Vielleicht nunmehr zum letzten mahl!
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Die fast sapphirne Wasser-Welt,
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Das lieblich- grün- und gelbe Feld,
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Die Anmuht der beblühmten Auen,
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Soll ich hinführo nimmer schauen!
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Soll ich denn den so reichen Segen,
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Den hier mein fruchtbar Feld mir beut,
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Und welches eben abgemeyt,
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Denn nicht in meine Scheure legen?
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Soll ich die holden Friedens-Hütten,
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Die hier, von Korn erbauet, stehn,
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Von eines Feindes Faust zerrütten,
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Und feindliche Gezelte sehn,

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Da, wo so manches Segens-Zelt,
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Von reifen Hocken, unser Feld,
61
So weit sich nur das Auge strecket,
62
In langen Linien, bedecket?
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Soll denn die reife Frucht der Aehren
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Ein feindlicher Soldat verzehren,
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Der mir vielleicht noch Mord und Tod,
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Zu allem meinen Schaden, droht?
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Die Freude giebt der Schwehrmuht Platz,
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Und, mit verbittertem Vergnügen,
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Seh’ ich hier meiner Garben Schatz,
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Und weiß nicht, ob er mein ist, liegen.
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Soll ich die jüngst gepflanzten Weiden,
72
Die ausgehauenen Alleen,
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Die ich erst gestern, voller Freuden,
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Vollstrecken sah’, nicht ferner sehen?
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Soll ich das, was ich schon vollbracht,
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Zum Schmuck und Nutz des ganzen Landes,
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Auch zur Befestigung des Strandes,
78
Und was ich noch zu machen dacht’,
79
Zur Besserung von Weg- und Auen,
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Nicht mehr, als bloß im Denken, schauen?
81
Ein glücklich angefangner Bau
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Am Schloß, den ich bald fertig schau,
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Woran ich viele Mühe wende,
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Kömmt bald vielleicht in Feindes Hände!
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Gehoffter Vortheil künft’ger Jahre,
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Du bleibest aus, du bist dahin!
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Mich deucht, daß ich bereits erfahre,
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Wie ich um alles Meine bin!
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Ist es denn Wunder, daß ich denke:
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O HErr! Je grösser Dein Geschenke

91
Erst war, und Deiner Gaben Zahl,
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Je mehr verliehr’ ich auf einmahl!
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So dacht’ ich, voller Sorg’ und Grämen.
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Beschloß doch, wie ich mich besann,
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Die Zuflucht bloß zu GOtt zu nehmen,
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Und rief Jhn, voll Vertrauen, an:

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O HErr! Dir fehlt es nicht an Macht,
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Mir, was Du mir geschenkt, zu lassen.
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Laß mich dieß recht mit Andacht fassen;
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Es sey von mir mit Ernst bedacht.
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Und da wir nichts als beten können,
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So bet’ ich, HErr! erbarm dich mein!
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Ach fahre fort, den hellen Schein
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Von Deiner Güte, mir zu gönnen!
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Laß das, so mir kann schädlich seyn,
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Die nahe Noht, sich von mir trennen,
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Damit ich könne ferner Dein,
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Wie vor, gesegnet Kind mich nennen!
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Doch es gescheh’ Dein Will allein!

110
Damit mich nun an meiner Schuldigkeit,
111
Und Gegenwehr, nichts möchte hindern,
112
Ließ ich, für meine Frau, nebst unsern kleinsten Kindern,
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Ein wohlbesegelt Schiff früh, für den andern Morgen,
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Durch Jemand insgeheim besorgen.
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Und darauf that ich meiner Frauen
116
Der Sachen Zustand kund, der denn, wie leicht zu denken,
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Auch sie nicht wenig mußte kränken;
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Doch fassete sie sich beherzt. Wir überdachten,

119
In Eile, was zu thun. Es sollt es niemand wissen,
120
Dieß war das schlim̃ste noch. Daher sie sprach: Wir müssen
121
Ganz einen andern Vorwand nehmen.
122
Es ward darauf die ganze Nacht,
123
In ziemlicher Verwirrung, zugebracht.
124
Und endlich setzte sie, mit sechs von unsern Kindern,
125
Nebst meinem Schwieger-Sohn, der eben bey mir war,
126
Sich frühe in ein Schiff, und ließ sich die Gefahr
127
Des Wassers nicht an ihrer Reise hindern.
128
Mit welchem Muht sie mich, ich sie, verlassen;
129
Wird jeder leichtlich fassen.
130
Da war ich nun allein, nebst meinen ältsten Söhnen,
131
Die ich, um sie zu allen zu gewöhnen,
132
Mit Fleiß bey mir behielt. Ich trat denn meine Pflichten,
133
Und, was zur Gegenwehr mir oblag, auszurichten,
134
Beherzt und muhtig an, besorgte Proviant
135
Für die, zu meiner Hülf’, mir zugesandte Schaaren,
136
Und alles, was in Eil, zu einem Widerstand,
137
Herbey zu schaffen war. Die Völker kamen an,
138
Der, da sie ausgeschifft, mehr als drey hundert Mann,
139
Zusammt noch einem Corps von Canonierern, waren.
140
Die Ammunition, der Hausraht der Bellonen,
141
Cartätschen, Pulver, Bley, sammt Flinten und Canonen
142
Kam auch im Ueberfluß; wir warfen Batterien,
143
Am weiten Elb-Strand, auf, besetzten Avenüen
144
So viel uns möglich war, befestigten das Schloß
145
Mit neuen Werken und Geschoß.

146
Nachdem ich nun beständig Tag und Nacht,
147
In mancherley Verrichtung, zugebracht,
148
Wobey, wie es der Menschen Brauch,
149
Bey vielen nöhtigen, unnöht’ge Grillen auch,

150
In grosser Menge, mir den Kopf erfüllten,
151
Und bald des Geistes Licht erhellten, bald verhüllten;
152
Nahm endlich mit der Zeit die Hoffnung überhand,
153
Wodurch so Sorg’ als Furcht gemach, gemach verschwand.
154
Es hieß, es wär’ der Krieg vermuhtlich abgewandt.
155
Nach trüben Wolken schien des Friedens Sonnen-Schein,
156
Es stellt’ sich meine Frau und Kinder wieder ein.
157
Es ziehen sich die Krieges-Schaaren,
158
Die, mir zu helfen, kommen waren,
159
Sich, ohne Schwerdt-Schlag (welch ein Glück!)
160
Nunmehro wiederum zurück.

161
So ist denn ja die Zeit, die ich gewünscht, erschienen,
162
Es zeigt sich überall die holde Sicherheit.
163
Ach, mögte mir nunmehr die Wiederwärtigkeit,
164
Den edlen Frieden-Schatz doch recht zu schätzen, dienen!
165
Herr, laß mich Deine Huld, in meinem Glück, ermessen,
166
Und der so nahen Noht, die fern ist, nicht vergessen!
167
Da Plagen, die entfernt, mit Recht ein Glück zu nennen;
168
So laß mich auch dieß Glück, bey meinem Glück, erkennen!
169
Ich werde, da ich mich nunmehro recht besinne,
170
Noch immer mehr des Glückes inne.
171
Ich überleg’ in Ernst mein voriges Geschick,
172
Und halte gegen das, mit Recht, mein itzig’s Glück.
173
Es ändern sich, GOtt Lob! die vor’gen Lieder schon,
174
Und sing ich itzt, GOtt Lob! aus einem andern Ton:

175
Ich darf dieß alles nun nicht lassen,
176
Und seh’ ich diese Gegend hier,
177
Woran die Schönheit, Pracht und Zier
178
Nicht zu beschreiben, nicht zu fassen,

179
Und alle Vorwürf’ ohne Zahl,
180
Gott Lob! noch nicht zum letzten mahl!
181
Die fast sapphirne Wasser-Welt,
182
Das lieblich- grün- und gelbe Feld,
183
Die Anmuht der beblühmten Auen
184
Werd’ ich hinführo ferner schauen.
185
Ich kann nun den so reichen Segen,
186
Den hier mein fruchtbar Feld mir beut,
187
Und welches eben abgemeyt,
188
Vergnügt in meine Scheuren legen.
189
Ich darf die holden Friedens-Hütten,
190
Die hier, von Korn erbauet, stehn,
191
Von keines Feindes Faust zerrütten,
192
Noch feindliche Gezelte sehn,
193
Da, wo so manches Segens-Zelt,
194
Von reifen Hocken, unser Feld,
195
So weit sich nur das Auge strecket,
196
In langen Linien, bedecket.
197
Es soll die reife Frucht der Aehren
198
Kein feindlicher Soldat verzehren,
199
Der mir vielleicht Brand, Mord und Tod,
200
Zu allem Schaden, noch gedroht.
201
Die Schwermuht giebt der Freude Platz,
202
Und, ohn’ ein vorigs Unvergnügen,
203
Seh’ ich hier meiner Garben Schatz,
204
Und weiß nun, daß er mein ist, liegen.
205
Die jüngst von mir gepflanzte Weiden,
206
Die ausgehauenen Alleen,
207
Die ich erst kürzlich, voller Freuden,
208
Vollführt, soll ich noch ferner sehen.
209
Ich werde, was ich schon vollbracht,

210
Zum Schmuck und Nutz des ganzen Landes,
211
Auch zu Befestigung des Strandes,
212
Und was ich noch zu machen dacht’,
213
Zur Besserung von Weg’ und Auen,
214
Mit GOttes Hülfe, öfters schauen.
215
Es kommt der angefangne Bau
216
Am Schloß, den ich bald fertig schau,
217
Woran ich viele Mühe wende,
218
Gott Lob! in keines Feindes Hände.
219
Gehoffter Vortheil künft’ger Jahre,
220
Du bleibst und bist noch nicht dahin.
221
Mich deucht, daß ich nunmehr erfahre,
222
Daß ich aufs neu gesegnet bin.
223
Es bleibt mein Hoffen und mein Wille,
224
Fern von der Welt, in Einsamkeit,
225
Und einer Gott- ergebnen Stille,
226
Hier einen Theil von meiner Zeit,
227
In ruhiger Vergessenheit,
228
Von Neid und Scheelsuchts-Gift befreyt,
229
Gelassen, ferner zuzubringen,
230
Und Gottes Wunder zu besingen.

231
So denk’ ich itzt, voll Trost und Freude,
232
Und spreche, voller Dank-Begier,
233
Nach überstandnem Gram und Leide:
234
Mein Schöpfer! Dir sey Dank dafür!
235
Es hat Dir nicht gefehlt an Macht,
236
Mir, was Du mir geschenkt, zu lassen.
237
Ach, laß mich, dieses wohl zu fassen,
238
Und zu behalten, seyn bedacht!
239
Und da wir nichts, als danken, können,
240
O grosser GOtt! so dank’ ich Dir
241
Für Dein Beschirmen, das Du mir
242
So wunderthätig wollen gönnen.

243
Ach laß, was mir kann schädlich seyn,
244
Sich künftig gleichfalls von mir trennen,
245
Damit ich könne ferner Dein,
246
Wie itzt gesegnet, Kind mich nennen!
247
Doch es gescheh’ Dein Will’ allein!

248
Dieß waren zu derselben Zeit die Sorgen- und die Trost-
249
Gedanken,
250
Wovon ich itzt, GOtt Lob! die letzten, mit Freuden, wieder-
251
holen kann.
252
Ach schau, HErr! künftig meinen Stand mit Gnaden-Augen
253
ferner an,
254
Und laß von meiner Zuversicht, zu Deiner Macht, mich nim-
255
mer wanken!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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