Fortunens Pranger

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Gottfried August Bürger: Fortunens Pranger (1778)

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Nieten? Nieten? Nichts als kahle Nieten? –
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Nun so niete dich denn satt und matt! –
3
Zur Vergeltung will ich dir auch bieten,
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Was noch keiner dir geboten hat.

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Nicht mit Erbsen muß man nach dir schnellen,
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Wie ein Lustigmacher etwa schnellt:
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An den Pranger, und in Eisenschellen,
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Sei, Fortuna, schimpflich ausgestellt! –

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Rüstig, ihr Verwandten meiner Leier,
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Satyrbuben, auf! Verschont sie nicht!
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Alle faulen Äpfel – puh! – und Eier
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Werft der Bübin in daß Angesicht!

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Denn sie ist, sie ist die Ehrenlose,
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Die das ärgste Schandgesindel liebt,
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Und nur selten ihrer Wollust Rose
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Einem Biedermann zu kosten gibt.

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Ha, der Frechen! die so unverhohlen,
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Mir nichts, dir nichts! falsche Münzen schlägt,
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Und aus Lumpenkupfer die Pistolen,
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Und aus Gold die Lumpenheller prägt!

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O wie manchem edlen Tugendsohne
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Gönnte sie kaum seinen Bettelstab,
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Sie, die dennoch Zepter, Reich und Krone
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Oft dem tollsten Oran-Utan gab!

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Mit dem Räuber zieht sie aus zum Raube;
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Selbst dem Mörder führt sie oft den Stahl.
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Wie sie rupft dem Habicht Lamm und Taube,
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Zupft sie jenem Wais' und Witwe kahl.

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Seht, wie sie beim Beutelschneider stehet,
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Und dem Gauner, den der Würfel nährt,
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Zum Gewinn die Schinderknochen drehet,
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Und dem frommen Tropf die Taschen leert!

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Wie sie dort den Mann von Treu' und Glauben
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In der Heuchlerlarve fein beschnellt,
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Und, ihm vollends Rock und Hemd zu rauben,
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Nachts dem Diebe gar die Leiter hält!

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Ha, mit Treue weiß sie umzuspringen,
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Wie die Katze mit der armen Maus!
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Wahrheit kann von ihr ein Liedchen singen,
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Wahrheit, oft verjagt von Amt und Haus!

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Doch den Auswurf von den ärgsten Schelmen
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Lohnte sie, für seine Heuchelkunst,
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Oft mit Sternen, oft mit Ritterhelmen
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Und mit Überschwang von Fürstengunst. –

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Wird sie stets zum Tapfern sich gesellen,
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Der für die gerechte Sache kriegt? –
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Öfter haben Schurken und Rebellen,
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Ohne Recht, durch ihre Hand gesiegt. –

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Dennoch wird im kurzen alle Gnade
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Ihren Buhlen oft zum Ungewinn;
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Wie im Märchen der Scheherezade
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Von der geilen Zauberkönigin.

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Labe hieß sie. Buhlerisch gewogen
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War sie manchem jungen schönen Mann!
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Doch, sobald sie satt der Lust gepflogen,
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Spie sie hui und pfui! sein Antlitz an.

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Hui und pfui! ward er zum Ungeheuer,
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Dessen Namen ihre Zunge sprach.
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Ihren Kitzel stillte bald ein Neuer:
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Aber immer traf ihn gleiche Schmach.

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Eben so schon tausendmal gehandelt
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Hat die Bübin, die wir ausgestellt.
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Oft ihr liebster Liebling wird verwandelt
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Durch die Zauberstäbchen, Ehr' und Geld.

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Ihro Hoch- Hochehr- und Wohlehrwürden
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Schaffet sie zu Hammeln, fett und dumm,
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Blökend, wie die Brüder in den Hürden,
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Öfters auch zu Stutzeböcken um.

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Hast du dich nicht wohl in Acht genommen,
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Wirst du plötzlich in den Kot gestutzt,
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Weil sie unversehns von hinten kommen,
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Wirst geknufft, zertrampelt und beschmutzt.

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Ihro Hoch- Hochwohl- und Wohlgeboren,
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Wann sie sich an ihnen satt gepflegt,
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Schenkt sie hohe Rüssel, oder Ohren,
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Wie sie ein bekanntes Tierchen trägt.

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Manche werden Pavian' und Lüchse,
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Manchen schafft sie um zum Krokodil;
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Fürstenschranzen wandelt sie in Füchse
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Und Chamäleone, wie sie will.

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Ihro Gnaden, dero teure Frauen,
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Gehen ebenfalls so leer nicht aus.
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Diese führt, als stolzbeschwänzte Pfauen,
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Sie auf Bäll' und Assembleen aus.

85
Selten, selten schonet sie der Krieger,
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Denen sie mit Gunst zur Seite war,
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Wandelt sie in blutversoffne Tiger,
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Oft, behüt' uns Gott! in Teufel gar.

89
Die Gelahrten werden angebunden,
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Wild in Bärgestalten, an ihr Pult.
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Krittler bellen sich zu tollen Hunden
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Und ermüden Ohren und Geduld.

93
Philosophen werden umgeschaffen,
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Sammt Ästhetikern, in Dunst und Wind;
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Viel Poeten aber sind schon Affen,
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Und die bleiben denn nur, was sie sind. –

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Fuselbrenner, Müller, Bäcker, Schlächter,
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Brauer, Wirte, Kauf- und Handelsherrn,
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Pferdetäuscher, Lieferer und Pächter
100
Wandelt sie in Büffel gar zu gern.

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Manchem ihrer Söhne hext die Metze
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Einen Rüssel, der nur frißt und säuft,
103
Zu zerwühlen die erbuhlten Schätze,
104
Welche weiland Büffel aufgehäuft. –

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Dennoch – ließe sie nur so sich gnügen
106
An so mancher schnöden Zauberthat! –
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Aber ach! auch Köpfe läßt sie fliegen.
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Manchen Liebling flocht sie schon aufs Rad.

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Wie mit Rüben, so mit Menschenhälsen
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Spielt sie. Den, dem sie die Hand kaum gab,
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Ihn zu heben auf den Ehrenfelsen,
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Stürzt sie rücklings wieder tief hinab.

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Manchem Reichen, wann sie kaum gefüllet
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Seinen Kasten, hoch bis an den Rand,
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Hat sie hinterher den Strick getrillet
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Und ihn aufgeknüpft durch eigne Hand.

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Dieb' und Gauner, deren guter Engel
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Sie zu Schutz und Trutz gewesen war,
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Wandelt sie zuletzt in Galgenschwengel
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Und in Speise für die Rabenschar. –

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O der Bübin! über ihren Ränken
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Gehn mir Sprache schier und Atem aus. –
123
Dieser Litanei soll sie gedenken! –
124
Satyrbuben packt euch nun nach Haus!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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