Elegie

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Gottfried August Bürger: Elegie (1784)

1
Darf ich noch ein Wörtchen lallen? –
2
Darf vor deinem Angesicht
3
Eine Thräne mir entfallen? –
4
Ach, sie dürfte freilich nicht!
5
Ihren Ausbruch abzuwehren,
6
Brächte mehr für dich Gewinst,
7
Um den Kampf nicht zu erschweren,
8
Den du gegen mich beginnst.

9
Und, o Gott! darf ich ihn tadeln?
10
Sollte nicht mein schönstes Lied
11
Mehr den edlen Kampf noch adeln,
12
Ob er gleich ins Grab mich zieht? –
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Ja, das find' ich recht und billig!
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Noch ist mein Gewissen wach,
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Und mein beßres Selbst ist willig;
16
Aber seine Kraft ist schwach.

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Denn wie soll, wie kann ichs zähmen,
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Dieses hochempörte Herz?
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Wie den letzten Trost ihm nehmen,
20
Auszuschreien seinen Schmerz?
21
Schreien, aus muß ich ihn schreien!
22
Herr, mein Gott, du wirst es mir,
23
Du auch, Molly, wirst verzeihen!
24
Denn zu schrecklich tobt er hier.

25
Ha, er tobet mit der Hölle,
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Mit der ganzen Hölle Wut!
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Höchste Glut ist seine Quelle,
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Und sein Ausstrom höchste Glut!
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Gott und Gottes Kreaturen
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Ruf' ich laut zu Zeugen an:
31
Ob's von irdischen Naturen
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Eine stumm verschmerzen kann! –

33
Rosicht, wie die Morgenstunde,
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Freundlich, wie ein Paradies,
35
Wort und Kuß auf ihrem Munde –
36
O kein Nektar ist so süß! –
37
War ein Mädchen mir gewogen – – –
38
Wie? Gewogen nur? – Fürwahr,
39
Ihre tausend Schwüre logen,
40
Wenn ich nicht ihr Abgott war.

41
Und sie sollte lügen können?
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Lügen nur ein einzig Wort?
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Nein! In Flammen will ich brennen,
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Zeitlich hier und ewig dort;
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Der Verdammnis ganz zum Raube
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Will ich sein, wofern ich nicht
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An das kleinste Wörtchen glaube,
48
Welches dieser Engel spricht.

49
Und ein Engel sonder gleichen,
50
Wenn die Erde Engel hat,
51
Ist sie! Weichen muß ihr, weichen,
52
Was hier Gott erschaffen hat! –
53
O ich weiß wohl, was ich sage!
54
Deutlich, wie mir See und Land
55
Hoch um Mittag liegt zu Tage,
56
So wird das von mir erkannt.

57
Rümpften Tausend auch die Nasen:
58
»deine Sinne täuschen dich!
59
Große Liebe macht dich rasen! –«
60
O ihr Tausend seid nicht Ich!
61
Ich, ich weiß es, was ich sage!
62
Denn ich weiß es, was sie ist,
63
Was sie wiegt auf rechter Wage,
64
Was nach rechtem Maß sie mißt.

65
Andre mögen Andre loben,
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Und zu Engeln sie erhöhn!
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Mir, von unten auf bis oben,
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Dünkt, wie Sie, nicht Eine schön.
69
Wie von außen, so von innen,
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Dünkt auch nüchtern meinem Sinn,
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Sie der höchsten Königinnen
72
Aller Anmut Königin.

73
Bettelarm ist, sie zu schildern,
74
Aller Sprachen Überfluß.
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Zwischen tausend schönen Bildern
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Wühlt umsonst mein Genius.
77
Spräch' ich auch mit Engelzungen
78
Und in Himmelsmelodie,
79
Dennoch, dennoch unbesungen,
80
Wie sie wert ist, bliebe sie. –

81
Eine solche ist es! Eine,
82
Die kein Name nennen kann!
83
Die zu vollem Herzvereine
84
Mich so innig liebgewann,
85
Daß ihr seligster Gedanke,
86
Den sie dachte, wie den Stab
87
Rund herum des Weinstocks Ranke,
88
Tag und Nacht nur mich umgab.

89
Welch ein Sehnen, welch ein Schmachten,
90
Wann sie mich nicht sah und fand!
91
Welch ein wonniges Betrachten,
92
Wo ich ging und saß und stand!
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Welch ein Säuseln, welch ein Wehen,
94
Wann sie kosend mich umfing,
95
Und mit süßem Liebeflehen
96
Brünstig mir am Halse hing! –

97
Alles, alles das, wie selig,
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O wie selig fühlt' ich das!
99
Fühlt' es so, daß ich allmählich
100
Alles außer ihr vergaß;
101
Und nun ward in ihr zu leben,
102
Mir so innig zur Natur,
103
Wie, in Licht und Luft zu weben,
104
Jeder Erden-Kreatur.

105
Stolz konnt' ich vor Zeiten wähnen,
106
Hoch sei ich mit Kraft erfüllt,
107
Auch das Geistigste, mit Tönen
108
Zu verwandeln in ein Bild.
109
Doch lebendig darzustellen
110
Das, was sie und ich gefühlt,
111
Fühl' ich jetzt mich, wie zum schnellen
112
Reigen sich der Lahme fühlt.

113
Es ist Geist, so rasch beflügelt,
114
Wie der Spezereien Geist,
115
Der hermetisch, auch versiegelt,
116
Sich aus seinem Kerker reißt.
117
Welche Macht kann ihn bezähmen?
118
Welche Macht durch Ton und Wort
119
Fesseln und gefangen nehmen? –
120
Leicht, wie Äther, schlüpft er fort –

121
Nun – o wär' ich nie geboren,
122
Oder schwänd' in nichts dahin! –
123
Was sie war, ist mir verloren,
124
Da, was ich ihr war, noch bin.
125
Sie wähnt sich's von Gott geheißen,
126
Trotz Verblutung oder Schmerz,
127
Von dem meinigen zu reißen
128
Ihr ihm einverwachs'nes Herz.

129
Rasch, mit Ernst und Kraft zu ringen,
130
Hat sie nun sich aufgerafft,
131
Und den Heldenkampf vollbringen
132
Will ihr Ernst und ihre Kraft.
133
Wird sie in dem Kampf' erliegen?
134
Wird sie, oder wird sie nicht?
135
»sterben, rief sie, oder siegen
136
Heißen Tugend mich und Pflicht.«

137
Ach, ich weiß Dem keinen Tadel,
138
Ob es gleich mich nieder würgt,
139
Was so rühmlich für den Adel
140
Ihrer schönen Seele bürgt!
141
Denn, o Gott, in Christenlanden,
142
Auf der Erde weit und breit,
143
Ist ja kein Altar vorhanden,
144
Welcher unsre Liebe weiht.

145
Tief in Kerkers Nacht, belastet,
146
Die von Ketten, zentnerschwer,
147
Stöhnt mein Geist nun, tappt und tastet
148
Ohne Rat und That umher.
149
Nirgends ist ein Spalt nur offen
150
Für der Hoffnung Labeschein;
151
Und auch Wünschen oder Hoffen
152
Scheint Verbrechen gar zu sein.

153
Ich erstarre, ich verstumme,
154
In Verzweiflung tief versenkt,
155
Wann mein Herz die Leidensumme
156
Dieser Liebe überdenkt.
157
Nichts, ach nichts weiß ich zu sagen,
158
Im Bewußtsein dieser Schuld,
159
Nichts zu murren, nichts zu klagen:
160
Dennoch mangelt mir Geduld!

161
Wie wird mir so herzlich bange,
162
Wie so heiß und wieder kalt,
163
Wann in diesem Sturm' und Drange
164
Keuchend meine Seele wallt!
165
Ach! das Ende macht mich zittern,
166
Wie den Schiffer in der Nacht
167
Der Tumult von Ungewittern
168
Vor dem Abgrund' zittern macht.

169
Herr, mein Gott, wie soll es werden?
170
Herr, mein Gott, erleuchte mich!
171
Ist wohl irgend wo auf Erden
172
Rettung noch und Heil für mich?
173
Heil auch dann, wann ich erfahre,
174
Daß sie ganz von mir befreit,
175
Einem Andern am Altare
176
Sich mit Leib und Seele weiht?

177
Werd' ich, o mein Gott und Rächer,
178
Ohne in den Höllenweh'n
179
Der Verzweiflung zum Verbrecher
180
Mich zu wüten, werd' ich's sehn:
181
Wie der Mann bei Kerzen-Scheine
182
Sie zum Brautgemache winkt,
183
Und in meinem Freudenweine
184
Sich zum frohsten Gotte trinkt? –

185
Freilich, freilich fühlt, was billig
186
Und gerecht ist, noch mein Sinn,
187
Und das beßre Selbst ist willig:
188
Doch des Herzens Kraft ist hin!
189
Weh mir! Alle Eingeweide
190
Preßt der bängsten Ahndung Krampf?
191
O ich armer Mann, wie meide
192
Ich den fürchterlichsten Kampf? –

193
Bist du nun verloren? Rettet
194
Keine Macht dich mehr für mich?
195
Molly, meine Molly, kettet
196
Mich kein Segensspruch an dich?
197
O so sprich, zu welchem Ziele
198
Schleudert mich ein solcher Sturm?
199
Dient denn Gott ein Mensch zum Spiele,
200
Wie des Buben Hand der Wurm? –

201
Nimmermehr! Dies nur zu wähnen
202
Wäre Hochverrat an ihm.
203
Rühre denn dich meiner Thränen,
204
Meines Jammers Ungestüm!
205
O es keimt, wie lang' es währe,
206
Doch vielleicht uns noch Gewinst,
207
Wenn ich dir den Kampf erschwere,
208
Den du gegen mich beginnst.

209
War denn diese Flammenliebe
210
Freier Willkür heimgestellt?
211
Nein! den Samen solcher Triebe
212
Streut Natur ins Herzensfeld.
213
Unaustilgbar keimen diese,
214
Sprossen dicht von selbst empor,
215
Wie im Thal und auf der Wiese
216
Kraut und Blume, Gras und Rohr.

217
Sinnig sitz' ich oft und frage,
218
Und erwäg' es herzlich treu
219
Auf des besten Wissens Wage:
220
Ob »Uns lieben« Sünde sei?
221
Dann erkenn' ich zwar und finde
222
Krankheit, schwer und unheilbar;
223
Aber Sünde, Liebchen, Sünde
224
Fand ich nie, daß Krankheit war.

225
O ich möchte selbst genesen!
226
Doch durch welche Arznei?
227
Oft gedacht und oft gelesen
228
Hab' ich viel und mancherlei;
229
Ärzte, Priester, Weis' und Thoren
230
Hab' ich oft um Rat gefragt:
231
Doch mein Forschen war verloren;
232
Keiner hat's mir angesagt.

233
O so laß es denn gewähren,
234
Da Genesung nicht gelingt!
235
Laß uns lieber Krankheit nähren,
236
Eh' uns gar daß Grab verschlingt! –
237
Suche nicht den Strom zu hemmen,
238
Der so lang' sein Bett nur füllt,
239
Bis er zornig vor den Dämmen
240
Zum Vertilgungsmeer entschwillt.

241
Freier Strom sei meine Liebe,
242
Wo ich freier Schiffer bin!
243
Harmlos wallen seine Triebe
244
Wog' an Woge dann dahin.
245
Laß in seiner Kraft ihn brausen!
246
Wenn kein Damm ihn unterbricht,
247
Müsse dir davor nicht grausen!
248
Denn verheeren wird er nicht.

249
Auf des Stromes Höhe pranget
250
Eine Insel, anmutsvoll,
251
Wo der Schiffer hin verlanget,
252
Aber ach! nicht landen soll.
253
Auf der schönen Insel thronet
254
Seines Herzens Königin.
255
Bei der süßen Holdin wohnet
256
Dennoch immerdar sein Sinn.

257
Hänget gleich sein Schiff an Banden
258
Strenger Pflichten, die er ehrt;
259
Wird ihm gleich dort anzulanden,
260
Molly, selbst von dir verwehrt:
261
O so laß' ihn nur umfahren,
262
Seines Paradieses Rand,
263
Und es seine Obhut wahren
264
Gegen fremde Räuber-Hand.

265
Selbst, o Holdin, – kannst es glauben
266
Was dir Mund und Herz verspricht! –
267
Selbst das Paradies berauben
268
Und verheeren wird er nicht.
269
Keine Beere wird er pflücken,
270
Wie so lockend sie auch glüht,
271
Nicht ein Blümchen nur zerknicken,
272
Das in diesem Eden blüht.

273
Hinschaun soll ihn nur ergötzen,
274
Wann sein Schiff herum sich dreht,
275
Nur der süße Duft ihn letzen,
276
Den der West vom Ufer weht.
277
Aber ganz von hinnen scheiden,
278
Fern von deinem Angesicht
279
Und der Heimat seiner Freuden,
280
Heiß', o Königin, ihn nicht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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