Die bey einem, durch viele anmuhtige Vorwürfe, erregten Vergnügen entstandene und vertriebene Traurigkeit

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Barthold Heinrich Brockes: Die bey einem, durch viele anmuhtige Vorwürfe, erregten Vergnügen entstandene und vertriebene Traurigkeit (1743)

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Nachdem aus Hamburg meine Kinder, mich zu besu-
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chen, kommen waren,
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Und sie ein kleines Enkelchen von noch nicht völligen zwo
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Jahren,
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So ich noch nie gesehn, mir zeigten, an dessen lieblichen
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Gestalt
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Und munterm Geist ich mich ergetzte;
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Indem er jeden alsobald,
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Der ihn sah’, in Verwundrung setzte.
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Ein nie annoch gefühlt Vergnügen fing mein Geblüt an
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zu durchdringen.
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Ich setzte mich, sein kindisch Gaukeln, sein schnell Ge-
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hüpf, sein stolpernd Gehn,
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Mit frohen Blicken, anzusehn,
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Und sein mit Lächeln stets begleitet, schon klug, noch stamm-
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lendes Getön
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Und halbe Wörter anzuhören. Inzwischen fing, mit hel-
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lem Singen,
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Ein Paar von meinen Kindern an, beym lieblich klingen-
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den Clavier,
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Mit einer Flöten Ton begleitet, in einem schönen
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mir,

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Aus unsers grossen Hendels Stücken, ein liebliches Con-
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cert zu bringen.
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Noch mehr, mir ward, von bunten Bluhmen, ein’ ausser-
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ordentliche Pracht,
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Die eben erst aus Hamburg kommen, in einer Schüssel
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hergebracht,
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Wovon der bunte Blitz nicht minder, als wie der liebliche
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Gesang
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Durchs Ohr, mir durch die frohen Augen, in mein ge-
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rührtes Herze drang.
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Der Geist war, durch den frommen Inhalt der Wörter,
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die ich beygefüget,
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Dem Schöpfer der Natur zu Ehren, dabey nicht weniger
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vergnüget.
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Indem man nun zu gleicher Zeit, als ich die Anmuht
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überdachte,
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Ein volles angezündet Pfeifchen von rauchendem Toback
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mir brachte,
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Vermehrt’ es annoch mein Vergnügen. Ich sah’, beym
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schmatzenden Gebrauch,
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Den stets in regen Cirkelchen sich wirbelnden und dreh’n-
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den Rauch
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Vergnüglich an. Allein dieß rege, veränderlich- und
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flücht'ge Schweben
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Fing an, ganz andere Gedanken, bey meinen Freuden,
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mir zu geben.
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Ich dachte: Dieser rege Rauch, ein Sinnbild unsrer Le-
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bens-Zeit,
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Beweis’t mir, so wie aller Dinge, auch meiner Anmuht
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Flüchtigkeit:
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Wie bald verwelkt der Bluhmen Pracht!
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Wie schnell vergehen Ton und Schall!

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Leicht wird, durch einen Trauer-Fall,
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Das, was uns lieb, zur Gruft gebracht.
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Jtzt sitz ich mitten im Vergnügen; allein wie schnell kann
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es geschehen,
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Daß von der Anmuht, die mich rühret, wir Wechsel und
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Verändrung sehen!
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Ja wenn ich auch so glücklich wär’, sie Jahren-lang noch
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zu behalten;
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So würden wir, und ich zumahl, in nicht gar langer
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Zeit veralten,
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Und, wo sie mich nicht, ich doch sie, verlieren müssen.
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Dieses Denken.
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Fing an, recht mitten in der Lust, in Traurigkeit mich zu
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versenken,
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So, daß sogar die helle Stimme, das angenehmste Sai-
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ten-Spiel,
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Vom ersten Reiz sehr viel verlohr, und mir viel weniger
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gefiel.

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Allein der schwarze Gram verschwand, so bald ich mich
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nur recht besann;
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Es stimmten meine Kinder eben von ungefehr dieß Lied-
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chen an:

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Es ist nur dieß ein wahres Leben,
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Auf alle Schönheit Achtung geben
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In der durch GOtt geschmückten Welt.
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Was Seine Lieb’ uns wollen zeigen,
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Wird uns, nur bloß im Denken, eigen,
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Und Jhm gefällt, wenns uns gefällt.

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Laßt uns, dem Schöpfer denn zu Ehren,
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Mit Anmuht hören, was wir hören,
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Mit Freuden sehen, was wir sehn!
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Wir wollen Seiner Liebe Willen
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In unsrer Einsamkeit erfüllen,
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Und Jhn, in unsrer Lust, erhöhn.

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Das Denken: Daß wir alle Gaben
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Von einer nie veränderten, unwandelbaren Gottheit
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haben,
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Vereinet gleichsam meine Seele mit Seiner Unvergäng-
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lichkeit
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Und fügt sie in gewisser Maasse, trotz der Verändrung
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dieser Zeit,
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An Seine Dau’r, als ihren Ursprung. Die nicht ver-
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änderliche Triebe
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Von der Selbständig- brünstigen, unwandelbaren ew’gen
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Liebe
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Bestärkten meine Zuversicht, so, daß ich, voll Vertrauen,
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schliesse:
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“wenn ich auch gleich die ird’schen Lüste in gleicher Ord-
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nung nicht geniesse,
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„da alles hier veränderlich; so wird es dennoch meiner
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Seelen,
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„bey ihres Ursprungs ew’ger Dau’r, an einer ew’gen Lust
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nicht fehlen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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