Vergnügliche Betrachtungen über Bäume im Frühling. An den berühmten S. T. Herrn Hof-Raht Drollinger

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Barthold Heinrich Brockes: Vergnügliche Betrachtungen über Bäume im Frühling. An den berühmten S. T. Herrn Hof-Raht Drollinger (1743)

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Von der erst jüngst begrünten Erden, im Frühling gleich-
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sam angelacht,
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Betrachtet’ ich, vor andern, neulich, der schönen Erde
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schönste Pracht,
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Den Schmuck und Wuchs erhabner Bäume: Da ich denn,
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mit Vergnügen, fand,
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Daß ihre zierliche Figur, zumahl der Wipfel Ründ’, ent-
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stand
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Aus den noch nicht gesteiften Zweigen, die, von der dichten
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Blätter Last,
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Mit sanftem Druck herabgezogen,
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Sich Wolken-förmig abwerts bogen,
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Und, da sie den geraden Stamm zugleich an allen Enden
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zierten,
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Von innen zierliche Gewölber, im halben Cirkel-Schlag,
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formierten.

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Allein! es gehet ja kein Wind. Wie kommt es, daß der
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Baum sich regt?
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Seht, wie so mancher schwanker Ast sich hier erschüttert, dort
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bewegt!

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Hier beugt sich einer, wenn sich dort ein andrer Zweig hin-
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gegen hebt.
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Wie geht dieß zu? Ist denn der Baum Bewegung fähig, und
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belebt?
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Ach nein. Der Klang, ein zwitschernd Gurgeln, von Tönen
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ein gepreßt Gedränge,
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Entdeckt die Quelle der Bewegung, verräht die Ursach:
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Eine Menge
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Verliebter Vögel füllt den Baum. Springt einer hier von
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seinem Zweige,
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So hebt der Zweig, den er entlastet, sich in die Höh. Ein
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andrer biegt
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Sich plötzlich abwerts, wenn auf ihn der kleine muntre Vogel
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fliegt.
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Ja, wenn auf einigen zuweilen, voll süssen Feuers, manches
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Paar
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Der holden Liebe Triebe folgt; wird man ein schütterndes
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Bewegen,
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Auch wenn verschiedne scherzend kämpfen, ein auch nicht
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minder heftigs Regen,
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So, daß die zarten Blätter zittern, fast selbst dadurch bewegt,
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gewahr.

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An aller Pracht der zierlichen und holden Bäume, die so
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schön,
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Verwandt ich ernstlich Blick und Denken. Wie ich sie lange
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nun gesehn,
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Und ihren Wuchs und Schmuck bewundert; empfand ich
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einen regen Trieb,
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Die Schönheit andern auch zu zeigen. Da ich denn folgends
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niederschrieb:

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Der Bäume Form, ihr schönes Grün, ihr holdes
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Schirm-Dach für die Hitze,
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Mit süsser Kühlung angefüllt, der angenehmen Schatten
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Nacht,
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Jhr’ Anmuht, wodurch jeder sich zur holden Herberg’ und
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zum Sitze
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Der, uns allein vergnügenden und schönen, Singe-Vögel
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macht,
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Die mannichfachen süssen Früchte, wodurch sie uns nicht
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minder nütze,
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Sind dieß nicht göttliche Geschenke? Und sind sie nicht
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von solchem Wehrt,
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Daß wir uns ihrer innig freuen? Daß wir die Bäum’ als
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Anmuht-Quellen,
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Als Creaturen, uns zum Segen erschaffen, uns vor Augen
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stellen,
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Und, mit vergnügter Dankbarkeit, in ihnen, GOtt, den
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Schöpfer, ehrt?

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Damit nun dieß weit besser noch, als wie von mir, geschehen
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möge;
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So bitt’ ich dich,
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tung hege,
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Erwähl’ einst diesen schönen Vorwurf zum Vorwurf deiner
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edlen Lieder,
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Beschreib uns einen schönen Baum, zum Preise Deß, Der
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ihn gemacht,
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Zur Lust der Welt, und zur Beschämung: damit nicht, wie
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vorhin, ein jeder,
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Ein solches Wunderwerk des Schöpfers so sträflich mehr
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lass' ausser Acht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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