Du Macht des Klangs, empor auf Adlerschwingen

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Ernst Schulze: Du Macht des Klangs, empor auf Adlerschwingen Titel entspricht 1. Vers(1803)

1
Du Macht des Klangs, empor auf Adlerschwingen
2
Hebt mich dein Flug; entflieh, du öde Nacht!
3
Zum Licht empor will ich begeistert dringen,
4
Im Busen ist die Flamme mir erwacht,
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Und liebend soll mein Geist das Bild umschlingen,
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Wovon der Klang die Kunde mir gebracht.
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Kalt strahlt der Sonne Glanz auf ird'scher Welle,
8
Und droben nur vermählt sich Gluth und Helle.

9
Wer hat den Kranz der Harmonie gewunden,
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Wo Blüthe sich an Blüthe wechselnd reiht?
11
Was sich geflohn ist friedlich hier verbunden,
12
Das Gleiche trennt der ernste Schritt der Zeit.
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Durch Haß hat Lieb' und Liebe sich gefunden,
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Und schöner glänzt die Freude durch das Leid,
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Und nur gefühlt vom Geiste der Geweihten
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Schwebt leis' ein Gott stillordnend durch die Saiten.

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Kühn hat dein Geist den ew'gen Rath durchdrungen,
18
Enträthselt ist des Lebens dunkles Spiel,
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Der Frevel trotzt, die Tugend liegt bezwungen,
20
Der Mensch verzagt, fest steht das ew'ge Ziel,
21
Und stets verwebt geheimnißvoll verschlungen
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Sich That und That, Gefühl sich und Gefühl.
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Dem Schwachen nur scheint Ruh' und Streit verschieden:
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Der große Geist erkennt im Kampf den Frieden.

25
Was wunderbar im ordnungslosen Reigen
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Der bunten Welt dem Geist vorüberzieht,
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Und was, verhüllt in ahnungsvolles Schweigen,
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Im Feenreich der Phantasie entblüht,
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Das Alles mußte deinem Blick sich zeigen
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Und Bilder leihn dem schaffenden Gemüth,
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Und friedlich ließ entzweiter Mächte Streben
32
Dein Genius harmonisch sich verweben.

33
Ach, jede Kraft, die in des Herzens Tiefen,
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Vom dunklen Flor der Welt verschleiert, quillt,
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Des ew'gen Stamms verborgne Hieroglyphen
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Hat dein Gebot dem geist'gen Aug' enthüllt;
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Dich führt' ein Gott, und deine Töne riefen
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In's Leben auf des schönern Lebens Bild;
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Gern folgt das Herz den magischen Gesetzen
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Und staunt entzückt bei seinen eignen Schätzen.

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Wildflatternd wallt hoch an des Himmels Räumen,
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Vom Sturm gescheucht, die Wolke, schwarz und dicht,
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Und wandelbar gleich wesenlosen Träumen
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Schmiegt sie in's Band der sichern Form sich nicht:
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Doch freundlich naht, mit Gold sie zu besäumen,
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Der Nächtlichen das heil'ge Sonnenlicht,
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Und, was den Blitz im dunklen Schooß verschlossen,
48
Schwebt jetzt daher, vom heitern Glanz umflossen.

49
Doch näher kömmt's mit stillem Trotz gezogen;
50
Den Kranz des Lichts verschmäht die finstre Nacht;
51
Der Donner rollt, der Himmel bricht in Wogen,
52
Laut heult der Sturm das Siegeslied der Nacht:
53
Doch ruhig wölbt des Friedens heil'ger Bogen
54
Sich hell und hehr durchs dunkle Feld der Schlacht;
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Mag unten auch der Aufruhr tobend stürmen,
56
Hoch lebt ein Gott, er wird die Seinen schirmen.

57
So weiß dein Geist lebendig zu entfalten,
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Was räthselhaft den Busen wechselnd hebt;
59
Auf deinen Wink, gleich finstern Luftgestalten,
60
Vom Machtgebot der Willkühr rasch belebt,
61
Ziehn sie daher, die nächtlichen Gewalten,
62
Bei deren Nahn das bange Herz erbebt;
63
Doch dämmernd kränzt ein leiser Strahl der Milde
64
Den Uebermuth der trotzigen Gebilde.

65
Doch wenn auch rings die Wetter feindlich toben,
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Wenn, aus dem Schlaf gewaltig aufgerafft,
67
Am Widerstand die Kräfte sich erproben,
68
Im wilden Streit empörter Leidenschaft;
69
Stets wird das Herz im rauhen Sturm erhoben,
70
Und mächt'ger fühlt im Kampfe sich die Kraft.
71
Was sterblich ist, mag wanken und verzagen:
72
Uns schützt der Gott, den wir im Busen tragen.

73
Der Sturm entflieht, sanft nahn des Westes Schwingen,
74
Den Wahn beherrscht der kurze Augenblick,
75
Der Nebel schmilzt, und heitre Strahlen bringen
76
Den Genius der Ruhe dir zurück;
77
Der Epheu wird das düstre Grab umschlingen,
78
Entschwunden reizt das feindliche Geschick,
79
Und frischer blüht, wie in des Thaues Kühle,
80
Der duft'ge Kranz der zarteren Gefühle.

81
Du holde Ros', im dunkeln Kelch gefangen,
82
Dir, Liebe, löst sein Wink das ird'sche Kleid;
83
Im lichten Glanz siehst du verschämt dich prangen,
84
Geschlichtet ist der Sehnsucht wilder Streit;
85
Die Wünsche ruhn, die schwellend in dir rangen,
86
Du wohnst im Licht und schaust die Seligkeit,
87
Und von dem Hauch des geist'gen Klangs umwoben,
88
Strebst du, gelabt vom eignen Duft, nach oben.

89
O Paradies der reinsten Phantasieen,
90
Du bist enthüllt, geweihtes Feenland!
91
Hell seh' ich dich und unverwelklich blühen,
92
Nicht sterblich ist dein luftiges Gewand;
93
Dein Aether schwimmt in ew'gen Harmonieen,
94
Die Dämmrung hat dein Himmel nie gekannt;
95
Kein ferner Strahl schmückt dich mit irrer Helle,
96
Du bist dir selbst des Lichtes ew'ge Quelle.

97
Rings säuselt Duft, und tausend Blüthen schmücken
98
Mit frischem Glanz den heil'gen Schattenhain.
99
O naht euch nicht die Lächelnden zu pflücken,
100
Denn gaukelnd flieht der bunte Zauberschein;
101
Die Blume soll mit Duft nur uns entzücken,
102
Und ewig soll die sel'ge Sehnsucht seyn,
103
Durch Zartsinn nur wird das Gefühl gefeiert;
104
Die Schönheit flieht, wenn sie der Wahn entschleiert.

105
Geweihte Kunst, still will ich niederfallen,
106
Dein göttlich Bild mit frommem Sinn umfahn;
107
Dein Priester hat der Zukunft goldne Hallen,
108
Hat mir den Glanz des Himmels aufgethan;
109
Der Ton verschwebt, die Harmonien entwallen,
110
Unsterblich weilt des Herzens süßer Wahn,
111
Und nimmer raubt der rasche Tanz der Stunden,
112
Was heilig wir mit reinem Sinn empfunden.

113
Ha, welch ein Strahl erhellt die ird'schen Zonen!
114
Die Welt versinkt, ein dunkles Traumgesicht:
115
Hoch im Gewölk seh' ich die Tugend thronen;
116
Huld ist ihr Blick, ihr Kranz ist ew'ges Licht;
117
Aetherisch ruhn in ihrem Schooß die Kronen,
118
Die sie um's Haupt der kühnen Streiter flicht;
119
Im Zauberklang der wunderbaren Saiten
120
Hör' ich ihr Wort zu mir herniedergleiten.

121
Der fromme Sinn, der zu den ew'gen Höhen
122
Den scheuen Blick zu heben nicht gewagt,
123
Bewundert still, wie bei der Töne Wehen
124
Sein eigner Glanz belebend in ihm tagt.
125
Werth fühlt er sich zum Himmel aufzusehen,
126
Rein ist der Geist, wo Sünde sonst gezagt.
127
Das Heil'ge darf er gläubig jetzt umarmen;
128
Denn droben wohnt ein Vater voll Erbarmen.

129
O starker Muth, der mir den Geist beflügelt,
130
Der Glaube ruft, die Kette sinkt dahin,
131
Zum Thatenruhm ist mir das Thor entriegelt,
132
Die Ehre winkt, die hohe Königin,
133
Und stürmisch eilt und frei und ungezügelt
134
Das rasche Herz zum köstlichen Gewinn;
135
Nicht will ich feig den schönen Tag verträumen,
136
Selbst meine Nacht soll noch mit Gold sich säumen.

137
Nie soll das Recht dies freie Herz verlassen,
138
Nie ihren Thron Gewalt in mir erbaun;
139
Was Haß verdient, das will ich muthig hassen,
140
Mit festem Blick dem Feind in's Auge schaun,
141
Das Herrliche will ich voll Lieb' umfassen,
142
Und wie auf Gott auf Menschenwerth vertraun,
143
Will kämpfen für das ew'ge Ziel und leiden,
144
Und ohne Schmerz, doch nicht vergessen, scheiden.

145
So läßt das Herz von deinem Wink sich leiten,
146
Aus Kampf wird Ruh und aus dem Dunkel Tag.
147
Die Seele schwebt auf den gerührten Saiten,
148
Wohin du rufst folgt sie gefesselt nach,
149
Doch bandenlos wähnt sie umherzugleiten,
150
Emporgeschnellt durch eignen Flügelschlag,
151
Und aus sich selbst die wechselnden Gestalten
152
Der Phantasie lebendig zu entfalten.

153
Die Freude siegt! Ein lichter Rosenschleier
154
Webt gaukelnd sich um's blaue Himmelszelt;
155
Der Busen hebt im Drang der Lust sich freier,
156
Im Morgenlicht schwimmt die verjüngte Welt,
157
In jedem Blick glänzt ein verklärtes Feuer,
158
Hell ist der Geist und hoch das Herz geschwellt,
159
Und fortgerafft von stürmischem Entzücken
160
Will an sein Herz der Mensch den Menschen drücken.

161
Doch so wie ernst der Dämmrung Flügel schweben,
162
Noch kränzt das Blau ein zarter Purpurschein,
163
Still naht die Ruh, und Halm und Blüthe beben,
164
Und säuselnd wogt bei ihrem Kuß der Hain;
165
Fern schwimmt am Fels der Strahlen letztes Leben,
166
Schon kettet sich der Träume bunter Reihn,
167
Und drüben hebt im funkelnden Gewande
168
Die duft'ge Nacht sich aus dem Schattenlande;

169
So windet sich in deinen Zaubertönen
170
Geweihter Ernst um der Entzückung Glanz;
171
Begeisternd naht die Hoheit sich dem Schönen,
172
Die Würde lenkt der Anmuth leisen Tanz;
173
Den zarten Arm schlingt um die Lust das Sehnen,
174
Der Wehmuth Thau glänzt in der Freude Kranz;
175
Still wird das Herz, und in der heil'gen Ferne
176
Schwebt vor dem Geist der Glanz der ew'gen Sterne.

177
Gewaltiger! bei dir fühlt der Gedanke,
178
Und sinnend denkt dein innerstes Gefühl;
179
Was Schwache spornt, das wählst du dir zur Schranke:
180
Wo Feige fliehn, da winkt dein hohes Ziel;
181
Wie auch der Sinn der flücht'gen Menge wanke,
182
Du lohnst dir selbst mit dem, was dir gefiel,
183
Und nicht verletzt von ungeweihtem Spotte
184
Nahst du auf kühner Bahn dich deinem Gotte.

185
Hört ihr im Dom das Festgeläut erschallen
186
Zum Himmel steigt der Andacht frommes Chor,
187
Erschütternd tönt die Orgel durch die Hallen,
188
Und gläubig schaut des Meister Blick empor,
189
Und Alles ist rings auf die Knie gefallen,
190
Und offen steht des Himmels goldnes Thor;
191
Entsündigt schwingt vom heil'gen Klang der Saiten
192
Sich Alles auf zu ew'gen Seligkeiten.

193
Doch seinem Blick entstrahlt allmächt'ges Leben,
194
Bewundernd fühlt sein Geist die eigne Macht;
195
Gewaltiger rauscht der Begeistrung Schweben,
196
Verklärter glänzt die Flamme durch die Nacht,
197
Und rastlos ringt er fort mit kühnem Streben,
198
Bis siegend er das Göttliche vollbracht,
199
Und höher stets beginnt die Fluth zu schlagen,
200
Im Sturm der Lust will fast sein Herz verzagen.

201
Heil ihm, schon liegt das Irdische bezwungen;
202
Hell strahlt die Kunst des trüben Flors beraubt;
203
Wonach er rang, das hat er jetzt errungen,
204
Weil er an Gott, weil er an sich geglaubt;
205
Das Ideal hält bräutlich ihn umschlungen,
206
Der Glaube flicht den Lorbeer ihm um's Haupt;
207
Kühn strebt sein Geist das Dunkel zu verlassen;
208
Wer Gott geschaut, den kann die Welt nicht fassen.

209
Und sieh, da winkt, von goldnem Duft umwoben,
210
Cäcilia mit leisem Harfenton;
211
Was er geliebt das leitet ihn nach oben,
212
Wofür er kämpfte beut ihm jetzt den Lohn;
213
Schon ist sein Geist verklärt emporgehoben,
214
Schon kniet er hin vor des Allmächt'gen Thron;
215
Ein Strahl entsinkt sich um sein Haupt zu weben,
216
Ein Engel kniet, und alle Himmel beben!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Schulze
(17891817)

* 22.03.1789 in Celle, † 29.06.1817 in Celle

männlich, geb. Schulze

deutscher Dichter der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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