Du nennst ein Räthsel, nennest verschlossen mich

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Ernst Schulze: Du nennst ein Räthsel, nennest verschlossen mich Titel entspricht 1. Vers(1803)

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Du nennst ein Räthsel, nennest verschlossen mich,
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Der Alles jüngst, was in der geheimsten Brust
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Ihm blühte, was im tiefsten Herzen
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Heilig sich spiegelte, dir gestanden?

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Du weißt es Alles, was ich dir sagen kann;
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In jedem Blick, in jedem gedämpften Laut,
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Im stummen Gram und in des Frohsinns
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Sonnigem Lächeln enthüllt mein Herz dir;

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Daß du allein ihm Leben und Liebe bist,
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Daß zart und innig jedes Gefühl in mir
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Dein Eigenthum ist, daß dein Blick nur
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Kraft in die Brust mir und Milde senkte.

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So weht belebend um das entkeimte Grün
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Mit duft'gem Flug des seligen Lenzes Hauch,
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So gaukelt freundlich in der Quelle
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Rieselndem Silber der Rose Bildniß.

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Und ach, doch kann dein heiliger, zarter Sinn
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Worin die fremde Thräne so leicht den Thau
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Des weichen Mitleids weckt, doch kannst du
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So mich mit bitterem Argwohn kränken?

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Ach, still und kindlich trug ich die sel'ge Lust
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Im keuschen Herzen, betete nur zu dir,
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Und dir nur dankt' ich, wenn die Schönheit,
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Wenn mich ein großes Gefühl emporhob.

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Mit heil'gem Schweigen ehrt' ich das Göttliche,
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Das mir genaht war, wähnte das süße Glück,
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Den Traum des Himmels zu verscheuchen,
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Wenn ich mit irdischem Laut ihn grüßte!

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Der Sitz, wo du einst ruhtest, der Wiese Pfad,
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Den du gewandelt, war mir ein Heiligthum;
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Nie wagt' ich deines Schleiers Saum nur
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Leise mit bebender Hand zu fassen.

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Wer ist's, der mächtig aus der Ermattung Schlaf
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Mein Herz emporrief, welcher mich selbst mir gab,
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Daß kühn ich in den hohen Kreis der
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Edleren treten und stolz gestehn darf:

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Nehmt, ich verdien' es, nehmet den Euern auf,
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Der euch zur Seite kämpfen und siegen will,
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Der Haß dem Unrecht, der dem Schönen
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Liebe, der Treue dem Recht geschworen!

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Ach, was beginnst du? Willst du dein eignes Werk,
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Das Werk zerstören, welches ein lichter Strahl
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In jenem goldnen Kranze seyn wird,
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Welcher im Himmel dich einst umleuchtet?

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Vertraue dem, was tief in die Seele mir
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Du selbst geprägt hast, glaub' an die eigne Macht!
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Ach, wenn du zweifelst, muß ich dann nicht
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Selbst an dem eigenen Herzen zweifeln?

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Zürnst du vielleicht, daß ewiger Frohsinn mir
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Die Stirn bekränze, daß ich mit kälterm Sinn
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Nur in des Glückes lichtem Schimmer
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Wandelte, nie der Empfindung Thräne,

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Des tiefern Herzens lindernden Thau geweint,
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Die zarte Thräne, welche den düstern Gram
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Zum Engel umschafft, der in Wehmuth
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Göttlicher wird und des Himmels werther?

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Ach, oft verkündet Lächeln den stummen Gram,
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In heitern Schein hüllt oft sich ein blutend Herz,
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Und in der goldbesäumten Wolke
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Lauschte verderblich ein schwarzer Sturm oft.

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Gleich Aeolsharfen regen, vom geist'gen Hauch
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Geküßt, der Rührung leisere Saiten sich;
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Nicht mag mit Worten ich's entweihen,
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Was mir die göttliche Stimme kündet.

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Der Spott nur fühlt sich heimisch im leeren Traum
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Der dunklen Erde: aber verlassen schließt
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Empfindung sich ins tiefre Herz und
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Blickt zu den Sternen und schweigt und lächelt.

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So birgt der Kelch der nächtlichen Blume sich
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Der Gluth des Tages, nur in der Dämmerung
71
Entfaltet scheinlos sie den Kelch: doch
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Woget in reinerem Duft die Nacht rings.

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Keusch sey des Herzens heiliges Zartgefühl
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Und gebe nie dem Hohne der Welt sich hin;
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Nur blenden kann des höhern Lichtes
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Flamme den Thoren, doch nicht ihm leuchten.

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O gieb ein Blümchen, wenn du nicht reden darfst,
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Gieb deines Lächelns flüchtigsten Sonnenstrahl,
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Den stillsten Blick mir nur zum Pfande,
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Daß du mein Inneres ganz errathen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Schulze
(17891817)

* 22.03.1789 in Celle, † 29.06.1817 in Celle

männlich, geb. Schulze

deutscher Dichter der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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