Reizendste der Phantasieen

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Ernst Schulze: Reizendste der Phantasieen Titel entspricht 1. Vers(1803)

1
Reizendste der Phantasieen,
2
Die mein trunknes Auge sah,
3
Mutter süßer Harmonieen,
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Du, die Sinn dem Klang verliehen,
5
Heilige Cäcilia!
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Zartgefühl und reines Streben
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Hat dein Athem mir gegeben,
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Nimm, was ich dir weihen kann,
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Harmonie in Wort und Leben,
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Himmlische, zum Opfer an!

11
Ach, die Dämmrung milder Thränen
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Und der Sonnenstrahl der Lust,
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Ahnung, Glaub' und leises Sehnen,
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Alles wiegt auf holden Tönen
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Sich ins Heiligthum der Brust.
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Was, vom Irdischen entbunden,
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In des Anschauns sel'gen Stunden
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Nie die reine Seele sah,
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Hat sie oft bei dir empfunden,
20
Heilige Cäcilia!

21
Sey mit freundlichem Gesange,
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Trösterin, sey mir gegrüßt,
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Die im schmeichlerischem Klange
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Bei des Lebens heißem Drange
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Lindrung in die Brust uns gießt;
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Die mit milden Freudenzähren,
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Ird'sche Wonne zu verklären,
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Den geweihten Blick belebt,
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Und den Glanz der ew'gen Sphären
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Um der Erde Nebel webt.

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Als du an des Lebens Saume
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Noch im Arm der Mutter lagst
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Und, geküßt vom leisen Traume,
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Von des Schlummers goldnem Baume
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Dir die ersten Blüthen brachst,
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Ach, da schwebten zarte Lieder
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Schon zu deinem Ohr hernieder,
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Und die keusche Phantasie
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Hob mit säuselndem Gefieder
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Dich in's Reich der Harmonie.

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Lächelnd gab dem zarten Kinde
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Ihren Kuß die Huldgöttin,
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Daß es, frei von ird'scher Sünde,
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Mit dem Schönen sich verbünde
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Zu des Herrlichsten Gewinn.
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Nur der Hauch der reinen Güte
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Nährt des Wohllauts zarte Blüthe,
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Wie den Blumenkelch der Tag,
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Und ein Mißton im Gemüthe
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Klingt auch auf den Saiten nach.

51
Und als jetzt in heil'ger Schöne
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Ihres Lebens Lenz begann,
53
Ach, da sprachen alle Töne
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Auf des Daseyns bunter Scene
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Den verwandten Busen an.
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Und der West, der sie umschwebte,
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Und die Fluth, die abwärts bebte,
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Und des Hains Elysium,
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Was im Raum der Erde lebte,
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Schuf in Ton und Klang sich um.

61
Und sie irrte durch's Gefilde,
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Irrte träumend durch den Hain,
63
Und das Hohe wie das Milde
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Prägten zaubrische Gebilde
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In den reinen Busen ein.
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Ach, in ihrem weichen Herzen
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Spiegelten sich Lust und Schmerzen,
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Und ihr inn'res Wesen schien
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Mit dem Schmetterling zu scherzen,
70
Mit dem Adler aufzufliehn.

71
Sprich, wie kannst du ihn ertragen,
72
Diesen Kampf getheilter Lust?
73
Nein, du mußt im Glück verzagen
74
Oder auszusprechen wagen,
75
Was du fühlst in tiefer Brust!
76
Und sie spannt die goldnen Saiten,
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Und die zarten Finger gleiten,
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Horch, die Fluth der Klänge schwillt,
79
Und es dämmert den Geweihten
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Der Empfindung erstes Bild.

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Zarter Liebe leises Sehnen,
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Sinnend irrst du und allein;
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Ruhig willst du gern dich wähnen:
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Doch es zeugen deine Thränen
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Von der unbekannten Pein.
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Ach, wenn mild die Saiten beben,
87
Und der Brust geheimstes Leben
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Leis' im Reich der Kläng' entblüht,
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Wird dein Herz den Schleier heben,
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Der das Räthsel dir entzieht.

91
Sieh, es tobt des Kampfs Erinne,
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Und der Jüngling zieht den Stahl,
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Und er blickt mit trübem Sinne
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In die Augen seiner Minne
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Und zum heil'gen Sonnenstrahl:
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Aber horch! Trompeten schallen,
97
Und des Krieges Donner hallen,
98
Und er stürzt sich in die Schlacht.
99
Mag er siegen, mag er fallen,
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Ihn bezwingt die stärk're Macht.

101
Geist, der durch die Saiten waltet
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Und, vom leisesten Entstehn
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Schwellend zum Akkord entfaltet,
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Uns die tiefste Welt gestaltet,
105
Geist, wer schuf dein heil'ges Wehn?
106
Was zum Gott mich oft erhoben,
107
Oft der Leidenschaften Toben
108
In der wilden Brust gestillt,
109
Wär', aus eitlem Hauch gewoben,
110
Nur des Nichtseyns Dämmerbild?

111
Nein, dich hat die ew'ge Liebe
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Zu den Sterblichen gesandt,
113
Daß im rauhen Weltgetriebe
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Uns die süße Ahnung bliebe
115
Von dem schönern Vaterland.
116
Jeder Ton, der uns durchdrungen,
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Ist aus heil'gem Quell entsprungen
118
Und aus ew'gen Harmonien,
119
Und erhellt die Dämmerungen,
120
Die die Heimath uns entziehn.

121
Harmonie, du Band der Sphären,
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Schöpferin des ew'gen Lichts,
123
Göttin, deren Wink zu ehren,
124
Tausend Sonnen sich verklären
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Aus dem Schooß des dunklen Nichts,
126
Heilige, die jedem Fehle,
127
Daß nur Gleiches sich vermähle,
128
Die geweihte Kette schließt,
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Glorie der reinen Seele,
130
Harmonie sey mir gegrüßt!

131
Dir gehorcht die schwarze Welle,
132
Wenn der Sturm die Flügel schwingt,
133
Dir der Tanz der Wiesenquelle,
134
Ruh und Kampf und Nacht und Helle
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Folgen, wenn dein Scepter winkt.
136
Wo der Schöpfung Pulse beben,
137
Darf kein Mißklang sich erheben;
138
Auf geheimnißvoller Spur
139
Schmilzt der Kräfte Widerstreben
140
In den Einklang der Natur.

141
Was dem Geiste Kraft gewährte
142
Und dem Herzen Größe lieh,
143
Was den Keim des Schönen nährte
144
Und das Werk des Meisters ehrte,
145
Wecktest du, o Harmonie!
146
Freiheit muß auf Scham sich gründen,
147
Kraft und Milde sich verbinden
148
Und Genuß durch Müh' erfreun;
149
Kühnheit soll die That erfinden,
150
Richterin die Charis seyn.

151
Hehre, die am Himmelsbogen
152
Und im Erdenkreise weilt,
153
Sey der Reizenden gewogen,
154
Die, von deinem Hauch erzogen,
155
Geist und Namen mit dir theilt.
156
Als von dir ihr Auge glühte
157
Weckte sie des Liedes Blüthe
158
Und der Worte Kraft in mir,
159
Und gefiel ich dir, so biete
160
Ihr allein den Lohn dafür.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Schulze
(17891817)

* 22.03.1789 in Celle, † 29.06.1817 in Celle

männlich, geb. Schulze

deutscher Dichter der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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