Hier auf des Brockens Höhen

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Ernst Schulze: Hier auf des Brockens Höhen Titel entspricht 1. Vers(1803)

1
Hier auf des Brockens Höhen
2
Im zaubrischen Revier
3
Schreib' ich dies Briefchen dir,
4
Du reizendste der Feen,
5
Die je die Mainacht hier
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Im Negligé gesehen.
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Vom rauhen Sturm umbrüllt
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Steh' ich auf hoher Warte,
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Wo fernhin das Gefild,
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Gleich einer Länderkarte,
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Sich meinem Blick enthüllt.
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Jetzt ist der Landschaft Bild
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Von grauem Duft umwoben,
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Jetzt scheucht der Stürme Toben
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Den Nebelflor hinweg,
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Und durch die luft'gen Räume
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Baut in das Reich der Träume
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Mir Fantasus den Steg.

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Besäß' ich jetzt die Grille
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Mit Werners Zauberbrille
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Ein luftiges Gewühl
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Verkörperter Ideen
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In jedem leisen Spiel
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Der Schöpfung auszuspähen,
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Dann sollte nur Gefühl
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Durch meine Saiten wehen;
27
Der Sturm, der rauh und wild
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Der Fichten Haupt zerschmettert
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Und Wies' und Hain entblättert,
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Er wäre mir das Bild
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Der trüben Augenblicke,
32
Wenn Kummer dich zerreißt,
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Und ach, von jedem Glücke
34
Dein Schmerz mich fliehen heißt.
35
Des Nebels Truggebilde,
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Die bald sich um's Gefilde
37
Mit grauer Dämmrung ziehn,
38
Bald nahen, bald entfliehn,
39
Sie würden mich erinnern,
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Wie schnell in deinem Innern
41
Sich Laun' auf Laune drängt,
42
Wie Alles jetzt dich kränkt,
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Was dir noch kaum gefallen,
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Und wie dein Herz an Allen
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Und wie an Nichts es hängt;
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Und diese Felsenhöhen,
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Die schon von Ewigkeit
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Den Kampf mit Kunst und Zeit
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Unwandelbar bestehen,
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Würd' ich in dem Symbol
51
Nicht deine Treue sehen?

52
Ach Liebchen, sollte wohl
53
Der Berg noch lange stehen?

54
Auch wär' ich fast bereit
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In's graue Nebelkleid
56
Der Mystik mich zu hüllen,
57
Und deine leere Zeit,
58
Um aller deiner Grillen
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Und jener Härte Willen,
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Die stets das Herz mir bricht,
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Wär's auch mit Thränen nicht,
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Mit Gähnen doch zu füllen:
63
Allein du zagst zu früh.
64
Der Flug zu höh'ren Sphären
65
Ist der gedankenleeren
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Romantiker Regie,
67
Die, wie natürlich, nie,
68
Als Meister der Magie,
69
Sich an den Weltlauf kehren,
70
Und Geister dort beschwören,
71
Wo Menschen nöthig wären.
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Ein wenig Phantasie
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Ist Alles, was mit Müh
74
Die Götter mir bescheren,
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Und läßt von Zeit zu Zeit
76
Der Geist der Zärtlichkeit
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Durch meinen Mund sich hören,
78
So muß ich dich verehren,
79
Du hast durch süße Lehren
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Zum Dichter mich geweiht.
81
Doch wenn im Rosenkleid
82
Der Gott der Fröhlichkeit
83
Aus seinem Lustgebiete
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Mir zarte Küsse beut,
85
Und manche holde Blüthe
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Auf meine Pfade streut,
87
Und meine Lebenszeit
88
Zum Paradiese weiht
89
Durch ewige Genüsse,
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So sag' ich ohne Scheu,
91
Daß ich für jene Küsse
92
Mein eigner Schuldner sey.

93
Drum, Liebliche, verzeih,
94
Daß deine Phantasei
95
Die heißen Lavaflüsse
96
Erhabner Schwärmerei
97
In diesem Brief vermisse;
98
Denn wenn ich, frank und frei
99
Vom Band der Tändelei,
100
Mit schäumendem Gebisse
101
Den kühnen Pegasus
102
Durch hohe Wolken risse,
103
So hielte voll Verdruß
104
Wohl mancher Kritikus
105
Die glühenden Ergüsse
106
Des hohen Genius
107
Für nichts als – taube Nüsse.

108
Drum fort mit Sturm und Drang,
109
Du Pathos, flieh von hinnen!
110
Mein scherzender Gesang,
111
Sucht nur die Huldgöttinnen
112
Und Amorn zu gewinnen,
113
Nicht finstrer Grübler Dank.
114
Laß andre Thoren schwärmen,
115
Und an erzwungner Gluth
116
Den kalten Geist erwärmen,
117
Und dann, im trunknen Muth,
118
Mit höh'ren Welten spielen
119
Und Niegefühltes fühlen,
120
Und bald daß heiße Blut
121
In kalter Wasserfluth,
122
Wie Ikarus, zu kühlen;
123
An süßen Banden hält
124
Mich diese Erdenwelt,
125
Und in die graue Weite
126
Schaut meine Träumerei,
127
Und sehnt nur dich herbei,
128
Und seufzt: O wäre heute
129
Die erste Nacht im Mai!

130
Doch wie, du scheinst zu schmählen,
131
Daß sich mein Lied erfrecht
132
Dich zu dem Trupp zu zählen,
133
Der hier, sein altes Recht
134
Am ersten Mai zu hegen,
135
Mit Satan tanzt und zecht?
136
O, sey nicht ungerecht!
137
Kannst du mich widerlegen,
138
So schwör' ich beim Apoll,
139
Bei des Peliden Groll,
140
Bei Ast und bei dem Besen,
141
Der Endors Hexe trug,
142
Nie will ich mehr ein Buch,
143
Ist's nicht von Arnim, lesen!

144
Was treibt so schnell das Blut
145
Mir durch die blassen Wangen?
146
Woher die trunkne Gluth,
147
Woher das zarte Bangen,
148
Wenn dich mein Aug' erblickt?
149
Was läßt mich jetzt entzückt
150
Dir rasch entgegeneilen,
151
Doch plötzlich wieder weilen,
152
Von Scham und Angst umstrickt?
153
Doch wenn dein Mund mir lächelt,
154
Und sanft, wie Westeswehn,
155
Dein Auge meinem Flehn
156
Gewährung zugefächelt,
157
Was läßt so schnell und kühn
158
Zur Hoffnung in mir keimen,
159
Was selbst in süßen Träumen
160
Mir sonst unmöglich schien?
161
Und wenn an deinen Wangen,
162
An deines Mundes Sammt
163
Dann meine Lippen hangen
164
Und glühendes Verlangen
165
Mir durch die Seele flammt,
166
Was läßt mich plötzlich zittern,
167
Als wagt' ich jetzt zu viel?
168
Was läßt das süße Spiel
169
Durch Reue mich verbittern?
170
Welch eine heil'ge Scheu
171
Wirft mich zu deinen Füßen,
172
Mein Wagestück zu büßen,
173
Als ob es Sünde sey,
174
Durch zarte Tändelei
175
Sein Leben zu versüßen;
176
Ist das nicht Zauberei?

177
Erwähl' ich fern von dir,
178
Den Kummer zu beschwören,
179
Der alten Weisen Lehren
180
Zum Zeitvertreibe mir,
181
So winkt auf allen Blättern
182
Mir zauberisch dein Bild,
183
Und jede Zeile füllt,
184
Anstatt der todten Lettern,
185
Sich nur mit Liebesgöttern.
186
Der weise Sokrates
187
Kniet dann, sich selbst zum Hohne,
188
Vor Cythereens Throne
189
Trotz Alcibiades,
190
Und eine Myrtenkrone
191
Weiht Cypris schlauem Sohne
192
Selbst Aristoteles.

193
Wenn ich dich längst vermisse,
194
Doch der Erinnrung Fest
195
Mich alle deine Küsse
196
Noch einmal küssen läßt,
197
Wer macht den Geist entstehen,
198
Der dann von goldnen Höhen
199
Zu mir herniedertaucht,
200
Und der Begeistrung Wehen
201
In meine Seele haucht?
202
Empor fühl' ich mich schweben,
203
Ich seh' ein frisch'res Grün,
204
Und zart're Lüfte beben,
205
Und schön're Blumen blühn;
206
Und wo der West die Schwingen
207
Mit süßern Düften füllt,
208
Wo Rosen sich verschlingen,
209
Wo Nachtigallen singen,
210
Und wo, von Moos umhüllt,
211
Die Quellen frischer springen,
212
Da seh' ich für dein Bild
213
Altäre sich erheben,
214
Und jede Laube scheint
215
Für dich und deinen Freund
216
Ein Heiligthum zu weben,
217
Wo still die Schwärmerei
218
An deinen Lippen lausche,
219
Wo Geist um Geist sich tausche,
220
Und wo, von Fesseln frei,
221
Trotz ihrem kühnsten Rausche,
222
Die Liebe heilig sey;
223
Ist das nicht Zauberei?

224
O lies nur die Geschichten,
225
Worin uns Hamilton,
226
Wieland und Crebillon
227
Vom Feenreich berichten,
228
Ich wette, was es gilt,
229
Du siehst auf jeder Seite
230
Dein wahres Ebenbild.
231
So sanft und zärtlich heute
232
Und morgen kalt und hart,
233
Nur treu der Gegenwart
234
Und jedes Eindrucks Beute,
235
Lebst du in ew'gem Streite
236
Mit dir und mit der Welt;
237
Vergißt schon morgen flüchtig,
238
Was jetzt dich fesselnd hält,
239
Und eilst zu dem, was nichtig,
240
Wenn du es hast, zerfällt.
241
Jetzt, wie Vestalen züchtig,
242
Scheint dir ein Kuß so wichtig,
243
Als gält' es einen Thron,
244
Nach Stunden rufst du schon:
245
Der Tag ist Null und nichtig,
246
Der ohne Lieb' entflohn!
247
Heut rühmst du mir Sonette
248
Und morgen Home's Kritik,
249
Entschläfst an der Toilette,
250
Und wachst noch spät im Bette
251
Bei Roßdorf, Ast und Tiek.
252
Wobei seit manchem Jahre
253
Sich Spleen und graue Haare
254
Der Grübler Schwarm erzeugt,
255
Das ewig Wandelbare
256
Du hast es schnell und leicht,
257
Als wär's ein Spiel, erreicht.

258
Und doch, wer sollt' es wähnen,
259
So sehr mit Schmerz und Thränen
260
Du dein Gelächter treibst
261
Und treu nur Jenen bleibst,
262
Die, gleich den Schmetterlingen
263
Schlau und veränderlich,
264
Mit eignen Waffen dich,
265
Du Flatternde bezwingen,
266
So kann doch nie ein Herz
267
Aus deinen Banden fliehen,
268
Die Thränen selbst und Schmerz
269
Nur immer fester ziehen.
270
Ach, wenn des Lenzes Kleid
271
Enthüllte Rosen schmücken,
272
Wer wollte sie nicht pflücken,
273
Weil er den Stachel scheut?
274
Es haschen ja im Leben
275
Sich ewig Freud' und Gram,
276
Und dem, der jene nahm,
277
Wird dieser auch gegeben,
278
Drum zag' ich wahrlich nicht
279
Den größern Schmerz zu leiden,
280
Wenn nur mit süßern Freuden
281
Mein Kummer sich verflicht.
282
Nichts oder Alles wählte
283
Mein Herz sich auf's Panier,
284
Doch wenn auch Alles mir
285
Noch an dem Allen fehlte,
286
Stets macht mit schlauer Kunst
287
Dein süßes Wort mich wähnen,
288
Daß deine zarte Gunst
289
Schon meinem kühnsten Sehnen
290
Voran geflogen sey;
291
Ist das nicht Zauberei?

292
In Karls des fünften Buch
293
Kannst du die Worte lesen;
294
Wer je sich mit dem Bösen
295
Um Seel' und Leib vertrug,
296
Der soll vom ew'gen Fluch
297
Durch Feuersgluth sich lösen.
298
Drum, Liebchen, wollt' ich itzt
299
Wie Voiture und Marino
300
Mit einem Concettino
301
Gut oder schlecht gespitzt,
302
Um den Geschmack zu höhnen,
303
Des Briefchens Ende krönen,
304
So könnt' ich ohne Scheu
305
Zu ew'gen Liebesflammen
306
Dein armes Herz verdammen:
307
Doch Witz und Schwärmerei
308
Paart Wahnsinn nur zusammen;
309
Drum schaut die Träumerei
310
Hinüber in die Weite
311
Und seufzt: O wäre heute
312
Die erste Nacht im Mai!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Schulze
(17891817)

* 22.03.1789 in Celle, † 29.06.1817 in Celle

männlich, geb. Schulze

deutscher Dichter der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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