Das Leben ist ein buntverwirrter Traum

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Ernst Schulze: Das Leben ist ein buntverwirrter Traum Titel entspricht 1. Vers(1803)

1
Das Leben ist ein buntverwirrter Traum;
2
Im Dunkel liegt die Zeit, die uns entschwunden,
3
Ein Schleier deckt der Zukunft ferne Stunden,
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Und selbst das Jetzt erkennt die Seele kaum.
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Verworren fliehn mit ungewissem Schweben
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Des Daseyns Bilder unserm Blick vorbei;
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Wir wählen nicht was gut und nützlich sey,
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Kein festes Ziel entdeckt sich unserm Streben;
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Zufrieden mit dem bunten Mancherley,
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Womit Geschick und Zufall uns umweben,
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Durchirren wir, gleich Träumenden, das Leben,
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Bald auf dem Fittig süßer Schwärmerei,
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Bald stumm und ernst und bald mit scheuem Beben,
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Und fühlen erst, wenn aus der Wüstenei
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Der Welt uns schön're Genien erheben,
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Das Spiel sey aus und unser Traum vorbei.

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Sobald der Mensch des Lebens Hauch empfindet,
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Bemüht er sich in jenes Buch zu sehn,
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Das ihm den Zweck der bunten Träume kündet;
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Er sucht nach Licht und wähnt es zu erspähn.
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Sein Geist verlacht die Fessel, die ihn bindet,
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Schon glaubt er den verborgnen Rath ergründet,
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Und hascht im Wahn die Wahrheit schon am Saum:
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Doch ach, umsonst! der falsche Schein entschwindet,
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Und was er sieht, es ist ein neuer Traum!

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Zu glücklich ist, wer auf dem Pilgerwege
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Mehr Sonnenschein als wilden Sturm empfing,
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Wer häufiger durch blühende Gehege
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Als durch den Sand verdorrter Wüsten ging;
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Wem in dem Buch, wo die genoßnen Freuden
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Verzeichnet stehn, kein gänzlich leerer Raum
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Entgegenstarrt, und wer beim späten Scheiden
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Noch rufen kann: Es war ein schöner Traum!

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Allein verzeih die wehmuthsvolle Mine,
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Mit welcher jetzt die Muse dir erscheint,
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Als stände sie auf einer Trauerbühne,
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Um die ein Schwarm von bangen Hörern weint.
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Fort mit dem Ernst! Im holden Feenlande,
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Wo noch der Lenz uns Rosenkränze flicht,
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Ist Sorg' und Gram die schlimmste Contrebande,
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Und düstrer Ernst im grämlichen Gewande
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Ein Prediger, der in der Wüste spricht.
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Was kümmern uns die finstern Grübeleyen,
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Womit der Mensch den Keim der Lust zerstört?
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Mag sich in Thor des finstern Mißmuths freuen,
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Mag er das Glück, als wär' es Sünde, scheuen,
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Wer Grillen sucht, der ist der Grillen werth;
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In unsrer Brust kann Freude nur gedeihen,
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Der ist ein Gott, wer ihre Lehren hört.

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So laß uns froh durchs heitre Leben schwärmen,
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Nach Dornen nie am Blüthenkranze spähn,
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Nie ohne Noth uns um die Zukunft härmen,
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Und nie das Jetzt im trüben Lichte sehn.
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Oft blüht ein Zweig an halberstorbnen Bäumen,
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Mit Ranken ist der nackte Fels geschmückt,
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In Wüsten selbst sieht man oft Blumen keimen,
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Der ist ein Thor, der sie nicht sorgsam pflückt.
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Bau' immerhin ein Schloß in luft'gen Räumen,
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Und bild' ein Ideal aus buntem Schaum;
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Die zarte Brust muß sterben oder träumen,
61
Denn alles Glück ist nur ein schöner Traum.

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Nimm hier das Buch, das vormals die Sibyllen
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In Kumas Kluft prophetisch ausgeheckt,
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Den Sterblichen die Träume zu enthüllen,
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Womit die Nacht die müden Schläfer schreckt.
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Doch wenn dir einst mit buntgefärbten Schwingen,
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O wär' es oft! aus Titans goldnem Thor
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Die Phantasien die süßen Bilder bringen,
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Worin dein Geist sich wachend oft verlor,
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Wenn Weste dich mit leisem Flug umgaukeln
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Und scherzend dich auf lauen Lüften schaukeln
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Und auf der Woge zartem Silberschaum,
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Dann hüte dich dies Buch um Rath zu fragen,
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Es wird dir nur die düstern Worte sagen:
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Dein ganzes Glück, nichts war es als ein Traum.

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Doch wenn dich einst zum öden Schlachtgefilde,
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Mit Blut benetzt, ein böser Geist entführt,
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Wo rings die Nacht nur grause Schreckgebilde,
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Wo jeder Strauch Gespenster dir gebiert;
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Wenn rasch sich zur Flucht die Füße heben,
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Doch regungslos, erstarrt am Boden kleben,
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Wie einst im Fliehn Apolls geliebter Baum,
83
Dann lies dies Buch; dein Zagen wird entschwinden,
84
Denn tröstend wird sein Ausspruch dir verkünden:
85
Der Schmerz ist nur ein kurzer Morgentraum.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Schulze
(17891817)

* 22.03.1789 in Celle, † 29.06.1817 in Celle

männlich, geb. Schulze

deutscher Dichter der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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