27
Mit Blicken, voll von Hoffnung und von Freude,
28
Mit Wangen, die der Liebe Purpur malt,
29
Naht Psyche jetzt dem Thron. Sie wähnt die Schuld bezahlt,
30
Die Gläubige, sie traut Cytherens Eide,
31
Und hält die Schadenlust, die Cypris Blick entstrahlt,
32
Für der Verzeihung Pfand. Doch wehe, wie erschrocken
33
Bebt sie zurück, wie plötzlich stocken
34
Die Pulse ihr, als so die Göttin spricht:
35
Du hast die That vollbracht, die ich dir aufgetragen.
36
Allein durch eigne Kraft? Ich glaub' es wahrlich nicht.
37
Verdient es der, daß er die Palme bricht,
38
Dem ohne Müh ein Gott mit schnellerm Flug den Wagen
39
Beschwingt, für den ein Gott mit starker Rechte sicht?
40
Drum hoffe nicht, daß dir Verzeihung werde,
41
Bevor du nicht noch Eins vollbracht.
42
Geh hin, wo tief, im dunkeln Schooß der Erde,
43
Der finstre Hades wohnt, in nie erhellter Nacht.
44
Und wenn du dann des Styr Gewässer überschritten,
45
Wenn du den Cerberus in Schlummer eingesenkt,
46
Befehl' ich dir, Persefone zu bitten,
47
Daß sie ein Teilchen mir von ihren Reizen schenkt.
48
Schwer ist die That, doch hast du sie vollzogen,
49
Ich schwör' es bey den heil'gen Wogen
50
Des Tartarus, dann sey mein Zorn gedämpft!
51
Dann hast du meine Gunst und meinen Sohn erkämpft.
52
Dem Wandrer gleich, der in der Wüste Sande
53
Von Durst zu Boden fast gedrückt,
54
Jetzt an des Horizontes Rande
55
Ein schimmerndes Gedüft, dem Wasser gleich, erblickt,
56
Entzückt dem Scheine folgt, der immer mehr entschwindet,
57
Und ach! zuletzt nur Nebelstreifen findet,
58
Ihm gleich verzweifelte jetzt Psychens armes Herz.
59
Getäuschter Hoffnung herbe Qualen
60
Sind bitterer, als hoffnungsloser Schmerz.
61
Erträumtes Glück ist nie mit Golde zu bezahlen,
62
Mit keinem Königreich, nicht mit der ganzen Welt.
63
Wo ist der Fürst, dem nie der Schmerz den Busen schwellt?
64
Allein der Hoffnung Traum, er gleicht den heitern Strahlen
65
Des Diamant's, den nie der kleinste Fleck entstellt.
66
Dem Maler gleich, der aus verschiednen Auen
67
Die schönsten Theile wählt; dort einen stillen Hain,
68
Hier einen See und dort umranketes Gestein,
69
Dort ein Gebirg, um das der Wolken Nebel grauen,
70
Und so der Landschaft reizend Bild
71
Mit allem, was sein Blick nur Schönes sah, erfüllt:
72
So sucht die Hoffnung auch zu ihren Schildereyen
73
Die schönsten Farben nur hervor,
74
Und alle Gruppen, die das holde Bild entweihen,
75
Verhüllt sie uns mit ihrem Zauberflor.
76
Was glich dem Schmerze nur, der Psychens Brust durchbebte,
77
Als jetzt der milde Schleyer schwand,
78
Und, statt der grünen Flur, sie öden tiefen Sand
79
Und wildes Moor, um das ein gift'ger Nebel schwebte,
80
Statt klarer Silberquellen fand.
81
Wie fern war noch das Ziel, zu dem sie sehnend strebte,
82
Wie rauh die Wüste nicht, durch die der Pfad sich wand!
83
Ach, durch der Schatten düstres Land
84
Ging jetzt der Weg zu ihrem Glücke!
85
Und welches Gottes starke Hand
86
Führt sie aus jener Kluft zurücke,
87
Die von des Tages Licht auf ewig uns verbannt?
88
Doch warum zögr' ich noch? Was frommt das öde Leben?
89
So ruft Psycharion. Im Tode flieht das Leid;
90
Wo keine Sorgen mehr den Busen stürmisch heben;
91
Da nur ist Ruh, da nur ist Seligkeit!
92
Hinab, hinab, die Palme zu erstreben,
93
Die mir nach bangem Kampf die süße Ruhe beut!
94
So ruft sie aus und eilt durch Wald und Thal zum Strande.
95
Dort steht ein Kahn, das Segel hoch geschwellt,
96
Sie tritt hinein, und rasch vom Ufer fort geschnellt,
97
Entflieht er pfeilgeschwind dem Lande.
121
In eine Felsenbucht, vom hohen Wald umsäuselt,
122
Wo außerhalb das Meer sich thürmt, hoch am Gestein,
123
Doch innen friedlich sich die stille Welle kräuselt,
124
Führt jetzt der Kahn Psycharion hinein.
125
Sie steigt an's Land. Ein dunkler Fichtenhain
126
Empfängt gastfreundlich sie in seine kühlen Schatten,
127
Und sanftes Moos, vom klaren Quell erfrischt,
128
Mit Majoran und Weilchen untermischt,
129
Schenkt die gesehnte Ruh der Matten.
130
Ein süßer Schlaf, aus gold'nen Höhn gesandt,
131
Senkt sich, mit freundlichem Gefieder
132
Auf ihre müden Augenlider
133
Und leitet ihren Geist in holder Träume Land.
134
Sie wähnt, es steh', umhüllt von bunten Regenbogen,
135
Der Liebe Gott vor ihrem Blick.
136
Voll Scham und süßer Angst bebt sie erstaunt zurück,
137
Doch, mächtig von ihm angezogen,
138
Naht sie sich wiederum. Sein Blick ist sanft und mild,
139
Kein Vorwurf schaut aus seinen Zügen;
140
Nur zarte Schwermuthswölkchen fliegen
141
Um seine Stirn. Mit Thränen füllt
142
Sein Auge sich, als er die Hold' erblicket.
143
Psycharion, so ruft er wehmuthsvoll,
144
Unglückliche, erkennst du mich noch wohl?
145
Er ist dahin, mein Traum, der einst mein Herz beglücket,
146
Schon lange blüht die Freude mir nicht mehr;
147
Und ach, doch fällt es stets so schwer,
148
Dem zu entfliehn, was einst das Herz entzücket!
149
Rauh ist der Prüfung Pfad, zu der dich Cypris schicket,
150
Drum komm' ich dir zu helfen her.
151
Nimm diesen Ring. Mit zaubrischem Gesange
152
Hat Hekate ihn einst geweiht,
153
Und jeder Sterbliche ist unsichtbar, so lange
154
Er ihn am Finger hegt mit strenger Sorgsamkeit.
155
Nimm ihn und geh, das Große zu vollführen,
156
Und wohl uns, wenn dein Flehn den untern Zeus bewegt;
157
Dann kann ich, holde Braut, dich nimmer mehr verlieren;
158
Dann fesselt ewig uns der holden Liebe Band.
159
So rief der Liebesgott und schwand.
160
Dem Wanderer, dem auf verirrten Wegen,
161
Wenn über ihm ein wilder Sturm erwacht,
162
Am Horizont ein blaues Wölkchen lacht,
163
Das ihn schon fröhlich hoffen macht,
164
Das Wetter werde bald sich legen,
165
Doch schnell entschwindet es, und fürchterlicher kracht
166
Des Donners Wuth mit zehnfach stärkern Schlägen,
167
Und schmetternd rauscht der winterliche Regen
168
Herab durch die gespensterschwangre Nacht,
169
Ihm glich Psycharion, als sie vom Schlaf erwacht.
170
So hat mich nur ein süßer Wahn betrogen?
171
Rief sie bekümmert aus, als sie allein sich fand.
172
Ach wallt' ich ewig doch an holder Träume Hand!
173
Des Lebens Aether ist mit Wolken stets umzogen,
174
Und nur im Traume blüht der Wonne Vaterland.
175
Sie senkt den trüben Blick; doch schnell mit neuem Leben
176
Schaut sie empor, sie glaubt ihr Auge trügt,
177
Denn sieh, an ihren Finger schmiegt
178
Das gold'ne Kleinod sich, das Amor ihr gegeben.
179
O Wonne! ruft sie aus, so war es denn kein Wahn?
180
So ist mein Bild noch nicht aus seiner Brust entschwunden?
181
Er liebt mich noch? O seligste der Stunden!
182
Jetzt wandl' ich ruhig fort die fürchterliche Bahn.
183
Bald werd' ich schön verklärt an seiner Seite schweben,
184
Bald froh mit ihm der Götterwelt mich nahn.
185
Euch Schatten segn' ich jetzt, die bald mich trüb' umfahn,
186
Denn aus des Todes Schooß entkeimt mein schönres Leben.
187
So ruft sie aus, und wandelt kühn
188
Den unbetretnen Pfad. Bald hemmet eine Klippe,
189
Bald eines Stromes Lauf, bald dornigtes Gestrippe
190
Die matten Füße, bald umziehn
191
Die öden Felder steile Höhen;
192
Nichts schreckt sie ab. Doch jetzt entschwindet alles Grün
193
Der durst'gen Au; nichts ist als Sand zu sehen,
194
Und schwüle, gift'ge Lüfte wehen
195
Verderben auf die Flur. Die Haine stehn verbrannt,
196
Fremd scheint der Himmel hier, roth glimmt der Sonne Feuer
197
Und Acherons umschilfter Weiher
198
Wirft seine schwarze Fluth lauttönend an den Strand.
199
Am Bord des Sees erhebt hochauf in finstre Lüfte
200
Ein kahler Fels sein ungeheures Haupt.
201
Kein Eppig, keine Rank' umlaubt
202
Mit kargem Schmuck den Schlund der schaudervollen Klüfte,
203
Die gähnend ihn umziehn. Dem Land des Todes nah,
204
Scheint ihm das Leben fremd. In eine hohe Pforte,
205
Von ew'ger Nacht bewohnt, stürzt sich des Sees Fluth
206
Hinab zu jenem dunklen Orte,
207
Wo alle Freude schweigt und aller Kummer ruht.
208
Psycharion betritt mit fürchterlichem Zagen
209
Den schmalen Pfad, an dem der Strom sich nieder rollt.
210
So soll sie jetzt dem süßen Licht entsagen?
211
Zwar viel hat sie im Leben schon ertragen,
212
Und ach, doch lächelt ihr das Leben noch so hold!
213
Doch nur getrost! Was sollte der nicht wagen,
214
Der nichts mehr zu verlieren hat?
215
Hinab, hinab den fürchterlichen Pfad!
216
Giebt Amor dir nicht freundlich das Geleite?
217
Schwebt Lieb' und Hoffnung dir nicht lächelnd an der Seite?
218
Reißt deine Sehnsucht dich nicht hin zur raschen That?
219
Der Kämpfer strebt nach Sieg und Ruhm im Streite,
220
Doch nie ward Sieg und Ruhm noch ohne Schweiß erreicht;
221
Doch wenn der Liebe Hand das Schwert des Helden weihte,
222
Wie wird ihm dann der Sieg und wie der Tod nicht leicht?
223
Die Liebe überschifft des Meeres tiefe Gründe,
224
Die Liebe trotzt der Elemente Macht,
225
Sie kämpft und siegt in wilder Männerschlacht,
226
Sie bahnt sich einen Weg durch nie betretne Schlünde,
227
Und taucht sich froh in's enge Reich der Nacht.
228
So ruft sie aus, und geht, halb muthig, halb mit Zittern,
229
Dem Strome nach, der gleich entfernten Ungewittern
230
Dumpfmurmelnd braust und lacht. Ein jeder leise Tritt
231
Scheint den benetzten Grund elektrisch zu erschüttern,
232
Und ringsum bebt die Fluth, die Wände beben mit.
233
Umhüllt von dicht gewebten Schatten,
234
Hört sie nur noch der Wogen dumpf Gebraus.
235
Doch plötzlich dehnet sich ein weiter Himmel aus,
236
An dem sich Nacht und Tag, in sich verfließend, gatten.
237
Ein Dunkel herrschet hier, kein Licht.
238
Der schauerlichen Dämmrung Schleyer
239
Durchglimmert ein bewegtes Feuer,
240
Dem es an Glanz und Helligkeit gebricht.
241
Psycharion erbebt. So bist du denn im Lande,
242
Das Keinem je die Wiederkehr vergönnt,
243
Wo der Vernichtung Hand des Lebens schönste Bande
244
Zerreißt und Herz vom Herzen trennt;
245
Wo ohne Gram und ohne Klage
246
In langen Schlaf der müde Pilger sinkt,
247
Indeß mit nassem Blick am düstern Sarkophage
248
Um den entflohnen Freund der Freund die Hände ringt.
249
So bist du denn in diesen öden Weiten,
250
Wo Schatten nur die Dämmerung durchgleiten,
251
Die einzig Lebende! Gedanke voller Graus!
252
Hier schlägt kein Herz dir liebevoll entgegen,
253
Die bleichen Wesen fliehn auf nachtumhüllten Wegen,
254
Und keines hält den Blick des Lebens aus.
255
So denket sie, und unbegränztes Bangen
256
Ergreift die Zögernde. Doch schnell ermannt sie sich,
257
Sie schreitet fort. Schon rennen fürchterlich
258
Mit blassen, eingefallnen Wangen,
259
Die faltenreiche Stirn umzischt von gelben Schlangen,
260
Und das zerstörte Kleid mit schwarzem Blut befleckt,
261
Die Furien heran. Rings grinsen Ungeheuer,
262
Und Natternbrut, im Orkus ausgeheckt,
263
Versperret jeden Pfad. Bewehrt mit regem Feuer,
264
Streift dort Chimera her und, tief im Sumpf versteckt,
265
Zischt Lerna's Drache dort, von jedem Fuß gemieden.
266
Harpyen flattern hier, dort grause Stymphaliden,
267
Dort ruht das Ungethüm, das Perseus hingestreckt.
268
Doch seht, schon naht sie sich den Wogen
269
Des schwarzen Styr. Der graue Fährmann weilt
270
Am Strand, auf's Ruder hingebogen,
271
Bis sich der Nachen füllt. Mit leisen Schritten eilt
272
Psycharion herzu und, jedem Blick verschleyert,
273
Betritt sie kühn das Schiff. Schon flieht das Land zurück,
274
Und langsam jetzt und schwer durchsteuert
275
Das morsche Boot die Fluth. Noch einen nassen Blick
276
Wirft Psyche wehmuthsvoll zum fliehnden Uferrande,
277
Und schauet stumm und starr dann auf die Fluth hinab.
278
Du siehst das Leben fliehn und eilest in dein Grab!
279
Raunt ihr die Furcht in's Ohr; doch schnell zum süßen Pfande,
280
Das Amor ihr geschenkt, blickt sie ermuntert hin,
281
Und Rosen blüh'n im düstern Schattenlande,
282
Und heitrer wird der tiefgebeugte Sinn.
283
Jetzt naht der Kahn des Orkus düsterm Strande,
284
Und leise, wie ein West um junge Blumen hüpft,
285
Die seinen Ruß kaum fühlen, schlüpft
286
Psycharion heraus. Mit grimmiger Gebehrde,
287
Das Schlangenhaar gesträubt, die Zähne scharf gewetzt,
288
Springt Cerberus hervor. Wild peitscht sein Schweif die Erde.
289
Die weiten Rachen sind mit schwarzem Blut benetzt.
290
Laut brüllt er auf. Beym schrecklichen Geheule
291
Erbebt der Grund, und lang' hallt Echo es zurück.
292
Psycharion erblaßt, sie wendet ihren Blick
293
Hinweg, und flieht in rascher Eile
294
Dem Ungethüm vorbey. Und sieh, aus Marmor hebt
295
Sich jetzt ein Dom hoch in die schwarzen Lüfte,
296
Von keiner Kunst geschmückt, von keinem Reiz belebt.
297
Einfach und groß, so wie Aegyptens Königsgrüfte,
298
Ragt er empor. Ein ew'ges Schweigen schwebt,
299
Die Flügel weit gespannt, um seine düstern Zinnen,
300
Und jeder Ton, der hier dem Mund entbebt,
301
Scheint lautlos und gedämpft zum Flüstern zu zerrinnen.
302
Zwey Sphynre sind dem Thor als Hüter zugesellt;
303
Sie ruhn bewegungslos; nur ihrer Augen Blitze
304
Sind ihres Lebens Pfand. Den Busen bang geschwellt,
305
Naht Psyche jetzt des Hades ödem Sitze.
306
Sie tritt hinein, und auf erhabnem Thron
307
Sitzt hier an seiner Gattin Seite
308
Der Gott, den nie der Schmerz, nie süße Lust erfreute,
309
Saturnus ew'ger ernster Sohn.
310
Wild ist des Gottes Blick. Auf seinen Augenbraunen
311
Ruht sinnend düstre Majestät.
312
Die Schöne beugt die Knie und dreht
313
Den Ring vom Finger ab und Staunen
314
Ergreift des Gottes Herz. Wer bist du, ruft er aus,
315
(und wie entfernter Donner tönet
316
Der Stimme Laut) die bis in Hades düstres Haus,
317
Zu dem noch niemals sich ein Sterblicher gesehnet,
318
Dich unsichtbar genaht? O Gott, Erhabner, spricht
319
Psycharion, nicht frevlendes Gelüste,
320
Nein, eine stärkre Macht und eine höh're Pflicht
321
Zwang mich herab zu des Kocytus Küste.
322
Drum zürne, Mächtiger, der armen Psyche nicht.
323
An deine Gattin hat Cythere mich gesendet.
324
O wenn dein Herz das süße Mitleid kennt,
325
So sprich ihr zu, daß sie zu reden mir vergönnt,
326
Daß sich ihr Blick nicht zornig von mir wendet,
327
Von mir, die Glück und Leben von ihr fleht!
328
So ruft sie zitternd aus, und geht
329
Gebeugt hinzu, und wirft sich nieder,
330
Küßt demuthsvoll des Herrschers hohen Thron,
331
Hebt schmachtend dann die holden Augen wieder,
332
Und flüstert, flehnden Blicks, mit sanftgedämpftem Ton:
333
Persephone, vom Schicksal herbeschieden,
334
Erschein' ich scheu vor dir mit demuthsvollem Blick.
335
In deiner Hand ruht meines Herzens Frieden,
336
Ruht mein Verderben und mein Glück.
337
Nicht wagt' ich es, vor deinen Thron zu treten,
338
Wenn höh're Macht mich nicht zum Orkus hergeschickt.
339
Darum erhöre mich! Mit schüchternen Gebeten
340
Liegt Amors Braut vor dir im Staube hergebückt.
341
Ach einst erblickt' ich schönre, beßre Tage,
342
Mit Rosen kränzte sie der Liebe Zauberhand;
343
Doch jetzt verdammt zum Gram, verdammt zu ew'ger Klage,
344
Such' ich nach Trost im düstern Schattenland.
345
Du kannst ihn mir verleihn! O rette, Göttin, wehre
346
Dem wilden Gram, der nie in meinem Busen schweigt.
347
Zwar Großes ist's, was ich von dir begehre,
348
Doch milden Herzen wird das größte Opfer leicht.
349
Von deinen Reizen wünscht Cythere
350
Ein Theilchen sich; wenn sie den Wunsch erreicht,
351
Dann ruh' ich froh, umfaßt vom Arm des holden Gatten.
352
Allein gewährst du mir die bange Bitte nicht,
353
Dann kehr' ich nimmer heim, im Reich der düstern Schatten
354
Bleib' ich zurück, auf ewig fern vom Licht.
355
O hast du je der Liebe Glück empfunden,
356
Hat je ihr süßer Hauch im Busen dir geweht,
357
Sind jemals dir die rosenfarb'nen Stunden
358
Schnell wie ein Morgentraum im süßen Rausch entschwunden,
359
So horche mild auf mein Gebet.
360
Und hast du je die Qual der Trennung fühlen müssen,
361
Hast du umsonst nach Rettung je gespäht,
362
Sind jemals unter süßen Küssen
363
Der Gatte, der Geliebte, dir entrissen,
364
So horche mild auf mein Gebet.
365
Bey Luna's gold'ner Flur, bey deiner Mutter Schmerzen,
366
Bey den Gespielen, die das Haar dir einst bekränzt,
367
Bey deinem Thron, bey deines Gatten Herzen,
368
Bey jenem Strome, der dein düstres Reich begränzt,
369
Beschwör' ich dich, erfülle mild mein Flehen!
370
Laß mich nicht rettungslos von deinen Füßen gehen!
391
So wie dem Schiffer ist, dem wilder Stürme Wehen
392
Den Kahn zerschmetterte, und der ein Brett erreicht,
393
Auf dem er hofft dem Tode zu entgehen;
394
Schon kann sein Blick das ferne Ufer sehen,
395
Schon naht er sich, doch plötzlich steigt
396
Ein Wogenberg empor; er kömmt mit Pfeilesschnelle;
397
Schon sieht der Zagende sich an des Todes Schwelle;
398
Verzweifelnd läßt er schon das Brett, das er umspannt;
399
Jetzt naht sie sich, sie packt ihn wild, die Welle;
400
Hoch hebt sie ihn empor und schleudert ihn an's – Land;
401
So war der Holden jetzt. Vergessen und vergeben
402
Ist alle Schuld. Im lichten Morgenglanz
403
Sieht sie die Zukunft jetzt vor ihren Blicken schweben.
404
Sie fühlt in ihrer Brust ein ätherreines Leben,
405
Und reizend winkt der Liebe Myrtenkranz.
406
Sie fühlt ihr Herz von Wehmuth überfließen,
407
Küßt sprachlos und gerührt Persephonens Gewand,
408
Wirft demuthsvoll dem Herrscher sich zu Füßen,
409
Und schnell enteilet sie dem düstern Schattenland.
410
Doch wer beschreibt der Seligen Entzücken,
411
Als ihr zuerst das Licht der Sonne wieder strahlt!
412
Sie irrt umher mit trunknen Blicken,
413
Und alles scheint ihr neu. Mit reinerm Purpur malt
414
Die Rose sich, gelinder wehn die Weste,
415
Mit frischerm Laub kränzt sich der grüne Hain,
416
Ein weichrer Teppich scheint die Quellen zu umziehn,
417
Und ringsum die Natur, wie aufgeschmückt zum Feste,
418
In schönrer Lebenskraft zu blühn.
419
Sie lagert sich in dunkle Schatten,
420
Und athmet tief mit süßer Lust
421
Der Lüfte milden Hauch in ihre warme Brust.
422
Sie denkt an's Wiedersehn, denkt an den holden Gatten.
423
Allein ein Zweifel zuckt ihr plötzlich durch den Sinn.
424
Wird Amor immer auch mir seine Liebe schenken,
425
Mir, die ich nur ein Erden-Mädchen bin?
426
Ach könnt' er noch einmal durch seine Flucht mich kränken,
427
Ich trüg' es nicht; dem Tode sänk' ich hin.
428
Wie schwach ist doch mein Reiz, mit jenem Reiz verglichen,
429
Der eine Ewigkeit aus Götterwangen blüht!
430
Bald ist das Braun des weichen Haars verblichen,
431
Bald hat dies Auge ausgeglüht;
432
Doch jene strahlen fort in immer frischem Glanze,
433
Umwunden von der ew'gen Jugend Kranze,
434
Ist keine, die den Schnee des fernen Alters sieht.
435
Doch wie? hab' ich den Balsam nicht in Händen,
436
Der ewig jung und ewig reizend schafft?
437
Ein Tröpfchen nur braucht' ich der Flasche zu entwenden,
438
Nie würd' ich alt und nie vom Tode hingerafft.
439
Doch hat Persephone es mir nicht streng verboten?
440
Droht mir ihr Fluch beym Ungehorsam nicht?
441
Ach, jene herrscht im fernen Reich der Todten.
442
Wer sieht's, wenn meine Hand das schwache Siegel bricht?
443
So schwankt sie zwischen Lieb' und Pflicht.
444
Doch ach! in solchem Kampf, wann siegt die Liebe nicht?
445
Sie zweifelt, bebt; doch schnell, mit festem Willen,
446
Bricht frevelnd sie das Siegel jetzt.
447
Ach schon bereut sie es, daß sie es kühn verletzt;
448
Die Flasche raucht, und schwarze Düfte füllen
449
Die reine Luft ringsum, sie hüllen
450
In gift'gen Dampf die arme Frevlerin;
451
Und ach! so nah dem schwererkämpften Ziele,
452
Sinkt Psyche, halb erstickt, im ängstenden Gefühle;
453
Bewußtlos auf den Boden hin.