O Hoffnung, holde Lügnerin

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Ernst Schulze: O Hoffnung, holde Lügnerin Titel entspricht 1. Vers(1803)

1
O Hoffnung, holde Lügnerin,
2
Wie groß ist deine Macht in unsern schwachen Herzen!
3
Bald schaffst du Lust, bald bittre Schmerzen,
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Und unwillkührlich giebt sich jeder Mensch dir hin.
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Wohl ihm, wenn deiner Morgenröthe
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Die Sonne, die ihr folgt, entspricht.
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Doch weh ihm, wenn dein holdes Licht
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Sich schnell verhüllt und durch die Blumenbeete
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Geträumter Seligkeit ein wilder Sturmwind bricht.
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Weh ihm, dann steht er ganz verlassen
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Von allem Glück, das ahnend seine Brust
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Geschwellt, und ach, die bange Lust
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Der Hoffnung selbst, muß er dann zürnend hassen!
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Die süßen Träume fliehn, an die er sonst geglaubt;
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Ein Hafen nur steht noch dem Müden offen,
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Der letzte, bittre Trost, zu hoffen,
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Daß bald der Tod ihm Qual und Freude raubt.

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Auch Psychen täuschten die Gebilde,
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Die ihr mit so viel Reiz die Hoffnung vorgemalt.
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Schon glaubte sie in Paphos Lustgefilde
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Im Arm des Gatten sich, vom Glanz der Lieb' umstrahlt,
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Als sie so plötzlich jetzt aus ihres Himmels Freuden
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Zur Erde niedersank. »Ist das die Zauberin,
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Die Amorn um Verstand und Sinn
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Gebracht? Nun, sein Geschmack ist wahrlich zu beneiden,
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Ruft Cypris aus. Welch ein unschuldiges Gesicht!
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Man möchte wahrlich doch fast glauben,
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Daß es ihr an Verstand, verliebt zu thun, gebricht.
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Und solch ein blödes Kind soll meinen Sohn mir rauben?

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Wie konnte Cypris Sohn wohl so geschmacklos seyn,
31
Sich solch ein Mädchen zu erlesen?
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Mein gutes Kind, man kann nicht ewig sich erfreun;
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Du bist jetzt Göttin lange gnug gewesen,
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Jetzt kannst du auch einmal wohl meine Sklavin seyn

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Mit sanften, demuthsvollen Mienen
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Und thränenschweren Blicken spricht
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Psycharion: O Göttin, kranke nicht
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Mein armes Herz so sehr; ich will dir ewig dienen.
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Gehorsam sey jetzt meine Pflicht.
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Befiehl das Schwerste mir, ich will es gern verrichten.
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Und wenn's an Kraft dem schwachen Arm gebricht,
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Mag dann dein Zorn mich ganz vernichten;
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Allein, mein Herz, o Göttin, kränk' es nicht.

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Nun wohl, sprach Cypria mit schadenfrohen Blicken,
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Siehst du die Kränze dort, die meines Tempels Wand,
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In schöne Reihn geordnet, schmücken?
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Nur einen hat die Sonnengluth verbrannt;
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Verwelkt senkt er das Laub, das schwache Weste pflücken.
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Nimm diesen Kranz und geh in jenen dunkeln Wald,
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Wo nie der Sonne Licht erwärmend niederschaute;
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Die finstre Zweifelsucht erbaute
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Dort einen Tempel sich mit trauriger Gewalt.
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Umkränz' ihr Bild und ihre Weihaltäre.
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Zwar schmückt den Kranz kein frisches Grün,
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Allein, was ist's, das dir nicht möglich wäre,
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Da Götter selbst vor deinen Reizen knien?
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Durch deine Zauberkunst muß dieser Kranz entblühn;
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Wo nicht, so fürchte mich und meines Zornes Schwere.
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Nicht biegsam wahrlich ist, wenn man sie reizt, Cythere,
60
Nicht leicht wirst du der Mächtigen entsliehn.«

61
Psycharion erschrickt. Sie sinket fast zurücke;
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Ihr Aug' umhüllet düstre Nacht.
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Mit welcher schadenfrohen Tücke
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War der Befehl nicht ausgedacht!
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Er heischt, daß sie das Ungeheuer schmücke,
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Das von dem höchsten Erdenglücke
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In's tiefste Elend sie gebracht.
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Weh dir, Psycharion, kannst du es wagen?
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Nahst du noch einmal dich der wilden Herrscherin?
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Wirst du den grausen Anblick tragen?
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Sinkst du nicht regungslos zu ihren Füßen hin?
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Ach, wer wird hülfreich dann an deiner Seite stehen?
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Wer läßt den Kranz entblüh'n mit zauberischer Hand?
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Umsonst suchst du der Rache zu entgehen;
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Im Tode nur winkt dir der Ruhe Land.

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So denkt Psycharion und eilet,
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Dem Leben zu entfliehn, hin zu des Meeres Strand;
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Doch eine leise Ahnung weilet
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Den raschen Fuß. Vielleicht wird deinem Flehn
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Sein gütig Ohr ein mildes Wesen neigen,
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Und wenn dann Glaub' und Hoffnung schweigen,
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Dann wird es von des Himmels Höhn
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Erbarmend zu dir niedersteigen,
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Und Muth und Zauberkraft in deine Seele wehn.
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Ermanne dich, mein Herz; die Göttlichen verlassen
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Die Liebe nie, der Gram und Kummer dräut;
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Sie müßten ja ihr eignes Wesen hassen,
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Denn nichts sind sie als Lieb' und Zärtlichkeit.

89
So ruft sie aus und geht mit festem Schritte
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Dem fürchterlichen Walde zu.
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Rings herrschte todte Grabesruh;
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Dumpf bebt der Grund zurück bey jedem ihrer Tritte.
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Es traurt der öde Wald; der Blätter welke Last
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Hängt winterlich um den zernagten Ast,
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Von keinem West erfrischt, von keinem Thau gekühlet.
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Kein froher Vögelschwarm durchspielet
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Die Zweige; Fledermäuse nur
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Und scheue, unglückschwangre Eulen
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Durchrauschen das Gebüsch. Rings tönt der Wölfe Heulen,
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Und gelbes Gift befleckt der Drachen öde Spur.
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In grausiger Gestalt durchstreifen Schreckfantome
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Die falbe Dämmerung, bald hoch emporgedrängt,
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Bald wieder tief zu Boden hingesenkt.
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In einem halbzerfallnen Dome,
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Von giftgen Pflanzen rings umrankt,
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Hebt sich der Göttin Bild. Die bange Psyche wankt,
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Als sie der Grausen naht. Du, die mein Glück zerstöret,
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Ruft sie mit leisem Ton, nimm dieses Opfer hin,
109
Und wenn dein Ohr das Flehn der Unschuld höret,
110
So mildre deinen Zorn, du wilde Herrscherin.
111
So steht sie und mit bangen Händen
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Naht sie dem Bilde sich; doch wie sie es berührt,
113
Fährt sie zurück, laut schreiend, und verliert
114
Den Kranz aus ihrer Hand. Ich muß es doch vollenden,
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So ruft sie zitternd aus, das kühne Wagestück,
116
Und naht zum zweyten Mal, mit abgewandtem Blick.
117
Von höherm Muth fühlt sie ihr Herz durchdrungen;
118
Schon ist der Kranz um den Altar geschlungen,
119
Und im erzwungnen Schmuck hohnlächelnd prangt das Bild.

120
Jetzt sinkt sie auf die Knie und fleht mit leisen Tönen:
121
O ihr, auf deren Wink die Fluren sich verschönen,
122
Du, Ceres, deren Hand die gold'ne Frucht entquillt,
123
Und du, o Flora, die du mild
124
Die Flur mit Blumen schmückst, Göttinnen, o erfüllt
125
Der Flehenden Gebet! Laßt euren Segen fließen
126
Aus diesen welken Kranz, schmückt ihn mit neuem Grün!
127
Laßt frische Blumen ihm entsprießen,
128
Und in der ersten Pracht ihn schön und herrlich blühn!

129
So betet sie; und horch! mit wundersüßem Klange
130
Hört sanfte Töne sie der stillen Luft entwehn,
131
Und mit sanfttröstendem Gesange
132
Schwebt eine Stimm' herab aus gold'nen Wolkenhöhn:

133
Kein Rosenstrauch wird ohne Dorn gefunden;
134
In ew'ger Ruh liegt keine Seligkeit.
135
Zwiefach erduldet der, der sich vor Unglück scheut;
136
Wer muthig widersteht, der hat es überwunden.

137
So sprach die Stimm' und schwieg. Ein leises Wehen fliegt
138
An Psychens Ohr. Sie blickt dem Ton entgegen,
139
Und sieh, ein Täubchen schwingt mit raschen Flügelschlägen
140
Leicht flatternd sich herab. In seinem Schnabel liegt
141
Ein Rosenblatt, mit Ichor angefüllet,
142
Mit jenem Balsam, der aus Götterwunden quillet,
143
Und alles, was er trifft, mit neuer Kraft belebt.
144
Drey Mal, mit leisem Fittig, schwebt
145
Um Psychens Haupt sie her, und gießet
146
Dann auf den welken Kranz den wunderbaren Saft.
147
Und welch ein Wunder! Plötzlich fließet
148
Durch das verdorrte Grün des Frühlings junge Kraft.
149
Dort keimt der Nelke Pracht; dort sprießen Amaranthen,
150
Hier frische Rosen auf; das blaue Veilchen hebt
151
Sich schüchtern und versteckt, doch prangend aufwärts strebt
152
Der Tulipanen Kelch; Heliotrope wandten
153
Zum Sonnenstrahl ihr duftend Haupt empor.
154
Hier blühten Lilien und würzige Jasminen,
155
Dort hauchten süße Balsaminen
156
Aus dem prunklosen Strauch den schönsten Duft hervor.
157
Psycharion bemerkt mit wonnevollem Zagen
158
Das frohe Wunder; sprachlos biegt
159
Den Göttern sie die Knie, und fliegt,
160
Cytheren des Gebets Erfüllung anzusagen.

161
Schon aus der Ferne ruft mit schadenfrohem Blick
162
Ihr Cypris zu: Ist sie geschehen,
163
Die That? Nicht wahr? Du kehrst als Siegerin zurück?
164
Zu leicht war mein Befehl! »Mein kindlich frommes Flehen
165
Erhörte mild ein Gott; die Schuld ist mir verziehn.
166
Die Göttin steht geschmückt, des Kranzes Blumen blühn,«
167
Spricht Psyche demuthsvoll und beugt sich bis zur Erde.
168
In Cypris feindlicher Gebehrde
169
Versteckt sich kaum der Zorn; doch bald erhält die List
170
Die Ueberhand. »Wenn du so mächtig bist,
171
Daß, dir zu helfen, selbst die Götter sich bemühen,
172
So hab' ich noch ein Werk für dich.
173
Siehst du den Felsen dort, um dessen Gipfel sich
174
Der Wolken graue Nebel ziehen?
175
Zwar ist er nie erklimmt, doch leicht wird ja ein Gott
176
Voll Mitleid zu dir niederschweben,
177
Und zu dem Gipfel dich auf seinen Flügeln heben;«
178
So ruft ihr Cypris zu mit Blicken voller Spott.
179
Durch wildbewachs'ne Klippen fließet
180
Dort in der Höh des ew'gen Lebens Fluth,
181
Die frische Lebenskraft und neu beseelten Muth
182
In den verstorb'nen Busen gießet.
183
Nimm dieß Gefäß und füll' es mit dem Trank,
184
Doch hüte dich, daß deine Lippen
185
Nicht kühn aus jener Quelle nippen,
186
Die nicht für Sterbliche, für Götter nur entsprang.
187
Nun geh, und kannst du dies vollenden,
188
So sey befreyt, und nimm Cytherens Dank.
189
So wie dem Sklaven ist, der, von Korsaren Händen
190
Gefesselt an die Ruderbank,
191
Schon manches Jahr sich härmt und, tief in Schmerz versunken,
192
Umsonst um Tod zum Himmel fleht,
193
So wie ihm ist, wenn er ein heimisch Schiff erspäht,
194
Und dann der Kräfte letzten Funken
195
Versammelt, um dem Bord durch raschen Ruderschlag,
196
Dem freundlichen, zu nahn, so ward auch unsrer Schönen;
197
Sie trocknete des Schmerzes Thränen
198
Von ihren Wangen ab, und flog dem Wege nach,
199
Der zu des Felsens Fuß sie führte.
200
Sie nahte sich. Vergebens spürte
201
Ihr Blick nach einem Pfad. Rings starren rauh und wild
202
Zerstreute Klippenreihn, geschützt durch grause Klüfte,
203
Die ew'ge Nacht in ihren Schleyer hüllt.
204
Gigantisch hebt der Fels in graue Nebeldüfte
205
Sein kahles Haupt; kein Falke schwingt
206
So hoch sich auf. Das schärfste Auge dringt
207
Mit Mühe nur zu der beschneyten Spitze.
208
Den todten Grund umpanzert ew'ges Eis.
209
Hier grünt kein Baum; kein blühend Reis
210
Schmückt karg die schroffe Wand. Aus jeder Felsenritze
211
Zischt eine Schlang' empor, und Drachen, braun gefleckt,
212
Und Vipern, im Gestein versteckt,
213
Bedroh'n die Schaudernde. Mit wundgeritzten Händen
214
Klimmt sie an den zerspaltnen Wänden
215
Voll Todesangst empor. Ihr Götter, hört ihr nicht
216
Die Flehende? Ist dein Gericht
217
So streng, du milder Gott? Willst du nicht Hülfe senden
218
Der einstgeliebten Braut? Umsonst; kein Trost erscheint,
219
Die Thränen, die die Arme weint,
220
Gerinnen schnell zu Eis. Erbarmungslose Lüfte
221
Verwehn der Seufzer klagend Ach!
222
Und schwach nur hallt die Nacht der bodenlosen Klüfte
223
Der Armen laute Klagen nach,
224
Und höher klimmt sie auf. Durch starre Eisgefilde,
225
Die nie der Sonne warme Milde
226
Zersprengte, führt der Weg. Die letzte Kraft entflieht
227
Der Matten jetzt. Ach, wenn sie aufwärts sieht,
228
Wie weit ist noch das Ziel! und wenn sie niederblicket,
229
Welch einen kurzen Raum ist sie erst fortgerücket!
230
Es ist vorbey! ruft sie verzweifelnd; ihr entflieht,
231
Der Hoffnung rosenfarb'ne Träume!
232
Sie sind verwelkt, des Lebens schönste Keime!
233
Es ist vorbey, und wüthend winkt der Tod.
234
So ruft sie aus, und sinkt auf's starre Eis hernieder;
235
Sie schließt die Augen. O entflieh,
236
Du schöne Seele, nicht so früh
237
Der armen Welt! Umsonst! Doch sieh,
238
Dort schwingt mit schattendem Gefieder
239
Der Vogel Jupiters sich auf die Erde nieder.
240
Er nimmt den Kelch aus Psychens Hand,
241
Und schwingt sich auf in finstre Wolkenhöhen.
242
Das Auge sieht ihn nicht, das Ohr nur hört das Wehen
243
Des raschen Flugs. Doch sieh, aus fernem Wolkenland
244
Kehrt er zurück; der Becher ist gefüllet.
245
In silberhellen Perlen quillet
246
Der Geist am Rand empor. Der rasche Adler schwingt
247
Zum Orte sich, wo Psychens Glieder
248
Am Boden leblos ruhn. Ein kleines Tröpfchen sinkt
249
Aus dem Pokal auf ihren Mund hernieder,
250
Und der Viole gleich, die bey des Tages Licht
251
Den festverschloßnen Kelch zur Erde traurend senket,
252
Doch, wenn der Dämmrung Thau die matten Fluren tränket,
253
Die Knospe aus einander bricht,
254
Und durch die stille Nacht verstohlne Düfte hauchet,
255
So blüht auf Psychens Angesicht
256
Das Leben wieder auf. In sanftes Roth getauchet
257
Ist Wang' und Mund; der Lippen Purpur bebt,
258
Und leis' und lieblich wallend hebt
259
Die zarte Brust sich athmend wieder.
260
Es schließen sich die Augenlieder
261
Zum Leben staunend auf. O süßer Augenblick!
262
Die düstern Leiden sind entschwunden,
263
Geheilt des Herzens tiefe Wunden;
264
Ein neues Wesen, kehrt in's Leben sie zurück.
265
Die Hoffnung bietet ihr ein nie getrübtes Glück.
266
Mit Rosen scheint die Zukunft ihr umwunden,
267
Versöhnt das feindliche Geschick.
268
Sie nimmt den Kelch und eilt mit schnellen Füßen
269
Den Pfad zurück. Kein Drache schreckt sie mehr;
270
Entflohn ist Schnee und Eis; am ebnen Wege sprießen
271
Die schönsten Blumen auf, und alles grünt umher.

272
Wie einem Täubchen ist, das arglos in die Schlingen
273
Des schlauen Tägers siel, und jetzt von Angst durchbebt
274
Die Netze zu durchbrechen strebt,
275
Indeß mit Tönen, die das Herz ihr tief durchdringen,
276
Der nahe Tauber lockt; so wie der Armen ist,
277
Wenn eine Masche reißt, durch die sie froh entschlüpfet,
278
Und auf den sichern Ast zu dem Geliebten hüpfet,
279
Und dort mit ihm vereint der kurzen Angst vergißt,
280
So war auch Psychen jetzt. Sie sollt' ihn wiederfinden,
281
Den holden Gott, zu dem ihr Herz sich sehnt!
282
Betrogne, die das Wort Cytherens redlich wähnt!
283
Ein Schwur ist nur ein Hauch, entführt von raschen Winden.
284
Gekränkter Weiberstolz wird nicht so leicht versöhnt.

285
Von fern erblickte jetzt Cythere
286
Die Eilende. Sie sieht den Kelch gefüllt.
287
Ihr Auge rollt, und eine Zähre
288
Des Zorns und nicht des Mitleids quillt
289
Aus ihrem Aug'. Ihr Götter ruft sie wild,
290
Soll diese Sterbliche die Göttin stets besiegen?
291
Soll Paphos Herrscherin sich ohne Rache sehn?
292
Sie senkt den Blick. In ihren Zügen
293
Malt sich der bittre Groll. Doch wie, wenn Windeswehn
294
Des grauen Nebels düstre Wogen,
295
Die des Gebirges Haupt mit dunklem Flor umzogen,
296
Im raschen Fluge scheucht, die waldbekränzten Höhn
297
In bunter Pracht mit Grün bekleidet stehn,
298
So wandeln schnell in Cypris Blicken
299
Des Zornes Gluthen sich in feindliches Entzücken.
300
Ich bin gerächt! ruft sie mit wildem Ton.
301
Verwegne, buhle jetzt nicht mehr um Cypris Sohn.
302
Noch eine That will ich dir übergeben.
303
Allein wirst du auch jetzt das ferne Ziel erstreben,
304
Erweichst du Hades harten Sinn
305
Dann kämpf' ich länger nicht; nimm den Geliebten hin;
306
Dann muß ein Gott in deinem Busen leben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Schulze
(17891817)

* 22.03.1789 in Celle, † 29.06.1817 in Celle

männlich, geb. Schulze

deutscher Dichter der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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