Der Morgen kam, die leichtbeschwingten Stunden

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Ernst Schulze: Der Morgen kam, die leichtbeschwingten Stunden Titel entspricht 1. Vers(1803)

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Der Morgen kam, die leichtbeschwingten Stunden
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Eröffneten Aurora's gold'nes Thor,
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Und rings entschwand der Dämm'rung düstrer Flor.
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Psycharion, des Schlummers Arm entwunden,
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Sah hocherröthend rings umher,
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Den Gatten zu erspähn; doch ach, der Platz war leer,
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Wo er geruht. So ist er doch entschwunden?
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So seufzte sie betrübt, und ihres Gatten Wort
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Fiel drückend ihr auf's Herz. Doch tausend frohe Spiele
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Verscheuchten bald die düsteren Gefühle,
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Und jagten schnell den Gram aus ihrem Busen fort.

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Von Harfen und Flöten begleitet,
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Reizt bald ein lieblicher Chor
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Ihr fröhlich lauschendes Ohr.
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Im bunten Nachen gleitet
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Sie bald auf silberner Fluth,
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Wo Myrten und Rosenhecken
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Sie duftend vor der Gluth
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Der brennenden Sonne verstecken,
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Wo sanst, balsamisch und kühl
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Sich scherzende Zephyretten
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Auf ihrem Busen betten,
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Und rings im frohen Gewühl
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Sich Nymphen und Najaden
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Im klaren Gewässer baden.
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Bald tanzt ein fröhlicher Chor
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Von Faunen und muntern Mänaden
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Aus nahen Gesträuchen hervor.
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Sie wirbeln und drehen und winden
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Sich scherzend im schwebenden Reihn,
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Bis sie allmählig im Hain
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Und in die Grotten entschwinden.

33
So floh Psycharion der Tag.
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Als es nun kühler ward, und ringt die Schatten
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Der Haine sich verlängert hatten,
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Ging sie, im Traum versenkt, dem Lauf der Quelle nach.
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Erst blühten Wiesen rings, doch bald verlor der Bach
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In düstern Wäldern sich, die nie der Sonne Schimmer
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Mit heitrer Luft erhellt. Die Schöne tritt hinein.
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Bald hemmt umranketes Gestein
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Den wüsten Pfad, bald irrt durch öde Trümmer
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Der müde Fuß. Und sieh! es gähnet eine Kluft
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Sie plötzlich an, umgraut von dunklen Thränenweiden.
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Sie kehrt sich ab, den wilden Ort zu meiden;
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Doch ein geheimer Zauber ruft
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Sie unbezwinglich hin. Vergebens wehen
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Sanft warnend Stimmen aus der Luft
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Ihr zu: laß ab, hinein zu gehen!
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Mit eigner Hand störst du dein süßes Glück!
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Doch ach, umsonst! Ein feindliches Geschick
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Zwingt die Unglückliche; sie kann nicht widerstehen.

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Sie tritt hinein. Von düsterm Zwielicht war
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Die Grott' erfüllt. Es schwebten wunderbar
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Ringsum unkenntliche Gestalten,
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Die bald in Nebelhauch verwallten,
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Bald wieder aus dem trüben Duft
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Zu neu gebildeten Phantomen sich entfalten.
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Ein blasses Licht durchschimmerte die Luft,
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Das rastlos hier und dorthin irrte,
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Und wechselnd jeden Gegenstand
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In ein unkenntliches Gemisch dem Blick verwirrte.
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Im dunkeln Hintergrunde stand,
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Umkettet rings von bunten Schlangen,
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Ein weißgeformtes Marmorbild
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Mit ungewissem Blick und eingefallnen Wangen.
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Die Haare starrten fürchterlich
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Mit Nattern untermischt. In seinen Händen strahlte
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Ein glänzender Kristall, worin dem Blicke sich
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In steter Wechselung ein wildes Chaos malte,
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Wo Wahrheit dem Betrug, Betrug der Wahrheit glich
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Bald zeigte sich in holder Schöne
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Ein anmuthstrahlendes Gesicht
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Mit einer Glorie von sanftem Rosenlicht,
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Doch bald entfloh die milde Scene;
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Der holde Zauberglanz entschwand,
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Und schrecklich, hundertköpfig wand
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Ein Ungeheuer sich durch düstre, leere Räume.
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So kamen und entflohn, mit sich im ew'gen Streit,
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Die eitlen Phantasien, wie in der Dunkelheit
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Der Nacht das Volk der luft'gen Träume
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Die Sterblichen durch steten Wechsel neckt,
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Bald durch ein holdes Bild der Sehnsucht Gluth entzündet,
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Bald mit Phantomen sie und Feuerdrachen schreckt,
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Bis Beydes schnell in eitle Luft entschwindet.

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Die düstre Zweifelsucht, von Furien gezeugt,
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Sie war's, die diese Kluft zum Wohnsitz sich erkohren;
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Sie, deren giftgem Hauch der Scherz und Frohsinn weicht,
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Sie, welche Freuden, die das Glück uns kaum geboren,
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Mit ihren grausen Schwingen scheucht.
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Sie fürchteten die fernsten Nationen
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Und huldigten der Göttin Macht;
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Aus niedern Hütten ward und von erhab'nen Thronen
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Manch traurig Opfer ihr gebracht.
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Nicht Freuden schuf sie, nichts als Schmerzen,
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Denn jedem, der ihr nahte, ließ
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Sie in den Spiegel schaun, und mit verwelktem Herzen
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Kehrt' er zurück. Selbst dieses Paradies,
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Wo Amors mächt'ger Wink regierte,
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Blieb nicht von ihr verschont, denn von dem Unglücksort,
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Wohin einmal des Schicksals Macht sie führte,
101
Trieb sie kein Gott, selbst Zeus nicht fort.
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Zwar hatte Cypris Sohn mit tausend Amorinen
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Die Kluft umringt. Der Gott, dem süße Träume dienen,
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Und Himeros und Pothos wachten dort.
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Doch ach! wie konnten sie der Starken widerstehen,
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Die den Gebieter selbst der Götterwelt besiegt?
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Auch Psychen zwang ihr Wink, in den Krystall zu sehen,
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Und sanft in Träume eingewiegt,
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Erblickte sie sich ohne Schleyer
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Auf ihrem Bett; doch ach! an ihrer Seite liegt
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Ein fürchterliches Ungeheuer,
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So grausend, als es je der Menschen Furcht erfand.
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Des Löwen glich sein Haupt; mit Zähnen war der Rachen
114
Dreyfach verzäunt, und hinten wand
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In schnellen Kreisen sich der Schweif des größten Drachen.
116
Schon naht sein Schlund der holden Schläferin;
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Die Zunge lechzt, ihr Blut zu trinken;
118
Laut schreyet Psyche auf. Die starren Kniee sinken,
119
Und halb entseelt stürzt sie zu Boden hin.

120
Wie aufgeschreckt aus düstern Phantasien,
121
Fuhr endlich Psyche auf. Das gräßliche Gesicht
122
Schwebt noch vor ihrem Blick. Wohin soll ich entfliehen?
123
Ihr Götter, o verlaßt die arme Psyche nicht!
124
Ruft sie verzweiflungsvoll. Doch nach und nach verfliegen
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Des Traumes Bilder ihr, und vor der Grotte fand
126
Sie sich auf weichem Rasen liegen.
127
O welch ein Kummer übermannt
128
Die Arme jetzt! Von welchen gold'nen Höhen
129
War sie herabgestürzt! Ein wilder Streit entstand
130
In ihrer wunden Brust. Bald wehen
131
Mitleid'ge Genien ihr Hoffnungsbilder zu;
132
Doch ach, wie leerer Schaum vergehen
133
Sie bald. Unglückliche! so ruft sie, mußtest du
134
Deßhalb der Lieben Kreis, die jugendlichen Freuden,
135
Der Kindheit argwohnslose Ruh,
136
Der Aeltern süße Küsse meiden,
137
Um ohne Grab, von keinem Freund,
138
Von keinen blühenden Gespielinnen beweint,
139
So früh des Orkus Pfad zu gehen!
140
Doch warum folgtest du dem heuchlerischen Flehen,
141
Dem falschen Schein, der ach! so oft betrügt?
142
Unglückliche, du liebtest die Gefühle,
143
Womit ein loser Gott dein schwaches Herz besiegt.
144
Du freutest dich der süßen Liebesspiele,
145
Des holden Traums, der ach! so schnell verfliegt,
146
Und findest jetzt, beym traurigen Erwachen,
147
Den Tod in eines Unholds Rachen.

148
Doch nein, sie sind nicht wahr, die eitlen Luftgebilde;
149
Sie sind Betrug, von Furien erdacht.
150
Er, der in jener süßen Nacht
151
So zärtlich dich umfing, er, der so milde
152
So holde Worte sprach, er sollt' ein Unhold seyn?
153
So schlau kann sich die Tücke nicht verstecken;
154
Solch eine Gluth kein Ungeheuer wecken.
155
Frag' ich mein Herz, so spricht es zärtlich, Nein!

156
So dachte Psyche. Doch nicht lange
157
Blieb dieser süße Wahn. Gleich einer bösen Schlange,
158
Die, wenn wir schaudernd fliehn, sich schlau in's Gras verbirgt,
159
Und, wenn wir uns dem Untergange
160
Entflohn schon glauben, rasch hervorspringt und uns würgt,
161
So nahte, wenn sich kaum der wonnigliche Glaube
162
Von des Geliebten Treu' in ihren Busen schlich,
163
Des Traums Erinnerung der Seele fürchterlich,
164
Und gab das arme Herz dem düstern Gram zum Raube.
165
Nein! ruft sie rasch, und Muth durchzucket ihren Geist,
166
Ich kann ihn länger nicht ertragen,
167
Den Kampf von Lieb' und Haß, der meine Brust zerreißt.
168
Mit kühnen Händen will ich's wagen,
169
Die wilden Zweifel zu verjagen,
170
Und sterben oder glücklich seyn.

171
Entschlossen eilte sie, als schon des Mondes Schein
172
Am Horizont sich zeigte, durch den Hain
173
Zum Hochzeitlager und versteckte
174
Beym Bett ein Lämpchen, matt genährt;
175
Und kühn, mit einem Dolch bewehrt,
176
Bestieg sie jetzt die sanften Kissen.

177
Und der Geliebte kam. Mit zephyrleichten Füßen
178
Schlich er durch's Dämmerlicht der Nacht.
179
Er fragt mit leisem Ton, ob seine Psyche wacht,
180
Und eh sie reden kann, ist er schon liebetrunken
181
An ihren Busen hingesunken.

182
O süße Macht der Liebenswürdigkeit,
183
Der Huldgöttinnen schönste Gabe,
184
Durch welche Ninon noch, so nah dem späten Grabe,
185
Beglückter Liebe sich gefreut,
186
Mit welcher Macht gebietest du den Herzen!
187
Auch Psyche, bey dem süßen Scherzen
188
Der wonniglichen Zärtlichkeit,
189
Vergaß der Zweifel bange Schmerzen,
190
Und fast schon hatte sie's bereut,
191
Daß sie dem Argwohn Raum gegeben.
192
Doch als der Rausch der Wonne schwand,
193
Und ihr des Athems leises Beben
194
Des Gatten Schlaf verhieß, da fand
195
Des Zweifels düstrer Geist, den sie noch kaum verbannt,
196
In ihrem Busen neues Leben.
197
Halb zagend, halb entschlossen, wand
198
Sie sich aus des Geliebten Armen.
199
Ihr Schutzgeist ruft umsonst: Halt ein! o hab' Erbarmen
200
Mit deinem eignen Glück! Vergebens; ihre Hand
201
Hält schon die Lamp' empor, und von des Lichtes Strahlen
202
Wird rings die dunkle Grott' erfüllt.

203
Du Meister in der Kunst zu malen,
204
Du, dessen Blicken sich die Grazien enthüllt,
205
O Wieland, male jetzt des Liebesgottes Bild!
206
Ein Tröpfchen nur aus jener Feenquelle
207
Der zauberischen Phantasie,
208
Die mild dir die Natur zum Eigenthum verlieh,
209
Nur Einen Ton der süßen Harmonie,
210
Mit der dein Vers, gleich einer sanften Welle,
211
Die leise murmelnd durch das blüh'nde Ufer schlüpft,
212
Im grazienhaften Tanz dem Ohr vorüberhüpft,
213
Nur einen kleinen Theil von diesen Göttergaben
214
Verleihe mir zu Amors Bild.

215
Mein Blick wird hell; die Musen haben
216
Des Herzens heißen Wunsch erfüllt;
217
Der Vorhang reißt, der mir die Götterwelt verhüllt.
218
Ich sah ihn ruhn, nicht jenen losen Knaben,
219
Der seinen Muth so gern an fremden Leiden stillt,
220
Nein, einen Jüngling, hold und mild,
221
Antinous an Kraft und Ganymeden
222
An blüh'nden Reizen gleich, so daß in mancher Nacht
223
Die keusche Luna selbst, die Königin der Spröden,
224
Statt zu Endymion, zu ihm sich hingedacht,
225
Und oft die Küsse nun bereute,
226
Die sie dem ew'gen Schläfer weihte.
227
Wie reizend lag er da! Ein süßes Lächeln floß
228
Um seinen kleinen Mund. Der Wangen Reiz erhöhte
229
Aurorens milde Purpurröthe.
230
Ein weiches Goldgekräusel goß
231
In sanften Wellen sich auf seine Brust hernieder,
232
Und aus den zarten Schultern sproß
233
Ein sammt'nes farbiges Gefieder.
234
Rings schmiegte sich um seine holden Glieder
235
Ein unnennbarer Reiz, aus sanfter Schüchternheit
236
Und kühner Lust gewebt, woraus die Charitinnen
237
Der Liebesgöttin Gürtel spinnen.
238
Wie süß er schläft, wie sanft in sich hineingeschmiegt,
239
Als wär' er zauberisch vom Lied der Nachtigallen
240
In leisen Schlummer eingewiegt!
241
Wie klopft sein Herz! wie seine Pulse wallen,
242
Beschwingt vom schönsten Traum, der seine Stirn umfliegt!
243
Sieh her, Psycharion, ist das das Ungeheuer,
244
Das deine Phantasie so schrecklich dir gemalt?
245
Du schweigst erstaunt? In deinen Blicken strahlt
246
Der heißen Liebe zitternd Feuer.
247
Dein Aug' ist reuevoll zur Erde hingewandt.
248
Du bebst; es zittert in der Hand
249
Die Lampe dir mit Rosenöl getränket.
250
O stör' ihn nicht, den süßen Traum der Lust,
251
Der seinen Geist umschwebt! Umsonst; ein Tropfen senket
252
Sich brennend auf die zarte Brust,
253
Und er erwacht. –

254
Wie einem Menschen ist, den mit den schönsten Träumen
255
Ein Gott beschenkt, wo hold der Liebe Blick ihm lacht,
256
Wo rasch die Freuden fliehn und rascher wieder keimen,
257
Und nie das Uebermaaß die Lust ihn hassen macht,
258
Wie diesem ist, wenn er erwacht,
259
Und jetzt nun in die dürre Wüste
260
Der Wirklichkeit versetzt sich sieht,
261
So ward Psycharion. Der Genius entflieht,
262
Der sonst ihr äußres Glück durch innre Ruh versüßte,
263
Und wenn sie auch die That mit ihrem Leben büßte,
264
Nichts hält den Fliehenden zurück.
265
Mit trübem, kummerschweren Blick,
266
Nicht voll von Zorn, nein, voll von Zähren,
267
Sieht Cypris Sohn sie an. So muß ich dir entfliehn?
268
Ach, sollte denn das Glück nur wenig Stunden währen,
269
Das mir in deinem Arm Aeonen würdig schien?
270
O meine süße Braut! Betrogene Geliebte!
271
So lebe wohl! Das Schicksal ruft – ich muß –
272
So lebe wohl! Nimm diesen letzten Kuß,
273
Und hasse nie den, der dich nie betrübte.

274
So ruft er weinend aus, naht sich mit leisem Flug,
275
Küßt sie auf Stirn und Mund, und sieh, mit leisem Wehen
276
Naht' eine Wolke sich und trug
277
Den Gott empor zu lichten, gold'nen Höhen.

278
Als kaum der Liebesgott entschwand,
279
Verbargen jammervoll die Nymphen und Najaden
280
In düstre Klüfte sich. Hoch braust an den Gestaden
281
Der Bäche Fluth empor und überschwemmt das Land.
282
Schnell flieht der Vögel Chor die duftigen Gesträuche.
283
Es welkt der Wiesen frisches Grün,
284
Und Hain und Flur und Thal verblühn,
285
Und mit der Erde Schmuck entfliehn
286
Die Brüder Amors schnell in Cytheräens Reiche.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Schulze
(17891817)

* 22.03.1789 in Celle, † 29.06.1817 in Celle

männlich, geb. Schulze

deutscher Dichter der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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