Die Schöne übersah mit wonnevollen Blicke

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Ernst Schulze: Die Schöne übersah mit wonnevollen Blicke Titel entspricht 1. Vers(1803)

1
Die Schöne übersah mit wonnevollen Blicke
2
Das holde Thal, wohin die Macht
3
Des Gottes sie im schnellen Flug gebracht.
4
Wo bin ich? ruft sie voll Entzücken,
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Wer wohnt auf dieser Zauberflur?
6
Wer herrscht hier über die Natur,
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Mit Himmelsreiz dies Thal zu schmücken?
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Ist dies der Huldgöttinnen Thron?
9
Hat den Adonis einst Cythere hier gefunden?
10
Sind Lunen hier der Dämmrung holde Stunden
11
Einst mit Endymion im süßen Rausch entflohn?

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Und sanft und lieblich, gleich wie in Olympus Hallen
13
Der Grazien und Musen Lieder schallen,
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Entbebt den Aetherhöhn ein wonniglicher Ton:

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Kalter Reif umzog hier einst die Wälder;
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Ew'ger Schnee bedeckte rauh die Felder;
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Oed' und traurig war hier die Natur.
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Dir zu Lieb' ist Schnee und Eis entschwunden,
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Eine Gottheit, die du überwunden,
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Formte dir zur Wohnung diese Flur.

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So sprach die Stimm' und schwieg. Der zephyrleichte Wagen
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Ward itzt zu einem Schloß getragen,
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Das Kunst und Reichthum schwesterlich
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Zu einem wahren Göttersitze
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Geformt. Doch hoffet nicht, daß ich
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Hier die Gelegenheit benütze,
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Wie Scudery im Alarich,
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Ein Schloß euch zu erbaun, dem nie ein andres glich.
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Die Kunst der Perraults und Vitruve
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Ist meine Sache nicht. Darum zurück, damit
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Mir die Kritik nicht in die Ohren rufe:
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Steig nur, so hoch du kannst, und höher keinen Schritt.

33
Solch ein Pallast hier in des Waldes Mitte?
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Denkt Psyche und erstaunt. In diesem holden Thal
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Erwartete sie wohl nur eine Schäferhütte,
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Bey der ein klarer Wasserfall.
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Hernieder rieselte, wo die bemoosten Wände
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Des Weines grüne Reb' umwände,
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Und wo der müde Gast beym ländlich frohen Mahl
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Die Sitten Tempe's wiederfände.
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Doch zürnte Psyche nicht, betrogen sich zu sehn;
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Denn so getäuscht zu seyn, ist wahrlich immer schön.

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Indessen hoben unsichtbare Hände
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Vom Wagen sie, und sanft, von Zephyrs Arm umfaßt,
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Schwebt sie bey lieblichem Gesang in den Pallast:

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Komm herein in deines Schlosses Hallen,
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Komm herein, du süße Königin!
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Laß dir unsre Dienste wohlgefallen,
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Blicke mild auf unser Streben hin!
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Früh, wenn sich Apollons Rosse heben,
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Spät, wenn Hesperus die Flur bethaut,
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Ewig wollen wir dich treu umschweben,
53
Komm herein, des Gottes süße Braut!

54
Mit der Liebe sehnendem Verlangen
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Harret zärtlich der Geliebte dein.
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Komm herein, ihn wonnig zu umfangen,
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Seine holde Königin zu seyn.
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Hörst du nicht die Myrten-Kränze wehen?
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Hörst du nicht der Harfen süßen Laut?
60
Komm herein, die Feyer zu begehen!
61
Komm herein, des Gottes süße Braut!

62
So sang's. Und Harfentön' und Flöten um die Wette
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Begleiteten das wollustvolle Lied.
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Die Thüren öffnen sich, und Psyche sieht
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In einem Saale sich, wo selbst ein Sybarit
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Sein höchstes Gut gefunden hätte.
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Dort bot ein sanftes Kanapee,
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So weich, wie neu entkeimter Klee,
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Mit koischem Geweb' umhüllet,
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Den Schooß der süßen Ruhe dar.
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Dort lockt' ein goldner Tisch, mit Speisen angefüllet.
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Und winkte sie, so eilte unsichtbar
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Ein Heer von kleinen, weichen Händen,
74
Das Köstlichste, das Schönste ihr zu spenden.
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Rings wallt ein süßer Nektarduft;
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Begleitet von der Laute holden Tönen,
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Floß ein Gesang sanft schwellend durch die Luft,
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Und wiegt' ihr Herz in namenloses Sehnen.

79
Daß jetzt Psycharion, nachdem sie etwas sich
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Von ihrer Fahrt erholt, des Schlosses weite Zimmer
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Durchirrt, und daß ringsum hier alles königlich
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Von Gold und Edelstein gestrahlt, so daß vom Schimmer
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Die Augen übergehn, das wißt ihr ohne mich.
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Doch jetzt verlaßt mit mir des Reichthums todte Schätze,
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Und folgt mir in die lebende Natur.
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Dort trifft man häufiger der Musen holde Spur,
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Und Amor spannet dort die unsichtbaren Netze.
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Schon öffnet sich des Gartens Lustrevier,
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Und auch mit uns ist Psyche hier.

90
Durch Rosen und Jasminengänge
91
Durchirrte sie den Feenaufenthalt.
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Bald führt sie schlangengleich und enge
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Der Pfad durch einen dunklen Wald;
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Bald schwindet das Gesträuch, und bange
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Steht sie an einem Felsenhange,
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Der in ein holdes Thal sich scharf hernieder streckt,
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Wo mancher See, umkränzt von blühenden Gehegen,
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Und mancher Bach, vom Laube halb versteckt,
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Das Auge lockt. Auf rauhen Wegen
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Klimmt sie herab. Ein wilder Wasserfall
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Ergießt sich neben ihr in schäumenden Kaskaden
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Und schlängelt hüpfend sich in blumigen Gestaden
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Durch's holde Thal, wo manche Nachtigall,
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Im duftigen Gesträuch verhüllet,
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Mit sanfter Zärtlichkeit der Schönen Herz erfüllet.
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Mit blassem Dämmerlicht sah Luna auf die Flur,
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Und träufelte, voll süßer Milde,
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Des Schlummers Zauber auf's Gefilde,
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Und jeder leise Laut erstarb in der Natur.
110
Und sieh, es hebt aus dem Gebüsche,
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Das bunt und zauberisch des Mondes Licht beglänzt,
112
Ein Tempel sich empor, von Rosen rings umkränzt.
113
Die Holde tritt hinein. In einer Marmornische
114
Steht lächelnd Cytheräens Bild,
115
Ein Bild, wie Miron einst und Polyklet es schufen.
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Der Stein schien von der Kunst zum Leben aufgerufen;
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Zu reden schien der Mund. Die Augen lachten mild.
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Ein banger leiser Seufzer quillt
119
Aus Psychens Brust. Ein süßes Ahnen füllt
120
Ihr sanft das Herz. Ihr Auge schwimmt in Thränen.
121
Sie scheint sich anders itzt, als sie noch eben war.
122
Wie ist mir? ruft sie aus. Was bebt so wunderbar
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Mir durch dies Herz? Wer schafft dies süße Sehnen?
124
Wer singt vom ew'gen Glück in leisen Zaubertönen
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Mir in die Brust den ach, so holden Wahn?
126
Hast du dies Wunder, Göttliche, gethan?
127
O sey dem Opfer hold, das Freud' und Dank dir spenden.

128
Sie eilt hinaus, nimmt von des Tempels Wänden
129
Der Kränze schönsten, naht mit schüchternem Gesicht
130
Der Göttin sich, legt ihn mit bangen Händen
131
Auf den Altar, sinkt auf die Knie, und spricht:

132
O nimm sie an, die kleine Gabe!
133
Ich opf're sie mit reinem Sinn,
134
Ich opf're alles, was ich habe,
135
Und gebe mich dir ganz dahin.
136
Du hast mein Wesen umgestaltet,
137
Des Lebens holder May beginnt.
138
Nimm an, du, die so gütig waltet,
139
Des jungen Lenzes schönstes Kind.

140
Kaum war der Kranz geweiht, so werden rings die Hallen
141
Mit lieblichem Gedüft erfüllt.
142
Ein schönrer Glanz umfließt der Göttin holdes Bild,
143
Und Harfentön' und süße Lieder schallen:

144
Das erste Opfer hast du jetzt gebracht,
145
Du hast dich ganz Cytheren hingegeben.
146
O folge stets der süßen Triebe Macht!
147
Geliebtseyn nur und Lieben sey dein Leben!

148
So sang's. Und sanft, wie wenn ein leiser West
149
Ein Rosenblatt, das von des Sommers Schwüle
150
Schon halb vertrocknet war, ergreift, und in die Kühle
151
Des klaren Quells es fallen läßt,
152
Um neues Leben ihm zu spenden,
153
So ward Psycharion von kleinen weichen Händen
154
Zu Amors Heiligthum gebracht.
155
Die schönste Grotte war's, wo eine kleine Quelle
156
Dem Marmorkrug entsprang. Rings herrschte dunkle Nacht;
157
Nur stahl zuweilen sich des Mondes sanfte Helle
158
Durch's duftende Gebüsch. Ein Lager, sanft und kühl,
159
Zwar nur von Myrtenlaub, doch von den Amoretten
160
So weich gestreut, wie Eiderbetten,
161
Empfing die holde Braut. Ein seliges Gefühl,
162
Wie in Elysiums Blumengründen
163
Die frommen Seelen es empfinden,
164
Durchzuckte sie. Ein süßes Ahnungswehen
165
Flog durch ihr Herz, das hier zu finden,
166
Was sie bisher in Träumen nur gesehn.

167
Und plötzlich, horch! ein leises Säuseln
168
Schlich durch der Grotte Dunkelheit,
169
So wie sich sanft des Baches Wellen kräuseln,
170
Wenn in des Haines Einsamkeit
171
Sich eine Huldgöttin in kühle Fluthen tauchet.
172
Es nahet sich, und leise hauchet
173
Ein unsichtbarer Mund, gleich einer Melodie,
174
Die bald sich schwellend hebt, bald sanft in Luft verhallet,
175
So süße Worte aus, wie selbst Cythere nie
176
Zu ihrem Liebling sprach. Der Schönen Busen wallet
177
Von süßer Angst, von nie empfund'ner Lust.
178
Was schadet es, ihm zuzuhören?
179
Zu grausam wär' es doch, das Reden ihm zu wehren.
180
Doch halt, das ist zu kühn! Von ihrer holden Brust
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Sucht eine weiche Hand den Schleyer wegzuziehen,
182
Und tausend heiße Küsse glühen
183
Auf Busen, Mund und Hand. Sie hebt
184
Sich schnell vom Lager auf, um zu entfliehen;
185
Doch eine Stimme, die ihr Inneres durchbebt,
186
Hält sie zurück: Du willst entfliehen?
187
O du, für die allein nur meine Seele lebt?
188
Verweile noch! bey jenen Zauberstrahlen,
189
Womit Selenens Blick zur Erde niederschaut,
190
Bey jenem Rosenkelch, von Perlennaß bethaut,
191
Bey jenen Blumen, die im klaren Quell sich malen,
192
Beschwör' ich dich, verweile, süße Braut!

193
Wer hätt' es Psychen nicht verziehen,
194
Daß sie gefesselt ward durch dieses Schwurs Gewicht?
195
Und dennoch mußte sie entfliehen,
196
Ruft manche Prüde hier. O laßt zu streng uns nicht,
197
Nein, laßt uns Menschen menschlich richten.
198
Setzt euch nur selbst in Psychens Fall hinein.
199
Denkt in die Grotte euch, vom dichten
200
Gebüsche rings versteckt, von Luna's Zauberschein
201
Mit jener Dämmerung umgossen,
202
Die, ach! so leicht das Herz zur Zärtlichkeit bewegt;
203
Denkt eure Sinnlichkeit von Wundern aufgeregt,
204
Von Götterduft berauscht, euch an die Brust geschlossen
205
Von einem Wesen, das so süße Worte spricht,
206
Und dann, versteckt die Wahrheit nicht,
207
Sprecht, hättet ihr euch losgewunden?

208
Kurz Psyche blieb. Sie kam, die seligste der Stunden,
209
Der Schönen holdes Auge bricht
210
In süßer Lust. Mit heißen Armen
211
Umfaßt er sie; an ihrer warmen,
212
Hochangeschwellten Brust fühlt sie die seine glühn.
213
Ach, sie versucht nicht mehr zu fliehn;
214
Sie kämpft nur noch mit matten Bitten.
215
Ihr schwindet und ihm mehrt sich stets der Muth;
216
Sie weicht; sie sinkt; es mischt sich Gluth in Gluth,
217
Und die Natur hat ihren Sieg erstritten.

218
Betäubt vom wonnigen Genuß,
219
Sank in des Siegers Arm die Schöne.
220
Ein süßes Schmachten folgt. Nur leise Liebestöne
221
Und mancher sanft geraubte Kuß
222
Verkünden ihre Lust. Wie eine reine Quelle
223
Vom Felsenhang sich schäumend niedergießt,
224
Doch plötzlich wieder sanft durch ihre Ufer fließt
225
Und nur zuweilen noch aufhüpfend mit der Welle
226
Des Randes Blumen netzt, so schmolz der Wonne Glühn
227
In süße Ruh'. O welche Seligkeiten
228
Empfand Psycharion! Ein neues Leben schien
229
Sich reizend vor ihr auszubreiten,
230
Ein schönres Leben, wo ein ew'ges Frühlingsgrün
231
Der Seele lacht, wo in dem Strom der Zeiten
232
Die Jahre wohl, doch nie die Freuden fliehn,
233
Wo nie der heitre Aether trübe
234
Und nie die Flur verödet ist,
235
Wo man so schnell das Leid, doch nie die Lust vergißt,
236
Das Leben der beglückten Liebe.

237
Zwar sah Psycharion im Schooße der Natur
238
Auch manche Freuden schon entsprießen;
239
Doch solche Freuden, die man nur
240
In seinem Innern zu genießen,
241
An fremder Brust nicht zu ergießen
242
Vermag, wie arm sind sie! Zwar schön war Tempe's Flur,
243
Allein das Volk, das sie bewohnte,
244
Glich den Nomaden noch; noch thronte
245
Dort nicht der Sittlichkeit verfeinerte Kultur,
246
Durch die sich Lieb' und Lust zur Göttlichkeit erhöhen.
247
Noch hatte keiner dort den blühenden Apoll
248
Durch Hain und Thal der Heerde folgen sehen;
249
Noch rührte Orpheus nicht, vom Geist der Gottheit voll,
250
Der Rohen Herz durch süßer Töne Wehen;
251
Noch sah man nicht der Huldgöttinnen Spur
252
An des Penëus blumigten Gestaden.
253
Der launenvolle Pan strich einsam durch die Flur,
254
Und Demeter, mit goldner Frucht beladen,
255
Regiert' allein die gütige Natur.

256
Wie können solche Götter bilden?
257
Zwar Ceres schließt der Sterblichen Verein;
258
Doch was gefühlvoll sie und fein
259
Und liebenswürdig macht, was sie mit milden
260
Und holden Sitten schmückt, zu Menschen schafft aus Wilden,
261
Das geben Musen nur und Grazien allein.

262
Psycharion war ein zu feines Wesen,
263
Als daß durch solch ein Volk, so viel
264
Des Schönen wir von ihm auch im Guarini lesen,
265
Ihr Herz befriedigt sey. Jetzt hatte sie das Ziel
266
Von ihrem Wünschen, ihrem Hoffen,
267
Von alle dem, was einst die jugendliche Brust
268
Geahnet und gesucht, getroffen.
269
Wie schmiegte sie sich nicht im süßen Rausch der Lust
270
An ihres Gatten Herz und sprach in Schmeicheltönen
271
Der holden Liebeständeley,
272
Was die entzückte Schwärmerey.
273
Und ihrer Brust erfülltes Sehnen
274
In's Herz ihr gab, doch was, wär' er von den Kamönen
275
Auch selbst erzogen und zum Liebling auserwählt,
276
Kein Dichter wieder euch erzählt.

277
Soll ich nicht dein süßes Bild erkennen?
278
Soll dich nicht bei deinem Namen nennen?
279
Laß die Hülle, die dich mir entzieht!
280
Halb ist nur der Liebenden Entzücken,
281
Wenn nicht wechselnd aus den trunk'nen Blicken
282
Seligkeit durch beyder Seele glüht.

283
So sprach Psycharion, von Sehnsucht hingerissen,
284
Indem sie zärtlich ihn umschlang.
285
Doch plötzlich fühlte sie bei ihrem heißen Küssen
286
Des Gatten Augenpaar von Thränen überfließen.
287
Ein schwerer, leiser Seufzer drang
288
Aus seiner Brust, und sanft sprach er und bang:

289
Forsche nicht! Nur in der Dämm'rung Feyer
290
Oeffnet sich der Nachtviole Schooß;
291
Hebt der Tag den zauberischen Schleyer,
292
Steht sie düfteleer und anmuthlos.
293
Froh sehn wir die Schmetterlinge fliegen,
294
Mit der Farben buntem Glanz geziert,
295
Aber schnell entschwindet das Vergnügen,
296
Wenn ein rauher Finger sie berührt.

297
Psycharion vernahm mit Zagen
298
Das Wort. So schau' ich nie dein lächelndes Gesicht,
299
Nie deiner Züge Reiz, der Augen holdes Licht?
300
Ach, mag ein andres Herz es tragen,
301
Die arme Psyche trägt es nicht!
302
So hallte lange noch von ihren leisen Klagen
303
Die dunkle Nacht, bis endlich sanft und süß
304
Der Schlaf die Flügel ausgebreitet,
305
Und, von der Träume Schaar im frohen Tanz begleitet,
306
Auf ihre Wimpern sich voll Milde niederließ.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Schulze
(17891817)

* 22.03.1789 in Celle, † 29.06.1817 in Celle

männlich, geb. Schulze

deutscher Dichter der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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