Auf Tempe's holder Flur, in einem Hain von Myrten

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Ernst Schulze: Auf Tempe's holder Flur, in einem Hain von Myrten Titel entspricht 1. Vers(1803)

1
Auf Tempe's holder Flur, in einem Hain von Myrten,
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Durch den sich der Penëus schlängelnd wand,
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Entblühte still und unbekannt
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Ein holdes Kind im Kreise frommer Hirten.
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Sie hieß Psycharion; und keiner fand
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Ringsum auf Tempe's weiten Auen
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Ein Mädchen, das ihr glich an Reizen und Verstand.
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Sie schien mit Göttern mehr als Sterblichen verwandt.
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Auch sagte mancher Hirt dem Nachbar im Vertrauen,
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Daß eine Huldgöttin in süßer Schwärmerey,
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In Paphos Hain, auf einem Rosenbette,
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Mit einem jungen Gott sich einst vergessen hätte,
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Und Psyche kurz darauf im Hain gefunden sey.
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Doch, was man nun auch von ihr glaubte,
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Das wußten alle, daß ihr Blick
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Dem, den er traf, im Augenblick
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Das Herz aus seinem Busen raubte.

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So schön und noch so jung? Dann wehe ihrem Geist
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Und ihrem Herzen! wird der strenge Eifrer sagen.
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Verzeihe, lieber Freund; in jenen gold'nen Tagen
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Hielt man den gold'nen Spruch, den Salomo beweis't,
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»auf dieser Welt ist alles eitel«
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Für wahr, und handelte danach.
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Und wenn man auch vom Fuße bis zum Scheitel
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So schön war wie der junge Tag,
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Je nun, man grämte sich nicht drüber;
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Doch, daß man so, wie jetzt, im eitlen Hochmuthsfieber
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Sich aufgebläht, und manchen armen Tropf
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Und manchen Biedermann, nachdem man ihm den Kopf
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Verdreht, mit Hohn zurückgewiesen hätte,
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Davon erzählt mein Mährchen nicht.
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Man kannte damals noch der Treue süße Pflicht;
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In keinem Wörterbuch stand schon das Wort:
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Und wenn man's drin gesehn, ich wette,
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Es wäre

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Zwar war Psycharion schon jetzt
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Geschmückt mit all den dreißig Gaben,
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Die Coringer zum Schönheitskanon macht;
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Doch hatte sie noch nie gedacht,
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Nur eine einzige zu haben.
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Sie war erst vierzehn Sommer alt,
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Und Amors reizende Gewalt
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Hielt noch ihr Herzchen nicht gefangen.
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Sie ahnete noch nicht das schmachtende Verlangen,
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Das in der Jahre Lenz die trunkne Seele füllt,
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Und das nur heiße Liebe stillt.
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Zwar war zuweilen schon im Traum ein holdes Bild
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Vor ihrem Blick vorbeigegangen,
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Und hatte mit verschämtem Bangen
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Ihr argwohnloses Herz gefüllt;
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Doch kaum vergingen wenig Stunden,
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War es aus ihrem Geist schon wiederum entschwunden.

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Wohl mancher Hirt, der mehr für sie empfand
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Als Freundschaft, sprach von Gluth und süßem Triebe,
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Und von den Tändeleyn, worin in Cypris Land
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Im stillen Blüthenhain sich Amors Jünger üben;
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Doch nie vermochte sie zu lieben,
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Da sie noch nie ein Herz dem ihren gleich gekannt.
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Nein, wie man Schwestern oder Brüder,
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Wie Freunde man und Aeltern liebt,
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So liebte sie die Hirten wieder;
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Doch was der Liebe erst die schönsten Reize giebt,
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Dies holde, schmachtende Verlangen,
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Nur Einem Wesen anzuhangen,
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Den leisen Händedruck, den halbverstohlnen Blick,
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Dies gab sie ihnen nicht zurück.

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So floh im süßen Rausch der holden Jugendspiele
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Ihr noch ein froh durchträumtes Jahr,
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Und nach und nach nahm sie veränderte Gefühle,
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Die sie noch nie gekannt, in ihrem Herzen wahr.
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Sie fühlte, daß sie jenen lieber
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Als diesen sah, und wenn beym Pfänderspiel
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Auf sie das Loos, den Kuß zu geben, fiel,
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So stahl sich unvermerkt ihr Blick zu dem hinüber,
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Der ihr vor andern mehr gefiel.

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Einst ging sie bei der Sonne Sinken
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Im Myrtenwald, der ihre Hütt' umzog,
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Den düftevollen Hauch der Kühlung einzutrinken.
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Wo der Peneus sich im dichtsten Haine bog,
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Sah sie, vom Fluß geformt, ein rundes Becken blinken,
81
Das eine Rosenwand im halben Kreis' umzog.
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Der Ort war rings so heimlich und so stille,
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Die Wellen plätscherten so sanft durch's Ufer hin,
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Und durch der Blätter grüne Hülle
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Sang leis' und schwermuthsvoll der Haine Königin.
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Der Nachtviolen Kelch ergoß die süßen Düfte;
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Der Abendsonne letzter Strahl
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Sah matt und zitternd noch ins dämmerliche Thal,
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Und kosend flüsterten durchs zarte Laub die Lüfte.

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Der Schönen schien der Ort zum Baden recht gemacht;
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Ringsum des Waldes dunkle Nacht,
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Und dann der kleine Teich, so glänzend wie ein Spiegel,
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Vor jedem Lauscherblick versteckt
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Durch rankendes Gebüsch und waldbewachs'ne Hügel.
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Sie sieht sich sorgsam um, und als sie nichts entdeckt,
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Beginnt sie scheu, mit sanften Herzensschlägen,
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Das luftige Gewand erröthend abzulegen.

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Schon sank der zartgewebte Flor,
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Des holden Busens keusche Hülle,
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Und in der reinsten Jugendfülle
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Stieg sanftbewegt die Brust, der Fesseln frey, empor.
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Jetzt fiel der letzte dünne Schleyer;
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Und wie zu Cypris sanfter Feyer
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Stand unverhüllt die schöne Jungfrau da,
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So hold, wie einst Idalia
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Der königliche Hirt auf Ida's Gipfel sah.

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Sie steigt in's Bad und plätschert in den Wellen
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Vergnügt umher und scherzend, und erschrickt,
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Wenn an die Brust, vom Weste sanft gedrückt,
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Die kleinen Wogen rauschend schnellen.
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Der Schönheit Zauber schien die Dämmrung zu erhellen;
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Von ihrem Anblick war rings die Natur entzückt.
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Die Weste, die in Blüthenbüschen
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Sanftflüsternd gaukelten, verließen ihre Lust,
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Und, sie mit Kühlung zu erfrischen,
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Unflatterten sie Psyche's Brust.
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Der Vögel Chor erwachte auf den Zweigen,
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Und sang mit doppelt süßem Laut.
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Ein jeder Blumenkelch, mit Perlennaß bethaut,
120
Schien sich vor ihrem Blick zu neigen,
121
Und durch das Dunkel strahlt' ein rosenfarbnes Licht.
122
Zwar diese Huldigung merkt unsre Schöne nicht,
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Denn Keiner hatte noch ein Mädchen so bescheiden
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Und Keiner noch so argwohnlos gesehn.

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Indeß begann der Mond am Himmel aufzugehn,
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Und Psyche trat an's Land, sich wieder anzukleiden.
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Schon hüllte faltig das Gewand
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Sich um die schön geformten Glieder,
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Und züchtig barg der Flor den holden Busen wieder.
130
Zwar manches Zephyrs lose Hand
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Versucht', um noch einmal die Lüsternheit zu stillen,
132
Den dünnen Flor verräth'risch zu enthüllen;
133
Allein vergebne Müh, zu fest hielt ihn das Band.

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Ihr glaubt nun, diese Badescene
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Mit allen Wundern sey allein von der Natur
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Aus Liebe gegen unsre Schöne
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Bewirkt. Da irrt ihr sehr. Was uns auch Epicur
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Von ihrer Kraft und Allmacht dichtet,
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Glaubt mir's, die gute Mutter regt
140
Nicht Hand, nicht Fuß, wenn sie ein Stärkrer nicht bewegt.
141
Drum hört, wie mir das Mährchen es berichtet.
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Ob's wahr sey oder nicht, das pflegt
143
Hier einerley zu seyn. Matt von der Liebe Siegen
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Flog Amor nach Idalia zurück.
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Hoch aus den Lüften sah sein Blick
146
Peneus holde Ufer liegen,
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Den steten Aufenthalt von ländlichen Vergnügen
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Und von dem reinsten Erdenglück.
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Der holde Ort reizt ihn, herab zu fliegen;
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Und als er sich der Erde naht,
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Sieht er Psycharion sich baden.
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Süßlächelnd steht sie da. Erst eben hat
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Sie sich der letzten Hüll' entladen,
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Und zitternd tritt ihr Fuß in's sanftbewegte Bad.
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Wie anmuthsvoll ihr Wuchs! So blühten
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Selbst nie die lächelnden Chariten,
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So reizend war Cythere selber nicht.
158
Voll Unschuld war ihr Blick, die holden Wangen glühten
159
Von süßer, keuscher Scham. Ihr reizendes Gesicht
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Sah fröhlich in der Wellen Wiederscheine
161
Sein holdes Bild, das sich im Glanz der Wogen bricht,
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Der rings die Thäler und die Haine
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Mit halber Dämmerung bestreut und halbem Licht.
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Des Gottes Herz zerschmilzt in zärtliches Entzücken.
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So wünscht er ewig sie voll Sehnsucht anzublicken.
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Er strebt nicht mehr, die Menschen zu berücken;
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Er denkt an seine Macht, an seine Pfeile nicht;
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Kurz, er, der kleine Bösewicht,
169
Sonst nur bereit, der Menschen Ruh zu morden,
170
War schnell zu Platons Amor jetzt geworden.

171
Ist das denn jener Amor nicht,
172
Der uns so oft um unser Herz betrüget,
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Nachdem er den Verstand in süßen Schlaf gewieget
174
Und dann so schnell entfliehet? spricht
175
Hier manches schöne Kind. Nein, jener ist es nicht;
176
Doch hütet euch, daß euch sein redliches Gesicht
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Nicht, wie schon oft geschehn, betrüget.
178
Wenn jener unser Herz durch seinen Pfeil gewinnt,
179
Fängt dieser es durch List. Er ist ein sanftes Kind,
180
Das demuthsvoll zu unsern Füßen lieget,
181
An unserm Anschaun nur sein zärtlich Herz vergnüget,
182
Deß Seele schwärmend sich an unsre Seele schmieget
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Und ganz in Eins mit ihr zusammenrinnt.
184
Doch soll er oft, wenn Ort und Stunde günstig sind,
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Wenn er in einem dunklen Haine,
186
Wo Luna's Licht mit zauberischem Scheine
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Durch dunkle Myrtenlauben blitzt,
188
An unsre Brust geschmieget sitzt,
189
Dann soll er oft sich schnell verwandeln
190
Und ganz so wie sein loser Bruder handeln:
191
Drum fliehet Amorn, welcher es auch sey;
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Sie sind am Ende einerley.
193
Bald weiß er so, bald so sich einzudrängen.
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Er war es, der im Doctorkleide sich
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In Heloisens Kammer schlich,
196
Und dort in feinen Uebergängen
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Von mönchischer Filosophie
198
Und trockener Theologie
199
Zur Liebe endlich kam. Daß Platons Amor nie
200
Auf unsrer Erdenwelt gewandelt haben sollte,
201
Das sag' ich nicht; allein, wer mit ihm tändeln wollte,
202
Dem müßten Grazien den zarten Sinn
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Und Sokrates die strenge Tugend schenken.

204
Doch ruhig! Wo gerath' ich hin?
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Laßt zu Psycharion zurück uns wieder lenken,
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Die Amor unterdeß, versteckt und ungesehen,
207
Begleitete. Rings blühn an den Gesträuchen
208
Jasmin und Rosen auf, und von des Aethers Höhn
209
Entschweben Töne, die so sanft in's Herz sich schleichen.
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Die Schöne bleibt verwundert stehn,
211
Und blickt umher, den Zauberer zu sehn,
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Der solche Wunder schafft. Wie? soll sie vorwärts gehn?
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Soll sie es nicht? Sie geht, und kömmt an einen Rasen,
214
Wo, gleich Rubinen und Topasen,
215
Ein duftend Heer von bunten Blumen glänzt.
216
Rings bilden üppige Jasminen,
217
Mit Rosen hie und da bekränzt,
218
Ein Obdach, werth, zum Sitz dem Liebesgott zu dienen,
219
Und in des Kreises Mitte steht
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Ein Wagen aus geflocht'nen Myrten,
221
Von Rosenzweigen überweht,
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Vor dem vier weiße Tauben girrten.
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Wo bin ich? ruft die Schön' und bebt,
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In staunendes Entzücken ganz verloren.
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Hat diesen Ort ein Gott zum Wohnsitz sich erkohren?
226
Hat Cypris dies Gebüsch zu stiller Lust gewebt?
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Und horch, aus hohen Lüften schwebt
228
Ein süßes Lied zu ihren Ohren,
229
Der Aeolsharfe gleich, wenn sie der West belebt:

230
Zittre nicht, du Holde! Laß kein Beben
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Sich in deiner keuschen Brust erheben!
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Du bist eines Gottes süße Braut.
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Auf, besteige seinen Blumenwagen!
234
Laß dich hin in seine Reiche tragen,
235
Wo die Liebe dir Altäre baut.

236
Dort sollst du in aller Herzen thronen,
237
Sollst in köstlichen Pallästen wohnen,
238
Rings umstrahlt von nie geseh'ner Pracht.
239
Strebe nicht, dein Schicksal zu ergründen;
240
Luftig wird das Glück dir sonst entschwinden,
241
Wie ein Traum der kurzen Sommernacht.

242
Die Schöne steht verzückt im Hören und im Schauen.
243
Was soll sie thun? Soll sie den Worten trauen?
244
Soll sie es nicht? Doch ach! der Stimme Flehn,
245
Es klingt zu süß; sie kann nicht widerstehn.
246
Mit Beben steigt sie in den Wagen,
247
Und, durch die Wolken fortgetragen,
248
Strebt er durch weite Räume hin.
249
Sanft trugen ihn die lauen Lüfte
250
Und hauchten um die Herrscherin
251
Der Blumen schönste Nektardüfte.

252
Allmählich senkte sich der Wagen nun herab,
253
Und ließ Psycharion ein holdes Land erblicken,
254
Wie nie Armidens und Alcinens Zauberstab
255
Ein ähnliches erschuf, um Helden zu bestricken.
256
Rings schien die gütige Natur
257
Mit vollen Händen alle Gaben,
258
Die sie besaß, auf diese Flur
259
Mit Liebe ausgestreut zu haben.
260
Ein weites grünes Thal, von sanften Höhn begränzt,
261
Das tausend Quellen rings durchirrten,
262
Erschien dem frohen Blick. Dort zog von duft'gen Myrten
263
Sich eine Wiese hin, und vom Gebüsch umkränzt,
264
Wallt heimlich dort ein See und küßt mit sanften Wellen
265
Des Ufers blühend Grün. In wilden Wasserfällen
266
Stürzt hier ein Bach sich schäumend durch's Gefild,
267
Doch leise fließt er bald und mild,
268
Und Blumen wölben sich ob seinen klaren Fluthen.
269
Dort schützet vor des Mittags Gluthen
270
Den Wanderer ein stiller Felsengrund,
271
Vom hohen Wald umweht, wo bunt
272
Und duftend Ros' und Nelk' und Veilchen und Jasminen
273
Sich um den Preis zu streiten schienen.
274
Hier lockt ein dichter, dunkler Wald,
275
Wo Früchte sich an Früchte drängen;
276
Und Feld und Thal und Hain erschallt
277
Von wunderlieblichen Gesängen.

278
Doch, ach! umsonst versuch' ich, euch
279
Die holde Gegend zu beschreiben.
280
Die Schilderey kömmt nie dem wahren Urbild gleich,
281
Wie immer auf der Welt; denn alles Thun und Treiben
282
Des Menschen, der sich fühlt, ist schwaches Streben nur,
283
Das Ideal, das die Natur
284
Zum Ziel ihm stellte, zu erreichen.
285
Stets wandelt er auf seiner Spur;
286
Glaubt er es schon erreicht, sieht er es schnell entweichen,
287
Es winkt an einem rauhern Pfad;
288
Zwar Blumen schmücken stets den Weg, den es uns führet,
289
Doch dem sind Götter hold, der ihm so weit genaht,
290
Daß er des Kleides Saum ihm leise nur berühret.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Schulze
(17891817)

* 22.03.1789 in Celle, † 29.06.1817 in Celle

männlich, geb. Schulze

deutscher Dichter der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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