Und läg' ich auch in harten Kerkerbanden

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Ernst Schulze: Und läg' ich auch in harten Kerkerbanden Titel entspricht 1. Vers(1803)

1
Und läg' ich auch in harten Kerkerbanden,
2
Umgäb' auch rings die Nacht mich öd' und leer,
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Und irrt' ich auch in weit entfernten Landen
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Durch Gluth und Frost, durch Wüsteney und Meer,
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Verfolgt, bedroht, verlassen, unverstanden,
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In Sturm und Noth, mit mattem Fuß, umher,
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Doch würde nie dein Bild sich von mir trennen,
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Dein würd' ich seyn und dich noch sterbend nennen.

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Denn wie belebt das ungezwung'ne Eisen
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Sich folgsam naht dem fesselnden Magnet,
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Wie ewig treu in wandellosen Kreisen
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Die Erde sich um's Licht der Sonne dreht,
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Wie ohne Rast auf nächt'gen Pilgerreisen
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Von Meer zu Meer die Schaar der Sterne geht,
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So ward auch ich in dunkeln Schicksalsstunden
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Mit finsterm Zwang an deinen Pfad gebunden.

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Und magst du auch mich stolz und kalt verlassen,
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Und nimmer Trost und Freude mir verleihn,
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Mag liebend einst ein Andrer dich umfassen,
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Und wilder Schmerz mein Innerstes entzweyn,
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Und könntest du auch je mich feindlich hassen
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Und deines Siegs und meiner Noth dich freun,
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Du zwängst mich leicht, in ungeheuren Leiden,
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Vom Leben wohl, doch nicht von dir zu scheiden.

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Ach, Alles, was verknüpft mit deinem Leben,
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Nur Kunde mir von deiner Nähe giebt,
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Der leichte Flor, der deine Brust umgeben,
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Das Werk, woran die zarte Hand sich übt,
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Die Saiten, die von deinem Finger beben,
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Die Blumen, die dein Auge wählt und liebt,
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Der Raum, die Luft, das Licht, das dich umfangen,
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Weckt Lieb' und Lust und Schmerz mir und Verlangen.

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Und seh' ich dann dich selber vor mir stehen,
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Dem Monde gleich an dunkler Wolken Rand,
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Läßt freundlich mir dein klarer Blick sich sehen,
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Berührt nur leis' im Nahn mich deine Hand,
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Fühl' ich von fern nur deines Mundes Wehen,
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Streift flüchtig nur dein Arm mich, dein Gewand,
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Dann ringen schnell im wunderbaren Spiele
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Durch meine Brust verworrene Gefühle.

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Wie still am Rand der wilden Felsenquelle
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In linder Luft die stolze Rose blüht,
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Indeß ihr Bild im Strom der raschen Welle
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Unruhig schwankt und auf und nieder flieht:
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So strahlst auch du in wundersel'ger Helle,
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Mit klarem Sinn und friedlichem Gemüth;
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Doch stürmisch regt die Fluth in meinem Herzen
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Sich um dein Bild in Sorge, Wahn und Schmerzen.

49
Nichts denken kann ich dann und nichts beginnen,
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Die Lippe schweigt, dich sieht mein Aug' allein,
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Die Welt versinkt vor meinen irren Sinnen,
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Nichts an mir ist, nichts in mir selbst mehr mein,
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Und Flammen fühl' ich durch die Brust mir rinnen,
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Und kämpfe wild mit Zweifel, Trug und Schein;
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Mit Licht und Nacht in wandelbaren Wogen
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Hält Lust und Leid mir Blick und Geist umzogen.

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Ich kann nicht nahn, nicht fliehn und nicht verweilen,
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Es fesselt mich und treibt mich rastlos fort;
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Mag Ort und Zeit auch wechseln und enteilen,
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Eins bleibt die Zeit mir ewig, Eins der Ort.
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In tausend Wünsche muß mein Geist sich theilen,
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Und alle doch umfängt ein einz'ges Wort.
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Von tausend Pfeilen ist mein Herz getroffen
64
Und bleibt doch stets für neue Wunden offen.

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O stolzer Sinn, der früher nie bezwungen,
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Vor keinem Drohn den freien Blick gesenkt,
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Wie hält dich jetzt ein hartes Band umschlungen,
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Das zarte Hand nach strenger Willkühr lenkt!
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Der muthig sonst mit jedem Feind gerungen,
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Jetzt zagt er ihr, die oft so tief ihn kränkt,
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Und heischte sie zum Spiel sein Heil, sein Leben,
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Gern würd' er ihr, der Feindlichen, es geben.

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Und bin ich auch von ew'ger Qual zerrissen,
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Vergeh' ich auch im rastlos wilden Streit,
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Nichts will mein Herz von Rath und Rettung wissen,
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Wenn nicht das Glück die volle Gunst mir beut,
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Denn mit dem Schmerz müßt' ich das Leben missen,
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Dem Liebe nur Licht, Kraft und Athem leiht.
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Eh langsam mir Gefühl und Sehnsucht sterben,
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Mag lieber rasch mich Kampf und Sturm verderben!

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O wärst du doch als Königin geboren
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Und hättest mich aus deines Volkes Zahl
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Zum niedrigsten der Diener dir erkohren,
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Den Becher dir zu füllen nur beym Mahl!
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Wohl hab' ich jetzt die Freyheit längst verloren,
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Und ach, doch ist mein Loos nicht deine Wahl!
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Und muß auch ich mich ganz den Deinen nennen,
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Du willst mir nie den süßen Namen gönnen!

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O nimm es hin, dies jugendliche Leben,
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Dies Herz, das sonst so kühn, so fröhlich schlug,
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Den treuen Sinn, des Willens edles Streben,
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Den Geist, der nie ein schnödes Band ertrug!
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Mein Hoffen selbst, ich will auch das dir geben;
94
Für dich ist nichts mir lieb und werth genug!
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O daß mein Herz doch einmal nur erriethe,
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Nicht schein' auch dir ganz werthlos, was ich biete!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Schulze
(17891817)

* 22.03.1789 in Celle, † 29.06.1817 in Celle

männlich, geb. Schulze

deutscher Dichter der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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