Wo die Minne herrscht in dem holden Gebiet

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Ernst Schulze: Wo die Minne herrscht in dem holden Gebiet Titel entspricht 1. Vers(1803)

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Wo die Minne herrscht in dem holden Gebiet,
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Die schönste der Königinnen,
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Wo nimmer das singende Vöglein flieht,
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Wo ewig der duftende Frühling blüht,
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Und die Bächlein nimmer verrinnen:
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Dort wohnt' ich im hellen, lustigen Hain
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Und diente der Stolzen mit langer Pein
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Jahr aus, Jahr ein,
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Und konnte sie nimmer gewinnen.

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Da wand ich erzürnt von der Kette mich los
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Und dachte sie ewig zu meiden.
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Und ich barg mich tief in des Waldes Schooß
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Und warf mich seufzend in's duftige Moos
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Und rief im heimlichen Leiden:
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O Hain, wie spielet das Vöglein hier
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So still und friedlich im grünen Revier!
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Sprich, wird auch mir
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Dein Schatten wohl Ruhe bescheiden?

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Und säuselnd bebte der weite Hain
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Und sprach mit kühligem Wehen:
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Tief hüll' ich in dämm'rige Lauben dich ein;
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Nicht sollst du mir ferner in zögernder Pein
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Vor dem Blicke der Strengen vergehen. –
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O Hain, du tröstest mit schlimmem Rath;
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Leicht findet ihr Bild durch die Nacht den Pfad.
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Wer ihr genaht,
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Muß immer und immer sie sehen!

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Und ich klomm in dem finsteren Wald empor,
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Wo wilder die Berge sich heben;
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Da brauste mit Macht aus dem Felsenthor
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Lautwogend ein sprudelnder Strom hervor,
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Der sollte die Kunde mir geben:
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O Strom, du rauschest so wild vorbey
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Und trägst vor Klippen und Sturm nicht Scheu;
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Gern zög' ich frey
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Und muthig, wie du, durch das Leben!

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Und aufwärts schallt' es mit dumpfem Gebraus,
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Wie die Wellen sich heben und senken:
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Weit roll' ich in's nebliche Meer hinaus;
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Wo das Schweigen wohnt in dem kühlen Haus,
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Soll nichts dich erfreun und dich kränken. –
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O Strom, nicht lockst du mich niederwärts,
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Denn hab' ich im Leben auch Noth und Schmerz,
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Stets will mein Herz
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An die minnige Freundin gedenken!

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Und als sich in Nacht das Gebirge gehüllt,
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Da tobte der Sturm in den Eichen,
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Und er schwang durch den Himmel sich rasch und wild,
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Und flüchtig begann manch Wolkengebild,
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Vor dem Monde vorüberzustreichen.
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Und ich rief empor in die sausende Jagd:
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O Sturm, du spielest mit Licht und Nacht;
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Wohl hast du Macht,
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Mir vom Herzen die Wolken zu scheuchen!

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Da ließen aus kämpfendem Windesgestöhn
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Dumpfschallend die Worte sich hören:
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Ich will dich betäuben mit lustigem Wehn,
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Will mächtig dich tragen durch Thal und Höhn
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Zu fernen Ländern und Meeren. –
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O Sturm, schon hab' ich ja Leides genug;
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Was frommt es noch, hastig auf wechselndem Flug
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Durch wüsten Trug
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Mir das sinnige Herz zu bethören?

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Und sieh, da lachte der Morgenschein
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An der Felsen umnachteten Zinnen,
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Und ich sah tief unten den lustigen Hain,
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Wo ich diente der Stolzen mit langer Pein
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Und konnte sie nimmer gewinnen.
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Dort war es so fröhlich von Klang und Glanz,
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Und es schwebte so lieblich ein festlicher Kranz
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Im bunten Tanz
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Und die Königin mitten darinnen.

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Da schwand in dem Herzen mir Will' und Wahl,
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Mich ergriff ein gewaltiges Sehnen,
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Und ich dachte nicht ferner an meine Qual
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Und zog von neuem ins lustige Thal,
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Zu dienen der Stolzen und Schönen.
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O Minne, wie ward dir die Macht zu Theil!
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Wen tief verletzte dein goldener Pfeil,
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Der hat kein Heil
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Als in deinen Schmerzen und Thränen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Schulze
(17891817)

* 22.03.1789 in Celle, † 29.06.1817 in Celle

männlich, geb. Schulze

deutscher Dichter der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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