Unsterblichkeit der Seele

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Barthold Heinrich Brockes: Unsterblichkeit der Seele (1743)

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Nachdem sich jüngst ein Sturm geleget,
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Und ich, von der noch regen See,
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Da ich an ihrem Ufer steh,
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Das Wanken ihrer Fläche seh,
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Die unaufhörlich sich beweget;
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Beweget mich ihr wühlend Wallen,
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Daß ich auf ihrer Wellen Heer,
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Und ihr beständigs Steigen, Fallen,
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Die angestrengte Blicke kehr.
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Ich seh dieselben schnell entstehn,
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Sich schäumend bäumen und erhöhn,
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Sich plötzlich senken und vergehn.
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Ich hatte dieses Fluhten-Spiel,
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Und ihr veränderlichs Gewühl,
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Kaum eine Zeitlang angesehn;
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So brachte mich der Wellen Wanken,
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Derselben rege Flüchtigkeit,
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Die kurze Dauer ihrer Zeit,
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Zu diesen ernstlichen Gedanken:

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Mich deucht, es scheinen schnelle Wellen
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Ein Bild des Lebens vorzustellen,
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Da wir auch schnell, wie sie, vergehn.
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Sie kommen, zeigen sich, sie schwellen,
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Sie bersten, da sie kaum entstehn,
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Sie stürzen plötzlich sich hernieder,
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Und mischen, mit der Fluht, sich wieder.
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So scheint es auch mit uns zu gehn:
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Wir kommen. Kaum, daß wir uns zeigen;
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So brüsten wir uns schon im Steigen,

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Bald sinken wir von unsern Höh’n,
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Da wir dann wiederum zur Erden,
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(auch wie sie) was wir waren, werden.
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Dieß Gleichniß mußt’ ich ähnlich schätzen,
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Und wie ich mich darauf besann;
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Gerieht ich fast in ein Entsetzen,
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Daß es mit uns so bald gethan.
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Allein, es gab der Wahrheit Licht,
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Mir diesen tröstlichen Bericht:
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“dieß gehet bloß den Leib nur an;
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Und fuhr sie fort, mir zu erklären:
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“mein Wesen müsse ewig währen.
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Gedenke nicht, daß dieser Schluß
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Der Hoffnung, die in dir sich findet,
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Sich bloß auf deinen Nutzen gründet;
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Daß man ihn desfalls glauben muß.
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O nein, du hast ihn anzusehn
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Als einen unbewegten Grund, den Schöpfer Selber zu
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erhöhn.
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Sollt’ ein, mit solcher Meng’ Jdeen,
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(wodurch wir einen Schöpfer sehen)
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So wunderbar- begabtes Wesen,
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Zu solcher kurzen Daur erlesen,
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Und für den Augenblick allein,
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Den wir hier sind, bestimmet seyn?
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Wie stimmte dieß mit einer Liebe,
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Von einer Gottheit, überein,
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Die Selbst in unsre Seelen schriebe:
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Daß solche kaum entstandne Triebe,
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Für ein unendlichs, ewigs Seyn,
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Zu niederträchtig und zu klein.

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Die richtige Vergänglichkeit der cörperlichen Creatu-
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ren
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Zeigt eines Schöpfers weise Macht. Der Seelen Daur
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allein giebt Spuren
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Von GOttes weis- und ew’gen Liebe. Wenn wir derselben
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Daur nicht glauben,
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Was thun wir sonst, als daß wir GOtt der besten Eigenschaft
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berauben,
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Und, statt wir hier, nach allen Kräften, die Gottheit schuldig
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seyn zu ehren,
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Selbst GOtt so viel an uns verkleinern, uns gleichsam wider
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Gott erklären.
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Ja wie, wenn kein Geschöpfe wäre, wir nichts vom Schöpfer
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wissen könnten;
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So würden, wenn wir von der Seele derselben stete Dauer
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trennten,
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Wir den gefundnen GOtt verlieren. Denn, hörte mit dem
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Lebens-Lauf,
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Und wenn des Cörpers Stoff sich trennet, auch unsrer Seelen
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Wesen auf;
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So wär, wenn auch die Gottheit bliebe, dennoch für uns kein
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Gott vorhanden,
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Und, wären wir, da auf der Welt,
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Die wahre Tugend selten Lohn, das Laster selten Straf’
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erhätt,
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So gut als wie von Ungefehr, und sonder einen GOtt,
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entstanden.

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So zweifle denn, gescheuchte Seele, nicht ferner an der
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wahren Lehre,
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Du seyst zum andern Stand ersehen. Es fordert nicht nur
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unsre Pflicht,
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Es fordert es die Eigenliebe, und unser eigen Nutzen
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nicht,
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Es fordert diesen wahren Glauben selbst unsers
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Schöpfers Ehre.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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