Jüngst berief ich meine Lieder

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Ernst Schulze: Jüngst berief ich meine Lieder Titel entspricht 1. Vers(1803)

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Jüngst berief ich meine Lieder,
2
Und sie flatterten herbey,
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Schwebten singend auf und nieder,
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Spielten, flogen hin und wieder,
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Wie der Bienenschwarm im May.
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Und ich sagte: Fliegt und nistet,
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Singt und tändelt, wo's euch lüstet,
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Lieder, geht, ich geb' euch frey.

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Lange hab' ich euch gehalten,
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Meine Liebste zu erfreun;
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Doch ihr werdet von der Kalten
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Nimmermehr den Dank erhalten,
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Nimmer frey und fröhlich seyn.
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Nun so flieht und flattert weiter;
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Ewig hell und ewig heiter
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Ist der duft'ge Musenhain.

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Doch sie schienen still zu klagen,
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Fühlten weder Lust noch Dank,
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Und vor Wehmuth und vor Zagen
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Konnte keins ein Wörtchen sagen,
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Jedes seufzte leis' und bang.
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Und sie neigten ihr Gefieder,
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Senkten still das Köpfchen nieder,
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Ohne Sang und ohne Klang.

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Und nur eines spannte dreister
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Bittend seine Flügel aus:
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Laß doch, sang es, lieber Meister,
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Nicht die armen kleinen Geister
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Irren ohne Pfleg' und Haus!
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Treib' uns doch von unsern Rosen
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Nimmer in den blätterlosen,
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In den wilden Hain hinaus!

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Kannst du Schönes wohl uns zeigen,
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Was die Liebe nicht erzieht?
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Ach, wo ihre Lüfte schweigen,
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Fällt das Laub von allen Zweigen,
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Und der Blumenkelch verblüht.
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Traurig stehn die grünen Hallen,
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Und es fliehn die Nachtigallen,
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Wenn der frische Lenz entflieht.

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Schwärmen auch in blüh'nden Hainen
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Unsre Brüder groß und klein,
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Schöner wird es uns erscheinen,
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Bey der Schönen, bey der Reinen,
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Bey der Freundlichen zu seyn.
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Blickt die Lieb' auch streng und trübe,
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Lieb' ist Leben, Leben Liebe,
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Und der Freye wohnt allein.

49
Schwindet nicht der Morgenschimmer,
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Schweigt das laue Säuseln nicht?
51
Ihre Augen leuchten immer,
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Gluth und Milde scheiden nimmer
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Aus dem keuschen Angesicht.
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Mag sie nie den Dank uns geben,
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Laß uns spielen, laß uns leben
56
In dem warmen Sonnenlicht!

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Nun so flattert hin und wieder
58
Um die schöne Zauberin;
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Bald versengt ihr, arme Lieder,
60
Euch das lustige Gefieder,
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Und verklungen sinkt ihr hin.
62
Süßen Tod sollt ihr erwerben;
63
Für der Liebsten Lust zu sterben,
64
Ist der freundlichste Gewinn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ernst Schulze
(17891817)

* 22.03.1789 in Celle, † 29.06.1817 in Celle

männlich, geb. Schulze

deutscher Dichter der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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