Von den Bewohnern des Wassers

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Barthold Heinrich Brockes: Von den Bewohnern des Wassers (1743)

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Nunmehr kann ich, von den Bürgern der Fluht, den
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Fischen, hier zu sprechen,
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Zu unsers Schöpfers Ruhm und Preis und Dank, mich
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gleichfalls nicht entbrechen.

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O welch ein Wunder! daß des Meeres unfruchtbar-bitter-
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salzes Naß
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Lebendige Geschöpfe zeugt! Daß eine Fluht, die unerträglich,
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Und streng und traurig von Geschmack, was, das der Zunge
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so behäglich,
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So süß und lieblich schmecket, nährt! Wie unbegreiflich ist
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doch das!
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Wer dieß nicht wüßte, würde sprechen: Ein unfruchtbares
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Element
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Wird etwan wenig Kinder hegen. O nein! auch hier ist
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abermahl
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Der Schluß nicht richtig, und der Wahn von der Erfahrung
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weit getrennt.
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Es ist fast, wie der Sand am Meer, die Zahl der Fische sonder
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Zahl.
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Mein geistig Auge siehet hier, mit recht bewunderndem Ver-
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gnügen,
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In dieser weiten Meeres-Tiefe, in dieser Wasser-vollen Gruft,
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Ein nicht zu zählend Heer von Fischen, recht wie die Vögel
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in der Luft,
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In einer stetigen Bewegung, so sehr nicht schwimmen fast,
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als fliegen.

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Wer kann das Wunder doch begreifen! Was alle Thiere
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sonst ersticket,
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In Fäulung und in Gährung bringt, und, was lebendig ist,
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erdrücket,
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Das Wasser hat gewisse Thiere, die es erhält, versorgt,
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ernährt.
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Ist dieses Wunder nicht allein Betrachtung und Bewund-
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rung wehrt?
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Nicht minder, daß dergleichen Thiere, ohn’ Hand und Fuß,
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ohn' Arm' und Bein',
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Auch sonder Flügel, Stachel, Klauen, deswegen doch im
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Stande seyn,
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Sich zu erhalten, fortzubringen, bald schnell, bald langsam
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sich zu nähren,
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Zu rauben, auf so manche Weise sich zu beschützen, sich zu
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wehren;
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Daß ihr Geblüt, in steter Kälte, sich nicht verdicket, nicht
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gerinnt,
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Daß sie von Federn, Haar und Pelzwerk beraubet und ent-
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blösset sind,
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Und doch, im kältern Element, als wie die Luft ist, sind und
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leben.
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Was kann doch immer mehr den Fischen, an deren statt,
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Beschirmung geben?
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Worinn kann ihr Gewand und Kleid, und ihr Zusammen-
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halt bestehn?
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Dieß ist gewiß Aufmerkung würdig, und wehrt, daß wirs
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mit Fleiß besehn.

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Von aussen ist, an jedem Fisch, wenn wir desselben Bau
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betrachten,
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Und auf sein äussers glattes Wesen, mit wahren Menschen-
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Augen, achten,

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Ein schleimigt Wesen, wie ein Leim, dann wird die harte
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Schuppen Haut,
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Ein wunderbar gefügt Gewebe, das schützt, zugleich auch
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ziert, geschaut.
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Bis endlich noch ein speckigt Wesen, ein öhligt Fleisch,
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das Fleisch bedeckt,
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Und sich, zu nicht geringem Nutzen, von vornen bis nach
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hinten streckt.
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Man kann, wie sich der Schuppen Menge formiert und
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wächset, nicht ergründen,
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Und ja so wenig den Behälter und Ursprung dieses Specks
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erfinden.
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Indessen dient der Schuppen Härte, und auch des Oehles
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Fettigkeit,
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So allem Wasser widersteht, dem Fisch nicht nur zur
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Sicherheit;
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Es wird, durch beydes, ihm sein Leben, nicht minder seine
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Wärm' im Kalten,
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Auf eine sonderbare Weise, die wohl Bewundrung wehrt,
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erhalten.
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Wie könnte man der Fische Schaar, den Wasser-Bürgern,
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doch ein Kleid
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Von einer nützlichern Beschaffenheit,
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Von mehrer Leichtigkeit, und doch von größrer Undurch-
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dringlichkeit,
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Mit allem unsern Witz erdenken,
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Mit aller unsrer Macht ihm schenken?
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So, daß, wohin wir unser Aug, in allen Elementen, lenken,
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Wir überall solch eine Tiefe von Weisheit, die nicht zu
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ergründen,
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Die an Erfindungen so reich, mit Ehrfurcht und Erstaunen,
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finden.

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Die alles, was zu ihrer Absicht gehöret, kennet, nie sich
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irrt,
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Und der von dem, was sie, als Werkzeug’, gebraucht, nie
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widerstanden wird.
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Wer ist, der nicht, mit Dank und Ehrfurcht, die Liebe dieser
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Liebe preiset?
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Da sie solch’ eine Menge Fische, im tiefen Schooß des Meers,
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beschehrt,
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Daß man in einem Tage fängt, was ganze Städt’ und Länder
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nährt.
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Da GOtt, durch sie, nicht nur die Reichen, nein, auch die
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Armuht reichlich speiset,
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Da sie aus dunkler Meeres-Tiefe sich, zur gewissen Zeit,
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erheben,
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Uns, und die flachen Ufer, suchen, sich nach den Ströhmen
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und den Flüssen,
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(wer faßt, und wer begreift den Trieb, durch welchen es
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geschicht,) begeben,
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Und, ohne Zwang, sich gleichsam selbst auf unsre Tische
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liefern müssen.
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Es scheinet recht, ob triebe sie, aus ihrem Sitz, so tief ins
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Land,
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Zum Nutzen und zur Lust der Menschen, ein’ unsichtbare
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Wunder-Hand.
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Wodurch, die weit vom Meere wohnen, auch an desselben
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süssen Schätzen
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Nicht minder einen Antheil haben, sich nähren und daran
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ergetzen.
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Noch mehr! die eines zarten, süssen, gesunden Fleisches find,
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empfinden
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Allein den Trieb, sich uns zu nähren; da andre in des Meeres
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Gründen,

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Und weit von uns entfernet, bleiben. Jmgleichen, daß die,
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so uns nähren,
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In solcher ungezählten Zahl, die andern sich nur sparsam,
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mehren.
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Da Wallfisch, Wallroß und dergleichen nur eins und höch-
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stens zwey gebähren,
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Wenn jene Millionen zeugen. Jmgleichen, daß verschiedene
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Beständig bey uns seyn und bleiben, da uns die andern aus
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der See
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Zu einer richt’gen Zeit besuchen, mit ungezählten Schaaren
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kommen.
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Kommt nicht von Hering und von Stockfisch ein nicht zu
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zählend Heer geschwommen,
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Und liefert sich in unsre Netze. Da denn, ob mans gleich nicht
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bedenkt,
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Zum neuen Wunder uns das Salz, sie zu erhalten, ist
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geschenkt.
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Nun ist, bey diesen Wasser-Bürgern, so Mord, als Rauben,
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unverwehret,
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Sie fressen, sie verschlingen sich, daß es ein grosses Wunder
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scheint,
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Und zwar, wenn man es recht erwegt, ein grösser Wunder,
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als man meynt,
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Daß, da das Fisch-Heer so gefreßig, es sich einander nicht
147
verzehret.

148
Allein,
149
Fruchtbarkeit
150
Der Fische, die fast unerschöpflich und unbegreiflich ist,
151
gesetzet,
152
Daß man fast, wie den Sand am Meer, den Rogen für
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unzählig schätzet.

154
Dieß zu erweisen, hat man eins von einem Fisch, zu einer
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Zeit,
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Desselben Eyerchen gezählt, und über die neun Millionen,
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Drey hundert vier und vierzig tausend, bey ihm gefunden
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und gesehn.

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Hieraus kann man der Fische Menge, die in dem Schooß
160
des Meeres wohnen,
161
Samt ihrer Unerschöpflichkeit, zum theil begreifen und
162
verstehn,
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Und daß man nicht zu fürchten habe, ob mögten Arten
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untergehn,
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Weil Gott dafür gesorget hat. Es hat vielmehr der Rau-
166
bereyen
167
Und der Gefreßigkeit der Fische der Mensch besonders sich zu
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freuen,
169
Indem sie uns zu Nutzen kommt.

170
Der Hering, nebst viel andern Fischen, da, zu gewisser Zeit,
171
im Norden,
172
Sich, um den räuberischen Horden
173
Der Fische, die sich dort versammlet, um sie zu fressen, zu
174
entfliehn,
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Der Hering’ ungezählte Zahl sich denn nach unsern Küsten
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ziehn;
177
Daß wir daher gestehen müssen, wenn wir die Wahrheit
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wollen sagen,
179
Daß viele Fische dazu dienen, die Fisch’ in unser Netz zu jagen.
180
Zudem gereicht die Fruchtbarkeit der Fisch’ und ihres Rogens
181
Menge,
182
(für die, wenn sie vollkommen würden, das Wasser selber
183
fast zu enge,

184
Indem es sie kaum faßte, wäre) dazu, daß sich die Fische
185
nähren,
186
Da sie derselben Ueberfluß, zum Wachsthum, und zur Lust,
187
verzehren.

188
“wie? spricht allhier vielleicht ein frecher und unver-
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nünftger Atheist,
190
„der alles sonder Ueberlegung, und nach den Sinnen bloß,
191
ermißt.
192
„wie? muß nicht dieser Ueberfluß, ohn’ Widerspruch, euch
193
überführen,
194
„daß, so wie alles auf der Welt, auch dieß von ungefehr
195
geschehe?
196
„da ja ein weises Wesen weder, daß etwas, so zu viel,
197
entstehe,
198
„als, was zu wenig, wirken wird. Dieß läßt uns über-
199
zeuglich spüren,
200
„daß weder Ordnung oder Weisheit, in diesem Ueberfluß,
201
zu sehn,
202
„und daß, ohn’ allen Witz und Absicht, die Dinge, die
203
geschehn, geschehn.
204
„da von viel tausend Eyerchen kein einziges vollkommen
205
wird;
206
„hat Der denn, so die andern macht, in Seiner Absicht nicht
207
geirrt?
208
„ich kann von eurem Aberglauben der All-Bewundrung
209
nichts begreifen,
210
„und fühl’ ich mich, in meiner Meynung, durch die vergebne
211
Mühe steifen.

212
Wahrhaftig, es ist sehr betrübt, daß Menschen, so verstockt
213
zu sprechen,
214
So blind und so unüberlegt was anzusehn, sich nicht ent-
215
brechen;
216
Da ja die tägliche Erfahrung uns zeigt und überzeuglich
217
lehrt,
218
Wie noht und nütz der Ueberfluß, und wie Der zu bewundern
219
wehrt,
220
Der, da der Ueberfluß uns nöhtig, uns auch den Ueberfluß
221
beschehrt.

222
Beschwehren wir uns wohl darüber, wenn unsre Hühner
223
öfters pflegen,
224
Für uns, in einem einzgen Jahr, drey hundert Eyer fast zu
225
legen,
226
Wovon kein einzigs ausgebrütet, und alle sonst verzehret
227
werden,
228
Daß ihre Fruchtbarkeit zu stark? Kann man nicht augen-
229
scheinlich sehn,
230
Daß, durch den mächtigen Regierer und Schöpfer Himmels
231
und der Erden,
232
Der unerschöpften Fruchtbarkeit gehäufte Wirkungen
233
geschehn,
234
Damit nicht nur die Arten bleiben; nein, daß ihr grosser
235
Ueberfluß,
236
Nicht nur den Thieren, auch den Menschen, zum nütz- und
237
lieblichem Genuß,
238
Gereichen und sich mehren sollte. Wir sehen denn auch hier
239
die Spur,
240
Und zwar mit einer frohen Ehrfurcht, daß in den Werken
241
der Natur

242
Zu wenig nichts, auch nicht zu viel, verhanden sey. Wenn
243
wir dieß sehn,
244
So laßt uns unsers Schöpfers Weisheit, die unergründlich
245
ist, verstehn,
246
Und Jhn, in froher Ehrfurcht, suchen, mit Dank und Loben,
247
zu erhöhn!

248
Nun laßt uns bey den Fischen ferner doch noch ein Wun-
249
der überlegen,
250
Und, was doch wohl die Ursach sey, daß mit so ungezähltem
251
Heer
252
Die Fische, zu gewisser Zeit, in Flüß’ und Ströhm’, aus
253
tiefem Meer,
254
Wodurch sie uns zur Speise werden, so emsig sich erhöhn,
255
erwegen!
256
Die Absicht scheinet uns zum Besten. Die Mittel, welche
257
die Natur
258
Zu diesem grossen Zweck gebraucht, und meistens uns zum
259
Besten nur,
260
Sind ja so weis’ als ungekünstelt. Die Wasser-Würmer,
261
die in Flüssen
262
In ungezählter Menge wachsen, sind aller Fische Lecker-
263
Bissen,
264
Und eben diese sind die
265
Gründen,
266
Durch einen eingesenkten Trieb, gewiß sich bey uns ein-
267
zufinden,
268
Und uns, mit so viel Lust zu speisen, hervor zu locken, dienen
269
müssen.

270
Es sehe denn aus dieser Handlung, nebst andern Wun-
271
dern, jedermann
272
Den sonst ganz unbekannten Nutzen des schlechtsten Ungezie-
273
fers an,
274
Und denk’ an Dessen Lieb’ und Weisheit, Der solche Wunder
275
wirken kann
276
Durch so gering’ und schlechte Werkzeug’, die wir nicht anders
277
angesehn,
278
Als wären sie mehr schäd- als nützlich, als wenn sie ungefehr
279
entstehn;
280
Da sie jedoch nicht minder künstlich, nicht minder GOttes
281
Lob erhöhn.

282
Endlich ist der schnellen Fische wunderwürdige Figur,
283
Jhres Cörpers Wunder-Bau, ihre Art, sich zu bewegen,
284
Wie sie, sonder Händ’ und Füsse, sich, fast unbegreiflich,
285
regen,
286
Ohne Flügel, dennoch fliegen, als ein Wunder der Natur
287
Abermahl wohl zu betrachten, und vor vielen andern wehrt,
288
Daß man Den, Der es geordnet, voller frohen Ehrfurcht,
289
ehrt.

290
Wann der Kopf, fast aller Fische, sich von vorn allmählig
291
spitzet,
292
Findet sich, daß dieses ihnen, durch die Fluht zu dringen,
293
nützet,
294
Und der Schwanz, der durch die Muskeln sich auf alle
295
Weise krümmt,
296
Ist, den Fisch schnell fortzubringen, recht Verwunderns-
297
wehrt, bestimmt.
298
Er ist stark, und wendet sich schnell von der zu jener Seiten,
299
Wenn er sich gerade richtet, stösset er die hintre Fluht,

300
Und durch der Bewegung Kraft kann der Fisch schnell vor
301
sich gleiten,
302
Weit geschwinder, als ein Boot durch den langen Riemen
303
thut,
304
Den man hinten stark bewegt. Wozu denn noch ferner ihnen
305
Die am Bauch gewachsene Floß- und Wasser-Federn
306
dienen,
307
Da sie nemlich durch dieselben ebenfalls die Fluht zurück,
308
Und sich dadurch vorwerts bringen, auch in einem Augen-
309
blick,
310
Wenn sie sich nicht rühren, ruhn, ferner durch ihr wechselnd
311
Regen
312
Sich auf beyden Seiten lenken und unglaublich schnell
313
bewegen;
314
Ja, noch mehr durch dieses Werkzeug ihren Leib im Gleich-
315
Gewicht,
316
Und den Rücken oben halten, welcher sonst, als viel zu
317
schwehr,
318
Bey dem leichtern Bauch vermuhtlich unterwerts gekehret
319
wär,
320
Wie wir es bey todten Fischen, daß sie nicht mehr aufgericht,
321
Sondern auf dem Rücken treiben, öfters augenscheinlich
322
sehn.
323
Ja, so noch ein neues Wunder! Durch dieß Werkzeug können
324
sie,
325
Seiten- vor- und hinterwerts, sehr geschwind und sonder
326
Müh,
327
Sich bewegen, sich regieren, und auf allen Seiten drehen.

328
Aber, wie geschicht es doch, daß die Fische sich erhöhen,
329
Auch, so bald sie nur verlangen, sich schnell abwerts senken
330
können?

331
Hiezu hat der Schöpfer ihnen solch ein Werkzeug wollen
332
gönnen,
333
Welches recht Bewunderns-wehrt: Jeder hat in seinem
334
Bauch
335
Eine Flasche voller Luft, einen sonderbaren Schlauch,
336
Welchen man die Blase nennet; diese dient, den Fisch zu
337
heben,
338
Wenn sie sich vonsammen treibt, weil mehr Luft den Cörper
339
dehnet,
340
Und ihn doch nicht schwerer macht; welches ihm die Wege
341
bähnet,
342
Durch des Wassers Seul’ und Theile, die ihn tragen und
343
umgeben,
344
Wenn sich selbige vergrössern und vermehren, mehr zu
345
schweben;
346
Weil, wenn das Gewicht des Wassers sich vermehrt, es mehr
347
Gewicht,
348
Als es erst getragen, trägt. Wenn er nun die Blase
349
preßt,
350
Und die Luft, indem er drückt, durch die Kefen von sich
351
läßt,
352
Wird sein Umfang etwas kleiner, und kann soviel Wasser
353
nicht,
354
Als er erst beschlug, beschlagen, dadurch eben sinkt er
355
nieder,
356
Weil er schwerer, als das Wasser. Wie er aber Luft kann
357
fassen,
358
Und auf welche Weis’ und Art er die Luft im Wasser
359
wieder,

360
Die der Luft sonst widersteht, dennoch könne von sich
361
lassen,
362
Scheint von neuem unbegreiflich. Aber, wer das Werkzeug
363
sieht,
364
Wodurch von ihm diese Handlung, wenn der Fisch es
365
braucht, geschieht,
366
Muß mit Recht aufs neu erstaunen. Was wir bey uns
367
Kefen nennen,
368
Giebt ein kaum begreiflich Werk die Natur uns zu
369
erkennen:
370
Das Gewebe, die Gestalt, Farb’ und Stoff sind wahrlich
371
wehrt,
372
Daß man in so vieler Theile nöht- und künstlichen Verbin-
373
dung,
374
In so ungemeinen Werkzeugs unbegreiflicher Erfin-
375
dung,
376
Eine Weisheit, ohne Grenzen, merkt, bewundert und ver-
377
ehrt.
378
Dieses ist, mit solcher Kunst, in einander eingeschrän-
379
ket,
380
Daß dadurch sich gar kein Wasser, und nur bloß die Luft,
381
sich senket.
382
Welches Werk denn seinen Meister, auf besondre Weise,
383
preiset,
384
Und zugleich Macht, Lieb’ und Weisheit Deß, Der es erfun-
385
den, weiset.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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