Die Fläche des Meeres im Sturm

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Barthold Heinrich Brockes: Die Fläche des Meeres im Sturm (1743)

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Die weite Wasser-Welt fängt an, wenns stürmt, sich in
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die Höh' zu bäumen,
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Und anfangs schwach, bald fürchterlich und wild, zu wallen
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und zu schäumen;
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Ein ungestühmes, heisres, rauh-verwirrt- und schreckendes
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Getön
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Fängt unten, bey, auch über uns, und überall an, zu
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entstehn.
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Ein fürchterlich- und wildes Sausen, ein Rauschen, Krachen,
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Heulen, Brüllen,
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Fängt an, das dunkel-braune Reich der Lüfte, nah und fern,
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zu füllen,
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Worein fast schwarzes greßlich Grau, zugleich mit unter-
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mischt, zu sehn;
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Durch Strick’ und Masten bricht sodann, bey einem scharfen
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Schnauben, Brausen,
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Bey einem fürchterlichen Krachen, und fast unleidlich starkem
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Sausen,
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Ein helles, so durchdringendes, als stark- und widriges
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Gepfeif.
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Es steht der Flaggen dünner Taft, recht wie ein Blech, so fest
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und steif,
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Wenn der so strenge Zug der Luft so Flagg’ als Wimpel
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aufwerts führet,
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Und sie von allen Seiten preßt; so läßt es wirklich anders
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nicht,
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Als wenn, da alles in Bewegung, von allen sich kein’ einz’ge
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rühret.
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Die Wolken, welche bald im Dunkeln, und bald in einem
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schnellen Licht,
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Den ganzen Kreis der Luft durchstreichen, das graue Firma-
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ment umziehn,
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Und bald die Sonne blicken lassen, bald schnell sie wieder
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rauben, fliehn,
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Gedränget von der Stürme Grimm, getrieben von der Wut
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der Winde,
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Und fliegen, schnellen Vögeln gleich, mit strengem Zug, recht
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Pfeil-geschwinde.
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Es scheint das Firmament nicht fest, ja selbst mit ihnen
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fortzugehn,
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Kaum kann auch ein gesetztes Aug’ es, sonder Angst und
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Schwindel, sehn.
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Die aufgethürmte Wasser-Wogen, die regen Berge wilder
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Wellen,
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Entstehn und ändern unaufhörlich, im schnellen Steigen,
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ihre Stellen.
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Sie eilen, aus den Tiefen aufwerts, mit schnellem Zug und
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Wallen fort,
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Da sie die rückwerts wallende, mit strengem Drängen, über-
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steigen,
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Bis daß, in ihrem
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höchsten Ort
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Zerbersten, schäumen, und im Fallen viel tausend krause
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Wirbel zeigen,
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Von gelblich theils, theils braun-theils grau-theils weißlich
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schwarzen Linien,
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Die sich einander Wechsels-weis’ erheben, stürzen und ver-
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dringen,
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Erzeugen, sich vernichtigen, sich selbst erheben und verschlin-
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gen.
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Es sieht des Meeres weite Fläch’, es sieht das ganze
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Wasser-Reich
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Dem dunkel-grauen Wasser-Bley, ja gleichsam schwarzer
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Seifen, gleich,
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Wobey der Wasser-Berge Gipfel und ihre weiß beschäumten
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Höh'n,
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Als wären sie beschneyt, zwar weiß, doch noch fast greßlicher
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zu sehn;
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Indem sie, durch ihr schreckend Licht, womit sie in die Höhe
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steigen,
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Der hohlen Tiefe dunkle Schwärze, um so viel deutlicher,
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noch zeigen.
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Wenn nun auf dieser schwarzen Fluht, von ohngefehr, der
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Sonnen Licht,
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Durch einer, oft im Augenblick, zerrißnen Wolken Oeffnung
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bricht;
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Sieht man, auf der Pech-schwarzen Fluht, ein weisses Feuer
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plötzlich glimmen,
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Und einen Silber-weissen Schein, auf ihrer ganzen Fläche,
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schwimmen,
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Sie glänzet wie ein lichter Blitz; es blendet uns der helle
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Schein.
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Allein!
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Jm Augenblick verschlingt und raubt ein schnelles Braun
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das Schimmer-Licht,
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Es scheint, daß eine dunkle Nacht aus dem noch dunklern
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Abgrund bricht.
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Denn scheint die schwarze Wasser-Welt sich höher als vorhin,
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zu thürmen,
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Und gleichsam, mit erneuter Kraft und Wut, die Schiffe zu
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bestürmen,
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Giebt ihnen grimmig Schlag auf Schlag, mit solcher unge-
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stühmen Macht,
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Daß auch das allerdickste Holz, der allerstärkste Balken kracht.
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So ras’t und tobet Luft und Fluht, mit recht entsetzlicher
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Gewalt;
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So zeigt sich das ergrimmte Meer, in recht erschrecklicher
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Gestalt;
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Doch preiset es zugleich die Macht Deß, Der die wilde Wut
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zu zähmen,
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Dem aufgebrachten Element Grimm, Druck und Stärke
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zu benehmen,
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Es unverhofft zu stillen weiß, mit einem Wink, und es so
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fort,
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In seine vor’ge Grenzen bringt, so bald er will, mit Einem
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Wort.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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