Betrachtung der Meeres-Tiefe

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Barthold Heinrich Brockes: Betrachtung der Meeres-Tiefe (1743)

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Da ich allhier, des Meeres Anfang, im Mund der Elbe,
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täglich sehe,
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Wenn ich, von dem erhabnen Schloß, des breiten Wassers
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flache Höhe,
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Die uns nur sich, und Luft und Himmel, und keinen andern
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Vorwurf, weiset,
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Die keine Schranken, Ziel noch Grenzen, die keinen Strand,
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kein Ufer kennt;
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So deucht mich, (da dieß wild und prächtig, und nütz- und
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schrecklich Element,
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In seiner Grösse, Macht und Schönheit, besonders Dessen
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Allmacht preiset,
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Durch Dessen Wink es ward und ist, durch Dessen Hauch es
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währt und fliesset,
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Durch Dessen Wort und gnädigs Wollen, aus diesem Meer,
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ein Segens-Meer,
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Nicht nur allein fürs veste Land, für aller Creaturen Heer,
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Für alles fast, was Odem hat, in reicher Fülle sich ergiesset;)
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Daß es ein würd’ger Gegenwurf, und Stoff für wahre
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Menschen-Seelen,
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Um, in den ungezählten Wundern, von noch viel grössern
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Wunder-Werken,
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Des grossen Schöpfers aller Dinge, zu Seinem Ruhm, viel
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zu bemerken,
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Viel, voller Ehrfurcht, zu bewundern, und etwas davon zu
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erzehlen.

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Des Meeres innrer Zustand ist zwar unsern Augen unent-
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decket;
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Allein, wir können, wenn wir wollen, aus mancherley Er-
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fahrung sehen,
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Wie es in seinen tiefen Gründen doch ungefehr wol müsse
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stehen,
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Und wie die hohle Schooß der See voll ungemeiner Wunder
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stecket.
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Auf! laßt uns in Gedanken denn einst in des Meeres
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Abgrund steigen,
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Um die daselbst verborgne Werke, Dem, Der sie wirkt, zum
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Ruhm, zu zeigen.

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So senk ich denn, in GOttes Namen, zu GOttes Ehren,
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meinen Geist
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Hier in des Meeres dunkle Tiefe. Doch halt! werd ich auch
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ohne Grauen,
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Was mir des Abgrunds hohler Schlund für einen fremden
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Zustand weist,
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Die ungeheure Wasser-Last, des Meeres wilde Wunder
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schauen?
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Hier hangen ausgehöhlte Lasten von Felsen, die den Augen-
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blick
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Von oben abzustürzen drohn. Ein Meilen lang- und dickes
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Stück,
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Ja, welches wegen seiner Grösse sich gar nicht übersehen läßt,
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Ist öfters gleichsam sonder Stützen, und scheinet offen, gar
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nicht vest.
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Ja, ja, ich sink! itzt bin ich da. Mein GOtt! was hör und
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seh ich hier!
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Mich überfällt ein schneller Schauer, ich fühl ein innerliches
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Grausen,
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Ob ganzer Flüsse Schuß und Sturz, so, in der tiefen Wasser-
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Welt,
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Von ungemeßner Felsen Höh, hier brüllend durch einander
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fällt.
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Entsetzlich ist der Strudel Macht, fast unerträglich ist ihr
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Brausen;
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Der abgerollten schweren Fluhten gepreßt’ und wallende
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Gewalt
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Reißt durch geborstne Klippen fort mit recht betäubendem
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Gebrülle.

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An einem andern Ort hingegen ist die gedeckte Tiefe stille,
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Und unterscheid’ ich hier und dort, von dem verborgnen Auf-
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enthalt,
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Der feuchten Gegenwürfe Menge, in dem durchsichtigen
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Gewässer,
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Den fetten Grund, die rauhen Seiten, der Berge Brüch’ und
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Höhlen besser.
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Mein GOtt! welch ein verworrnes Wesen, ohn’ Ordnung!
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rief ich alsobald.
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Wie ist, von diesem Reich der Tiefe, doch die Gestalt so unge-
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stalt!

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Gespaltner Höhlen dunkle Rachen, gebrochner Berge
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blinde Klüfte,
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Verworrne bodenlose Schlünde, mit ew’ger Nacht erfüllte
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Grüfte,
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Unordentliche Felsen-Klumpen! Von Kiesel-bald, bald Mar-
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morstein,
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Ein wild zu Hauf
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groß, bald klein,
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Ein dichter bald, bald luckrer Haufen, ein’ ungeheure
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Klippen-Last,
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Die von der Sonnen nie bestrahlet, ein tief- und schlüpfriger
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Morast,
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Ein harter Kieß, ein fetter Schlamm, voll widerlicher Kle-
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brigkeiten,
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Bedecken und formiren theils die ausgenagten schroffen
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Seiten
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Der gähen aufgerißnen Höhlen, in welchen öfters eine
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Schaar
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Beschuppter wilder Wasser-Wunder und Ungeheur zu sehen
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war,
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Die, mit entsetzlichem Getös, wenn sie auf ihre Weise spielten,
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Durch ihre Last, Gewalt und Stärke, des Bodens zähen
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Grund durchwühlten.

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Hier, deucht mich, hör ich dich, mein Leser, mir einen
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starken Einwurf machen:
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“da ein so wild verworrnes Wesen, ohn’ alle Ordnung,
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überall,
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„fast in dem größten Theil der Welt, und den daselbst
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vorhandnen Sachen,
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„daß man darob erschrickt, regiert; so scheints, daß mehr
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durch einen Fall,
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„als durch ein weises Ueberlegen, der größte Theil der Welt
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entstanden,
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„da nichts, als Finsterniß und Schrecken, im größten Theil
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der Welt, vorhanden.

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Allein, du übereilest dich, und wirst vielmehr, mit mir,
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gestehen,
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Wenn du den unterirdschen Zustand, mit mehr Erwegen,
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angesehen,
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Daß das, so uns unordentlich, verwirrt und fast erschrecklich
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scheinet,
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Doch größre Weisheit mehrer Ordnung und Absicht zeigt,
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als wie man meynet.
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Sprich selber, wenn die düstre Tiefe der Abgründ’ in dem
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weiten Meer,
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Mit vieler Ordnung ausgezieret, nach Maaß und Kunst
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gebauet wär;
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Für wen sollt’ alle Ordnung seyn, für wen ein Regel-recht
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Gebäude?
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Auch selbst Eugenii Pallast würd’ einem Wallfisch wenig
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Freude,
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Die schönste Kirch’ in Rom und Londen würd’ Hayen, Wall-
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roß, Wasser-Drachen,
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Wenn sie sie gleich bewohnen sollten, gewiß kein groß Ver-
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gnügen machen.

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Weil nun den Bürgern dunkler Tiefen, ohn’ Einsicht,
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sonder Geist und Witz,
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Kein’ Ordnung, keine Maaß und Regel, Pracht, Herrlichkeit
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und Bau-Kunst nütz;
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So findet sich auch nichts dergleichen: daher, auch selbst im
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Mangel, man
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Hier eines weisen Schöpfers Finger verspüren und verehren
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kann:
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Da uns hingegen, weil dem Geist, für Ordnung, Maaß und
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Symmetrie,
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Für Licht, für Zierlichkeit und Schönheit, auch für der
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Farben Harmonie,
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Bewunderns-wehrte Fähigkeiten, von unserm Schöpfer,
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eingesenkt,
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Auf unsrer Welt, dergleichen Vorwürf’, in solcher Menge,
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sind geschenkt.
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Zudem sind in der Wasser-Welt, und in des Meeres tiefen
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Gründen,
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Die Spuren Seiner weisen Allmacht, auf andre Weise, gnug
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zu finden.

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Die schönen Bildungen der Fische, der Schmuck von
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Millionen Schnecken,
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Die Pracht so vieler Meer-Gewächse, die wir im tiefen Meer
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entdecken,
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Wo so viel platt-belaubte Büsche, wo ganze Wälder von
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Corallen,
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Wo solch ein reicher Schatz von Perlen, die, an Figur und
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Farben, schön,
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Zusammt den bunten Perlenmüttern, wo rein’ und klare
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Berg-Krystallen,
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Wo Millionen Creaturen, die alle zierlich sind, zu sehn;
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Die alle können unserm Geist, wenn wir auch in die Tiefe
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steigen,
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Auch dorten eine Weisheit, Allmacht und Liebe, kurz, den
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Schöpfer, zeigen.

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Der Boden, wie er auf der Fläche, der trocknen Erde,
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mancher Art;
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So ist er gleichfalls unterm Wasser, weich, steinigt, sandigt,
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fruchtbar, hart:
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Daher an vielen Orten nichts, an vielen Orten, wie auf
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Erden,
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Auch mancherley Gewächs und Kräuter erzeugt und
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angetroffen werden.
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Ja, wie wir auf der Oberwelt bald Berge, Thäler, Tief’ und
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Höh'n,
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Bald ebne Felder, Klippen, Flächen, bald höckerigte Stellen
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sehn;
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So sind dergleichen Gegenden auch in des Meeres tiefen
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Gründen,
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Nebst Höhlen, Grüften, Brüch- und Klüften, weit mehr, als
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hier genannt, zu finden.

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Dieß wäre denn, was von den Wundern, die in des Mee-
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res Tiefen stecken,
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Mein Geist, mein ganz erstaunter Geist, geschickt gewesen zu
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entdecken.
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Nunmehro scheinet Blick und Geist ermüdet. Ich kann, ohne
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Grauen,
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Das dunkle Reich der Meeres-Tiefe, fast ganz erstarrt, nicht
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ferner schauen.
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Es schwinget sich denn, aus dem Abgrund, itzt mein betäubter
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Geist empor,
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Und steiget, durch die dunkle Last der Fluhten, an das Licht
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hervor.
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Jtzt schau ich, weil ich mich, vom Meer, noch nicht entfernen
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kann noch muß,
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Auch seiner Oberfläch
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Gewalt;
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Denn auch, wenn Luft und
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liche Gestalt;
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Und endlich seiner
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fluß,
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Mit Loben und Bewundern an. O grosser Schöpfer!
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laß mein Lallen
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Von Dir, in Deinen Wunderwerken, wie schlecht es
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gleich, Dir doch gefallen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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