Neue Frühlings-Gedanken

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Barthold Heinrich Brockes: Neue Frühlings-Gedanken (1743)

1
Wir nahen von neuem den Stralen der Sonnen;
2
Von Frost und Eise sind wir frey.
3
An Tagen hat unsere Fläche gewonnen,
4
Gott Lob! der Winter ist vorbey.
5
Wir sehen dem fröhlichen Frühling entgegen,
6
Es lacht die trächtige Natur.
7
Wir sehen die gährende Kräfte sich regen;
8
Es färbet sich der Felder Flur.
9
Jtzt werden die Augen beständig erfreuet;
10
Es treibet der gedrungne Klee,
11
Mit glänzenden lieblichen Bluhmen bestreuet,
12
Fast sichtbar itzt sich in die Höh.
13
Die Beeten der schimmernden Gärten bedecket
14
Ein bunt-gefärbtes Bluhmen-Heer.
15
Von Hecken, durchs wachsende Grüne verstecket,
16
Sieht man den dürren Strauch nicht mehr.
17
Es krönet die glänzende Blühte die Wipfel
18
Der fruchtbarn Bäume sonder Zahl.
19
Es kleiden unzählige Kräuter die Gipfel
20
Der Berge, die noch gestern kahl.
21
Aus berstenden Knospen entspriessende Blätter
22
Erfüllen überall die Luft;
23
Es schwebt um die Bäume bey heiterem Wetter
24
Ein allgemeiner grüner Duft.
25
Gefärbte befiederte Vögel durchstreichen
26
Dieß grün Gewebe, Paar bey Paar;
27
Wir sehen auf Linden, auf Buchen und Eichen
28
Die lange nicht gesehne Schaar.

29
Wir sehen sie hüpfen und springen. Wir hören
30
Den lange nicht gehörten Schall;
31
Von ihren hell-pfeifenden gurgelnden Chören
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Ertönt der rege Wiederhall.
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Vor andern bezaubert mit wirbelndem Klingen
34
Die angenehme Nachtigall;
35
Es füllt ihr durchdringendes schmetterndes Singen
36
Die Büsch und Wälder überall.
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Jtzt wallen von neuem die sprudlenden Quellen,
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Von Eis und Schlamm nicht mehr verdämmt,
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In hurtigen, cirkelnden, wirbelnden Fällen,
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Durch glatte Kiesel, ungehemmt.
41
Zum öftern beschäumet, voll glänzender Blasen,
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Fließt ihr zwar klar- doch dunkles Naß
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Auf schimmerndem Sande. Von grünenden Rasen
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Bedeckt es oft das junge Gras.
45
Durch ihre durchsichtige rege Crystallen
46
Läßt sich der bunte Boden sehn.
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Man höret ein rauschendes murmelndes Schallen,
48
Durch manche kleine Fäll’, entstehn.
49
Sie rinnen geschäftig, sie rieseln, sie eilen,
50
Bis daß sich endlich nach und nach,
51
Durch ebenern Boden, die Triebe zertheilen;
52
Denn stillt ihr Laut sich allgemach.
53
Dann werden die Flächen zu glänzenden Spiegeln,
54
Worinn wir Erd und Himmel sehn,
55
Und, zwischen bebüschten und blühmigten Hügeln,
56
Wird das, was schön ist, doppelt schön.
57
Bald zeigen, von schattigten Wäldern, die Wipfel
58
Sich deutlich auf der klaren Fluht,
59
Bald zeigt sie, von Bergen, erhabene Gipfel,
60
Bestrahlet von der Sonnen Gluht.

61
Hier bilden sich glänzende Wolken in ihnen,
62
Dort stellen sie der Luft Sapphir,
63
Da schimmernde Bluhmen im lieblichen Grünen,
64
Und ihrer Ufer Bilder für.

65
Der lieblichsten Landschaft gefärbte Figuren
66
Vereinen sich im Wiederschein.
67
Es kann, so von schattigten Wäldern als Fluren,
68
Das Urbild selbst kaum schöner seyn.

69
Jtzt spüren die Thiere die liebliche Liebe,
70
Es wallt ihr jüngst noch träges Blut.
71
Sie fühlen in ihnen belebende Triebe,
72
Entflammt von neuer Liebes-Gluht.

73
Es zollt uns das Thier-Reich lebendige Früchte:
74
Es wirft das Schwein, es kalbt die Kuh,
75
Manch strudlender Milch-Quell mehrt unsre Gerichte,
76
Die Stute fohlt, das Schaf kommt zu.

77
Hier tritt, von stets tzirpenden Küchlein begleitet,
78
Aus ihrem Nest, ein gluchzend Huhn;
79
Wann Entgen, von schnatternden Muttern geleitet,
80
Auf unsern Deichen schwimmend ruhn.
81
Es kommen aus berstenden Schaalen gedrungen
82
Die Gänse, Welsche Hühnlein auch.
83
Jtzt füttern die girrenden Tauben die Jungen,
84
In ihrem Nest, zu unserm Brauch.

85
Hier spreuzet sich, kollert, stolziret und zeiget
86
Der Welsche Hahn den matten Zorn.
87
Dort krähet der Haus-Hahn, zum Kämpfen geneiget,
88
Und lockt zu dem erkratzten Korn.
89
Wer Ohren hat, höre die fröhlichen Töne,
90
Durch ihren hellen Klang erquickt.

91
Wer Augen hat, sehe, wie lieblich, wie schöne
92
Der ganze Welt-Bau itzt sich schmückt.

93
Kommt, schmecket, wie freundlich die liebende Güte
94
Deß, Der anitzt die Welt verjüngt.
95
Verehret, mit innig gerührtem Gemühte,
96
Den, Der den Frühling wiederbringt.

97
Die herrlichen Werke bewähren den Meister.
98
Laßt denn, da sie so wunderschön,
99
Doch alle gerührte vernünftige Geister
100
Den Schöpfer itzt mit Lust erhöhn!
101
Zu seiner Vollkommenheit kann man nichts fügen,
102
Er brauchet unsrer Ehre nicht;
103
Nur unser Vergnügen ist Gottes Vergnügen,
104
Nur unsre Lust ist unsre Pflicht.
105
Der ewigen Güte belebende Triebe
106
Sind aller Creaturen Grund.
107
In ihnen nur macht die unendliche Liebe
108
Den Glanz von ihrem Feuer kund.
109
Er schuf der Geschöpfe nicht zahlbare Schaaren,
110
Um ihnen wohlzuthun, allein,
111
Um Seine vergnügende Gunst zu erfahren,
112
Ein Vorwurf Seiner Huld zu seyn.
113
Dieß fühlen sie alle. Doch hat Er das Denken,
114
In einem weit erhabnern Grad,
115
Den menschlichen Seelen gewürdigt zu schenken,
116
Die er dadurch verpflichtet hat.
117
Dieß Denken verbindet uns, uns zu vergnügen
118
An allen dem, was Gott gemacht;
119
Doch zu dem Vergnügen ein Denken zu fügen
120
Auf Den, Der es hervorgebracht,

121
Nur Jhn, als den Ewigen Urstand, zu ehren,
122
Der Wunder, die so wunderschön,
123
Bey froher Bewundrung die Triebe zu mehren,
124
In unsrer Lust, Jhn zu erhöhn.

125
So weit erstrecken sich unsere Pflichten
126
Anf dieser Welt, und weiter nicht.
127
Damit wir nun alles Pflicht-schuldig verrichten;
128
So schenk’ uns, HErr, der Weisheit Licht!

129
So oft wir in Deiner Bewundrung uns üben,
130
So werden wir zugleich geschickt,
131
Nach Deinen Gesetzen, den Nächsten zu lieben,
132
Einfolglich, hier und dort, beglückt.

133
Herr! laß uns im Frühling Dein Wohlthun beachten,
134
Gerührt, oft froh und dankbar seyn;
135
Oft Deine beträchtlichen Werke betrachten;
136
Oft, Dir zu Ehren, uns erfreun!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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