Neue Frühlings-Betrachtung

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Barthold Heinrich Brockes: Neue Frühlings-Betrachtung (1743)

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Welch ein reges, allgemeines, pressendes, belebt Ge-
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dränge
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Muß, zur holden Lenzen-Zeit,
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In nie unterbrochener, unvermerkter Aemsigkeit,
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Zu dem unsrer Erden Fläche itzt bedeckenden Gepränge,
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Luft und Land, und überall alles, was man siehet, füllen!
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Alle Säfte gähren gleichsam, allenthalben sieht man fast,
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Bald aus ungeschlachter Erde, bald aus einem dürren Ast,
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Gras und Kräuter, Bluhmen, Knospen, Blüht’ und junge
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Blätter quillen,
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Auch mit ihnen, junge Schatten. Was, vor einer Stunde,
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noch
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Ungeformt im Klumpen saß, trennet und entwickelt sich,
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Färbt, formirt sich, und erscheinet. Wie geschiehet dieses
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doch?
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Wird es denn aus den Behältern mit Gewalt hervorgedrun-
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gen?
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Kommt es etwan von sich selber aus der Knosp’ hervor-
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gesprungen?
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Oder zieht von aussen etwas sie aus ihrem Sitz herfür?
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Wie bereitet sich in ihnen ihrer Form- und Farben Zier?

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Wenn wir etwas zierlichs bilden, so geschicht es durch
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die Hand,
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Diese führet und regieret der sie leitende Verstand,
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Und dieß nennen wir denn Kunst. Aber hier erblicken
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wir
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Etwas, welches, sonder Zuthun unsrer Seel und Hand, sich
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bildet,
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Sich bewundernswürdig färbt, sich versilbert, sich ver-
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güldet.

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Läßt sich hier nicht deutlich spüren, daß ein anderer Ver-
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stand
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Ausser uns vorhanden sey, eine weit geschicktre Hand
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Ausser uns unsichtbar wirke? Ueberall sieht man die Spur,
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Daß sie überall vorhanden. Ist es denn nicht unsre Pflicht,
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Kunst und Weisheit zu bewundern, und der Wirkung der
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Natur
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Ehrerbietig nachzusinnen? Unser cörperlichs Gesicht
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Siehet die gewirkten Wunder; doch Den, Der sie wirket,
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nicht.
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Aber unsers Geistes Auge muß ja billig weiter gehen,
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Und in unleugbarer Weisheit, Schmuck und Kunst, Den
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Künstler sehen,
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Der unwidersprechlich da. Ist Er es vielleicht nicht wehrt,
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Daß man Jhn zu kennen suche? Sind die herrlichen Ge-
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schenke,
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(da Er ja, für uns, nur wirkt, da Er uns erfreut und nährt,
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Nutz als Lust zugleich verbindet) nicht, daß man an Jhn
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gedenke,
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Jhn bewundre, Sein sich freue, denn nicht würdig? Unge-
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mein
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Sollte billig jeder Mensch, durch des Frühlings Pracht
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gerühret,
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Und zugleich, in dieser Lust, auf Denjenigen geführet,
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Der so unnachahmbar wirkt, voll vergnügter Andacht, seyn.
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Handeln wir nicht fast unmenschlich, und, als wenn ein
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Ungefehr,
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Ohne GOtt, und sonder Ordnung, Ursach aller Wunder wär?
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Mich soll wenigstens der Schmuck unsrer Welt, in diesen
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Zeiten,
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Da sich, was man sieht, verschönert und belebet, weiter
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leiten;

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Mein, durch unsers Frühlings Pracht, inniglich gerührter
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Geist
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Soll in dieser meiner Lust zu der Anmuht-Quelle steigen,
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Welchen Seine schöne Werke, itzt fast mehr als sonst, mir
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zeigen,
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Der sich uns in jeder Bluhme, Blüht und Kraut fast sichtbar
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weist.

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Zu den künstlichen Gebäuden netter Nester scheint die
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Schaar
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Der Geflügel zugerichtet, und die kleinen regen Bienen
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Müssen der Natur, als Werkzeug ihrer klugen Absicht,
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dienen
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Zu den Wachs- und Honig-Zellen, ja dieselbe braucht so gar,
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Zu dem künstlichen Gewebe zarter Netze, kluge Spinnen.
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Dieses spüren unsre Sinnen;
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Aber, zu der Bluhmen, Blühte, Grases und des Laubes Zier
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Trifft man überall kein Thier,
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Gar kein Werkzeug, keinen Künstler, keinen sichtbarn Mei-
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ster an.
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Hier erweiset die Natur, daß sie selbst unmittelbar
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Das vortrefflichste, das schönste, sonder Hülfe, bilden kann.

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Aber kann man hierbey wohl, mit Befugniß, stille stehen?
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Müssen wir mit unserm Denken nicht gebührend weiter
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gehen,
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Als bloß zu dem Wort Natur? Welches uns zu blenden
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scheint,
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Da man, durch Gewohnheit schwindlich, es recht wohl zu
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fassen meynt;
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Aber dennoch nichts begreift. Nur der Gottheit, bloß allein,
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Muß der Ursprung aller Dinge einzig zugeeignet seyn.

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Seine Ordnung ist Natur. Weñ wir also
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Daß sie wunderbar gebildet, wunderbar gefärbt und schön,
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Ja, fast schöner sind, als alles; sollten sie uns nicht ver-
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binden,
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Fast unmittelbar den Schöpfer hier zu suchen und zu finden?
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Bloß Sein liebreichs Wort allein
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Gab und giebet noch den Pflanzen Form, Geruch und Farb’
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und Schein.
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Sein erhaltend liebreich Wort schränkt den Saamen alle
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Kraft,
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Die uns ein Geheimniß bleibet, alle Pracht und Eigenschaft
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Einmahl bey der Schöpfung ein,
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Unterhält die Wunder-Ordnung, da wir, durch der Erden
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Drehn,
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Nach des Winters Widrigkeit, den von Wunder trächtgen
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Lenzen,
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Durch die Wunder-Kraft der Sonnen, als geschwängert,
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prächtig glänzen,
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Und im selben überall, alles sich beleben, sehn.
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Mit bewunderndem Vergnügen bete denn doch jeder-
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mann
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Unsers nahen Schöpfers Weisheit, Lieb’ und Macht in
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Bluhmen an.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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