Abermahlige Betrachtung des Frühlings, insbesondere der darinn überall verspührten Fruchtbarkeit und Triebe zur Vermehrung. Nach Anleitung einiger Gedanken aus Mr. Thomson Season

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Barthold Heinrich Brockes: Abermahlige Betrachtung des Frühlings, insbesondere der darinn überall verspührten Fruchtbarkeit und Triebe zur Vermehrung. Nach Anleitung einiger Gedanken aus Mr. Thomson Season (1743)

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Mein Herz, laß itzt zur Frühlings-Zeit in dir ein Freuden-
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Feur entglimmen!
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Beschaue, zu des Schöpfers Preise, die, von Jhm Selbst,
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geschmückte Welt!
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Bemühe dich, zu Dessen Ruhm, Der alles schaffet und erhält,
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In einer fleißigen Betrachtung, ein frohes Danklied anzu-
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stimmen.

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Das allgemeine Kleid der lächelnden Natur,
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Das holde Grün, bedeckt die jüngst noch welke Flur,
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Mit Bluhmen überall durchwirket und gesticket.
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Es ist, so weit man sieht, das flache Feld geschmücket.
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Zugleich bemühen itzt die saftgen Wälder sich,
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Vom Sonnen-Strahl belebt, gemeinschaftlich,
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Der stündlich schwellender gefüllter Knospen Menge,
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Durch ein sich mehrendes fast sichtbares Gedränge,
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Und immer stärkern Trieb zu öffnen, sich zu spalten,
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Und ihr verschränktes Laub allmählich zu entfalten,

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Bis die vereinte Zweig’ sich durch einander strecken,
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Und den begrünten Grund mit jungen Schatten decken,
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Worinn das frohe Wild auf weichem Grase springt,
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Mit raschlendem Geräusch, durch die verworrne Hecken,
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Durch junges Farren-Kraut und dichte Büsche dringt,
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Worinn sie sich bald zeigen, bald verstecken.
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Inzwischen, daß fast überall,
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Uns neue Freude zu erwecken,
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Mit einem zwitzschernden Gepfeif und hellem Schall,
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Die neue rege Schaar der bunten Vögel singt.
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Da denn der reine Ton der hellen Nachtigall
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So gar, den lange nicht gehörten Wiederhall
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Durch ihren starken Schlag, zur süssen Antwort zwingt.
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Der bunte Garten glüht, und füllt die laue Luft
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Mit einem angewürzt- und Balsam-reichen Duft,
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Als wie ein Rauchfaß an. Jtzt muß man sich bemühn,
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Dem ungesunden Dampf der Stadt sich zu entziehn,
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Und dem mühsel’gen Lerm des Hofes zu entfliehn;
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Um, wie das itzt, durch GOttes Wunder-Hand,
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So lieblich ausgeschmückte Land,
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So angenehm, so wunderschön,
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In stiller Anmuht anzusehn.
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Wir wollen itzt in Feldern, Wäldern, Auen,
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Des Schöpfers weise Liebe schauen!

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Komm, laß uns die durch GOtt so schön gezierte Welt,
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Woselbst Er Seine Huld recht sichtbar dargestellt,
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Doch unsers Ansehns würdig achten,
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Und das, zu unsrer Lust, geschmückte Jahr betrachten!
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Komm, laß uns früh am bunten Schmuck der feuchten
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Wiesen uns vergnügen,
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Worauf des Thaues klan Tropfen, wie lauter reine Perlen,
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liegen!

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Dann wollen wir uns hie und da in kleinen, erst belaubten,
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Büschen,
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Die wie ein holder Labyrinth das Feld erfüllen, uns erfrischen.
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Auch laß uns, nebst der grünen Pracht der Klee- und Kräu-
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ter-reichen Auen,
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Der Gärten tausendfärbigen und tausendförm’gen Schmuck
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beschauen.

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Sieh dorten einen weissen Strich von Birn- und Kir-
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schen-Bäumen blühn!
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Hier einen Grenzen-losen Platz in holdem Purpur feurig
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glühn!
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Und dort, um unsern regen Blick um desto mehr noch zu
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erfrischen,
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Auf jenem schönen Apfel-Baum sich alle beyde Farben mi-
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schen,
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So, daß ein nimmer müdes Aug, in jedem Gegenwurf ver-
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gnügt,
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Sich wechsels-weis’ in beyden Farben, von einer Lust zur an-
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dern fügt.
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Noch ziehen ungezählte Wunder, durch ihre Pracht und
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Schönheit, dort,
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Mein ernstes Denken mit sich fort;
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Das aber ihren Schmuck verstellt: denn, wer kann jemahls
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der Natur,
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In ihren Mahlereyen, gleichen?
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Kann unser Sinn die holde Schöpfung und schöne Farben
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wohl erreichen?
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Kann jemand wohl die zarte Spur
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Der unbegreiflichen Erfindung und die verborgnen Künste
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finden?
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Kann wohl ein Mensch die Art der Handlung und ihre Wir-
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kungen ergründen?

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Weiß jemand wohl so anzulegen, wie sie, in ungespührter
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Kleinheit?
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Weiß jemand etwas zu vermengen in solcher dünn- und
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zarten Feinheit,
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Wie wir, in Knospen, welche blühn, und woraus endlich
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Frücht' entstehn,
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Ja, in der Pflanzen grossen Menge fast stets auf andre Weise
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sehn?
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Da die Gedanken nun nicht fähig so fremder Arbeit nachzu-
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spühren,
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Wie kann es doch die Spraye thun? Wo nimmt man immer
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Worte her,
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Gefärbt mit solchen schönen Farben? Und welcher Kraft fiel
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es nicht schwer,
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Mit solchem süß- und holdem Oel, den zarten Bau zu balsa-
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miren;
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Mit solchem angewirzten Duft, der unerschöpflich sie um-
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ringt,
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Und nach dem Leben vorzustellen den Balsam, der aus ihnen
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dringt!
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Wir wollen itzt denn aus dem Reich der stillen Pflanzen uns
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erheben,
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Um auf das angenehme Wesen des bunten Luft-Volks Acht
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zu geben.

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Hör’ und bemerke, wie so laut der Laub- und Vogel-reiche
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Wald
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Durch seiner kleinen Bürger Kehlen, dich zu sich einzuladen,
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schallt!
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Ach, leiht mir euren süssen Ton, ihr Nachtigallen, daß mein
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Singen,
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Durch eure Melodey beseelt, mag lieblicher und besser klin-
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gen.

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Ich fühl’ ein reizendes Verlangen, und, um auch einst der
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Wälder Liebe
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In holden Vögeln zu besingen, noch nimmer sonst verspührte
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Triebe.

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So bald in der erwärmten Luft der Geist der Liebe sich ver-
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breitet,
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Und tönend in ihr Herze dringt, fängt gleich der Vögel mun-
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tre Schaar,
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Auf ihren Putz bedacht, die Federn zurecht zu bringen, ziehet,
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spreitet
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Die bunten Flügel aus. Jhr Led, das mehrentheils ver-
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gessen war,
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Stimmt jeder, anfangs sanfte gurgelnd, in schwachen Tö-
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nen, wieder an;
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Allein, kaum daß die süsse Brunst in ihren Adern stärker rann,
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So lebet alles. Jhre Freude fängt an sich gleichsam zu er-
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giessen.
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Man sieht und höret ihre Lust aus ihren Kehlen überfliessen
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In unbeschränkter Harmonie. Die Lerche schwingt sich in
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die Luft
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Mit hellem Gurgeln hoch empor, bemüht, den Morgen anzu-
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zeigen,
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Und, ehe noch die Schatten fliehn, schon singend in die Höh’
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zu steigen,
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Durch den, von des noch nicht gesunknen erhabnen Thaues
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feuchten Duft,
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Da sie dem liederreichen Volk, aus ihrem Schlaf sie weckend,
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ruft.
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Aus jedem Busch, von jedem Zweige (der weich bemoset, dick
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belaubt,
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Und feucht annoch vom kühlen Thau, als wie ein kleiner
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grüner Bogen

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Sich über dieser Sänger Haupt,
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So sie die ganze Nacht beherbergt, zum Schutz und auch zur
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Lust, gebogen)
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Erschallt ein fröhliches Concert. Durch dieß verwirrete
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Gedränge,
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Der in die Welt ertönenden, die Luft erfüllenden Gesänge,
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Läßt sich durch einen schärfern Ton, aus allen angestimmten
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Chören,
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Vor andern noch am hellsten hören
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Die Wald-Lerch und der Crammetz-Vogel. Indessen lauscht
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die Nachtigall,
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Gönnt ihnen ihre Lust aus Grosmuht, zähmt ihren siegeri-
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schen Schall,
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Durch den sie aller Vögel Lieder befugt und fähig zu verla-
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chen,
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Und nimmt sich vor die Nacht darauf noch schöner als den
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Tag zu machen.
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Der Hänfling pfeift aus einer Hecke, der Stieglitz zwitschert
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aus den Büschen,
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Die Spreen und Stahren gurgeln dort, die Dross- und Am-
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seln singen hell,
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Womit von tausend andern Kehlen sich lockende Manieren
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mischen,
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Bald wirbelnd, niedrig bald, bald hoch, geschleift und lang-
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sam bald, bald schnell.
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Die Kräh’, die Dohle nebst dem Raben, die schreyen fröhlich;
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doch allein,
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Von ihrem Gatten blos begleitet.
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Und stimmen ihre heisre Kehlen mit jenen nicht recht über-
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ein;
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So scheinen sie die Dissonanzen des Wollauts, in dem Chor,
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zu seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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