I

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Charles Baudelaire: I (1844)

1
Von diesem schrecklichen Gefilde,
2
Das nie ein sterblich Aug erblickt,
3
Hat ein verweht und zart Gebilde
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Noch diesen Morgen mich entzückt.

5
Der Schlaf ist reich an Wunderträumen!
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Durch einer Laune fremdes Spiel
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Bannt ich aus den erschauten Räumen
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Der Pflanzen regellos Gewühl.

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Im Bild, das stolz mein Geist sich malte,
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Erfreute sich mein kühnes Herz
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An ewger Öde, die erstrahlte
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Von Wasser, Marmelstein und Erz.

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Es war ein Babel von Arkaden,
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Ein niemals endender Palast,
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Reich an Bassins und an Kaskaden,
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Von Schalen matten Golds gefaßt;

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Und Wasserfälle, niederschießend
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Gleich einem Vorhang von Kristall,
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Sie hingen schwer, ihr Licht ergießend,
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An steilen Mauern von Metall.

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Nicht Bäume sondern Kolonnaden
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Umgaben schlummerstille Seen,
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Wo die gigantischen Najaden
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Wie Frauen sich im Spiegel sehn.

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Es breiteten sich blaue Teiche
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Entlang den grün und rosgen Strand,
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Durch tausend nie ermeßne Reiche,
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Bis an der Erde fernsten Rand.

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Es waren nie erschaute Steine
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Und eine magisch-fremde Flut,
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Gewaltge Spiegel, hell vom Scheine
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Der Wunder, die darin geruht.

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Weltströme wie der Ganges flossen
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Verstummt im Ruhn des Ätherblaus,
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Und ihrer Urnen Schätze gossen
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Sie in demantne Schlünde aus.

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Ich ließ, des Feeenreichs Erbauer,
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Durch eines Tunnels nächtgen Gang,
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Mit edelsteingeschmückter Mauer,
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Das Weltmeer gehn, das ich bezwang.

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Geschliffen, schillernd und geglättet
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War selbst der schwärzen Farben Nacht,
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Stolz prangend in die Flut gebettet,
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Erleuchtet in kristallner Pracht.

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Sonst keine Sterne, keine Flammen
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Der Sonne, selbst am Himmelsrand,
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Die Dinge all, die wundersamen,
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Durchleuchtete ihr eigner Brand.

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Und über dieser Welt verloren,
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Lag – neuer Schrecken: endlos weit
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Dem Auge alles, nichts den Ohren –
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Ein Schweigen wie die Ewigkeit!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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